Unsere Kinder streiken für das Klima! Und was tun wir?

Demonstration von Fridays for Future am 25.01.2019 in Berlin. Foto: Jörg Farys, Fridays for Future - 25.01.2019 in Berlin, CC BY 2.0

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Fridays for Future und die Perspektiven

Unsere Kinder streiken für das Klima! Und was tun wir?

Von Daniel Tanuro | 8. März 2019

Die Situation ist überaus ernst. Auf der ganzen Welt gehen Tausende von Jugendlichen spontan für das Klima auf die Straße. Auf den wirklich großartigen Aufruf hin, den die 15-jährige schwedische Schülerin Greta Thunberg auf der COP24 lanciert hat, haben am 17. Januar in Brüssel mehr als 12 000 von ihnen gestreikt und demonstriert.

„Was nützt es, in die Schule zu gehen, wenn unser Planet morgen zerstört ist“, fragten diese jungen Menschen. Aus ihnen spricht schlichtweg der gesunde Menschenverstand! Und diese Jugendlichen übertreiben dabei nicht. Die Situation ist wirklich überaus ernst. Die durchschnittliche Temperatur der Erde hat sich seit 1800 zwar erst um ein Grad erhöht, das Ergebnis ist jedoch bereits jetzt beunruhigend: Hitzewellen, Kälteeinbrüche, Dürreperioden, mehr Überschwemmungen, schmelzende Gletscher und Polkappen, immer heftigere Wirbelstürme, riesige Waldbrände etc.

Bei zwei Grad Erwärmung werden die Auswirkungen katastrophal sein, denn dann droht uns ein „Schneeballeffekt“: Die Erde würde zu einem „Brutkasten“ werden und die Temperatur könnte sehr schnell um 4 °C ansteigen. Ganze Regionen würden unbewohnbar, Hunderte Millionen von Menschen müssten ihre Heimat verlassen, die Biodiversität würde zusammenbrechen und die Meeresspiegel würden letztlich um drei bis vier Meter ansteigen. Es wäre die absolute, die ultimative Katastrophe!

Fazit: Wir müssen alles nur Mögliche dransetzen, den auf der COP21 in Paris für die Klimaerwärmung vereinbarten maximalen Grenzwert von 1,5 °C nicht zu überschreiten. Nur tun die Regierungen leider nichts dafür. Basierend auf deren „Klimaplänen“ sagen Fachleute eine Gesamterwärmung zwischen 2,7 und 3,7 °C voraus … als Minimum, denn immer mehr führende Politiker, wie Donald Trump und der brasilianische Faschist Bolsonaro, sind versucht, diese Realität zu leugnen!

In Europa gehört die belgische Regierung zu den schlimmsten Heuchlern: Am 2. Dezember 2018 lobte sie die 75 000 Klimademonstranten und am nächsten Tag weigerte sie sich, zwei europäische Klimaschutzverordnungen zu unterstützen! Schande über diese Heuchler!

Das Kapital zerstört unser Leben und den Planeten

Wissenschaftler läuten schon seit über 25 Jahren die Alarmglocke. Warum nehmen die Emissionen immer weiter zu? Warum tun die Regierungen (fast) nichts? Weil sie dem Kapital zu Diensten sind, weil der Kapitalismus nur ein einziges Ziel hat, den Profit, weil der Profit Wachstum benötigt und weil dieses Wachstum historisch auf der Energie fossiler Brennstoffe (Öl, Kohle und Erdgas) beruht.

Die erneuerbaren Energien? Auch sie werden für den Profit produziert, nicht für die Umwelt. Würde weniger erzeugt und mehr geteilt, würden sie ausreichen, den tatsächlichen Bedarf der Menschheit zu decken. Die Multis weigern sich jedoch, ihre Bestände an fossilen Energien und das entsprechende Equipment aufzugeben, die Banken weigern sich, auf ihre Investitionen in diese Bestände und Einrichtungen zu verzichten und die Bosse all dieser Konzerne haben nur einen einzigen Gedanken im Kopf: Sie wollen die Arbeitskräfte und die Natur immer noch mehr ausbeuten, um immer noch mehr zu produzieren und noch mehr Profit als die Konkurrenz zu machen …

Man sagt uns, Wachstum sei die Voraussetzung für alles und jedes: für unsere Arbeitsplätze, unsere Löhne und Gehälter, unsere soziale Sicherheit, unsere öffentlichen Dienstleistungen und unseren Lebensstandard. Daher sei unser Leben davon abhängig, dass wir und die Natur ausgebeutet würden. In Wirklichkeit aber zerstört dieses produktivistische System sowohl unser Leben als auch die Natur.

Wir stehen heute am Rande des Abgrunds

Wir stehen heute am Rande des Abgrunds. Um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, die Klimaerwärmung nicht über 1,5 °C ansteigen zu lassen, muss der weltweite Treibhausgasausstoß zwischen 2020 und 2030 um netto 58 % abnehmen. Anschließend muss er bis 2050 auf Null zurückgegangen sein, danach muss dafür Sorge getragen werden, dass die Erde mehr CO2 absorbiert, als sie abgibt.

Anderenfalls muss man entweder akzeptieren, dass die Erde zum Brutkasten wird, oder auf Technologien zurückgreifen, die der Atmosphäre auf künstlichem Weg Kohlenstoff entziehen („Negativemissionstechnologien“) oder einen Teil der Sonneneinstrahlung reflektieren („Geo-Engineering“). Aber Vorsicht: Es gibt keinerlei Garantie, dass diese Zauberlehrlingstechnologien funktionieren. Das Experiment muss direkt am lebenden Organismus ausgeführt werden, auf der Erde und mit allem, was darauf lebt.

Angesichts dieser tödlichen Gefahr ist der Selbsterhaltungstrieb tausendfach berechtigt. Die Schüler*innen haben daher tausendfach das Recht zu streiken. Schauen wir dabei nicht tatenlos zu. Unterstützen wir sie gegen die Anfeindungen seitens der Rechten à la Trump und gegen jedwede Vereinnahmungsversuche, aus welchem Lager auch immer. Und folgen wir ihrem Beispiel!

Soziales und Umwelt: ein und derselbe Kampf!

Die primär Leidtragenden der Klimaerwärmung sind all die, die von den Regierenden und den Unternehmer*innen ohne Unterlass attackiert werden: die Arbeiter*innen, die Bauern und Bäuerinnen, die Kinder, die Frauen, die Rentner*innen, die Kranken, die Migrant*innen etc!

Die Reichen sagen sich, dass sie dem jederzeit entgehen können, und sei es, dass sie auf künstlichen, Milliardären vorbehaltenen Inseln leben müssen. Um ihre Privilegien zu retten und unsere sozialen und demokratischen Errungenschaften zu zerstören, tendieren sie immer mehr zur rassistischen, sexistischen und klimanegationistischen extremen Rechten. Damit liegt auf der Hand, dass die soziale und die ökologische Frage nur zwei Seiten ein und desselben großen Kampfes für Demokratie sind.

Und dieser Kampf hat gerade erst begonnen. Die Lohnabhängigen müssen dabei mit an Bord sein: Von den Gelbwesten bis zur Jugend – es ist höchste Zeit, die Kämpfe und Forderungen zusammenzuschließen. Heute sind unsere Kinder auf der Straße und im Streik, um ihr Existenzrecht und das ihrer Kinder auf diesem Planeten zu verteidigen. Und wir, die Erwachsenen, was tun wir? Wir müssen ihnen den Rücken stärken! Das ist unsere Pflicht und  Schuldigkeit.

Setzen auch wir uns mit allen Mitteln in Bewegung. Streiken auch wir – aber nicht zu Hause am warmen Herd, sondern aktiv und nachdrücklich. Und debattieren wir dabei über all die Ungerechtigkeiten, all die Zerstörungen und über die Mittel und Wege, mit dem ganzen sozialen und ökologischen Schlamassel Schluss zu machen.

Ökosozialistische Sofortforderungen

Ist es überhaupt noch möglich, die Klimakatastrophe zu verhindern? Dafür bedarf es kolossaler Anstrengungen, bei denen soziale und ökologische Gerechtigkeit und Demokratie Hand in Hand gehen. Ein ökosozialistischer Übergang ist also unumgänglich. Dafür bedarf es eines Notfallplans. Hier ein Entwurf mit zehn Sofortforderungen:

  • Schluss mit der Produktion von überflüssigen und gefährlichen Produkten (angefangen bei den Waffen!) und unnötigen Warentransporten! Stattdessen weitestgehende Regionalisierung der Produktion und Kampf gegen vorprogrammierte Verfallszeiten.
  • Schaffung von öffentlichen Unternehmen, die zur Aufgabe haben, alle Gebäude (ohne Mehrkosten für die Bewohner*innen) zu dämmen und zu renovieren.
  • Massive Investitionen in den öffentlichen Verkehr, um die Nutzung von Privatfahrzeugen zunehmend weniger attraktiv zu machen. Einschränkung von Flugreisen.
  • Verbleib der fossilen Brennstoffe im Boden. Enteignung und Vergesellschaftung der Energie- und Finanzsektoren, um einen schnellen Übergang zu einer zu 100 % auf erneuerbaren Energien (ohne Atomkraft!) basierenden Wirtschaft zu organisieren.
  • Umverteilung des Reichtums, Rückkehr zu mehr Steuergerechtigkeit und eine progressive Besteuerung der weltweit [und damit hauptsächlich in den Steueroasen] verstreuten Gewinne. Ausreichende finanzielle Ausstattung der öffentlichen Hand, des Bildungswesens und des Gesundheits- und Pflegesektors.
  • Einhaltung der Klimagerechtigkeit. Nordsüd-Transfer sowohl von Technologien als auch der nötigen finanziellen Mittel für eine nachhaltige Entwicklung für Alle.
  • Schluss mit der Agrarindustrie. Förderung einer umweltfreundlichen Landwirtschaft, bei der ein Maximum an Kohlenstoff im Boden gebunden werden kann.
  • Verteilung der notwendigen Arbeit auf alle Hände und ohne Lohneinbußen. Umschulung der bisher in den überflüssigen Produktionssektoren aktiven Arbeiter*innen (unter Beibehaltung der Einkommen und der sozialen Errungenschaften) auf die neuen Tätigkeitsbereiche.
  • Abkehr von der totalen Vermarktung aller Lebensbereiche: kostenlose Ausbildung, Verkehrsmittel und Gesundheitsversorgung. Kostenlose, den Grundbedürfnissen entsprechende Versorgung mit Wasser und Strom, steil ansteigende Progression der Tarife bei darüber hinausgehendem Verbrauch.
  • Entwicklung einer Kultur des „Sich Kümmerns“, der Transparenz und der Verantwortlichkeit. Unterstützung und Sozialisierung von Leistungen am Menschen und an den Ökosystemen.  Einführung des Wahlrechts für alle. Anerkennung des Rechts auf Kontrolle und Entscheidung durch die betroffenen Bürger*innen und Lohnabhängigen, einschließlich der jederzeitigen Absetzbarkeit von gewählten Amtsinhaber*innen.

 

Utopisch? Zwischen 1940 und 1944 wandte die Regierung der Vereinigten Staaten einen Notfallplan an. Die militärische Produktion stieg von 4 % auf 40 % des BIP, außerdem wurden alle möglichen Einschränkungen verhängt. Wenn das möglich war, um die Nazis zu besiegen und die weltweite Vormachtstellung der US-amerikanischen Multis sicherzustellen, wird das auch möglich sein, um das Klima sozial gerecht zu retten. Es ist eine reine Frage des politischen Willens. Und es liegt an uns, ihn durchzusetzen.

 

Daniel Tanuro ist Mitglied der Antikapitalistischen Linken (Gauche anticapitaliste, belgische Sektion der IV. Internationale).

 

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