Pakistan: Geisel der religiösen Kräfte ‒ Widerstand der radikalen Linken

Pierre Rousset präsentiert vor dem Kongress von „The Struggle“ einen Powerpoint-Vortrag über den Mai 68 in Frankreich. Foto: http://www.europe-solidaire.org/spip.php?article46852

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Pakistan 1968 und der Islamismus

Pakistan: Geisel der religiösen Kräfte ‒ Widerstand der radikalen Linken

Von Pierre Rousset | 10. Dezember 2018

Der pakistanische High Court hat am 31. Oktober das Urteil gefällt, Asia Bibi habe sich nicht des Verbrechens der Gotteslästerung schuldig gemacht, für das sie zuvor zum Tode verurteilt worden war.[1] Religiöse Bewegungen haben darauf reagiert, indem sie zur Lahmlegung des Landes durch Blockaden auf den Straßen aufgerufen haben, das hat eine größere politische Krise ausgelöst. Pierre Rousset ist genau zu diesem Zeitpunkt nach Lahore gereist. Er hat für L’Anticapitaliste, die Wochenzeitung der NPA, die folgende Reportage verfasst.

Die radikale Linke in Pakistan hat vom 9. bis 11. November den 50. Jahrestag der Erhebungen von 1968/69 gefeiert, die eine Krise ausgelöst hatte, die tiefer war, als die, die wir in Frankreich erlebt haben.[2] Ich bin eingeladen worden, etwas über unseren Mai 68 zu sagen. Eine Gruppe von Mullahs, die Mekka besucht haben, ist in dem Flugzeug, mit dem ich nach Lahore fliege. Zu mir sind sie freundlich, zu ihren Glaubensgenossinnen dagegen nicht. Ich bin zweimal gezwungen, den Platz zu wechseln, denn sie wollen nicht neben einer Frau Platz nehmen. Meine Nachbarin, eine Pakistanerin mit wehendem Haar, ist angespannt. Die Stewardess kann schließlich nicht mehr verbergen, dass sie am Rande der Verzweiflung ist. Tolle Stimmung…

Am 31. Oktober, dem Tag meiner Ankunft, erklärt der Oberste Gerichtshof, dass Asia Bibi unschuldig ist. Tehreek-e-Labaik Pakistan (TLP, in etwa: pakistanische Bewegung „ich bin da!“), eine neue religiöse Partei, hat vorsorglich zur Blockade der Straßen aufgerufen, als Ausdruck der Freude, wenn die Verurteilung von Asia Bibi zum Tode bestätigt wird, oder um im gegenteiligen Fall zur Gegenoffensive zu schreiten. Andere fundamentalistische Bewegungen haben sich dieser Mobilisierung angeschlossen. Mein Freund Farooq ist mit dem Auto gekommen, um mich abzuholen, musste dafür allerdings sehr früh aufstehen. Die Zufahrten zum Flughafen sind versperrt. Wir kurven lange herum, um erst mal eine Lücke in den Sperren und dann Schleichwege zu finden, über die wir zu seiner Wohnung gelangen.

Asia Bibi ist eine Christin, sie war in der Landwirtschaft angestellt, sie ist arm und Mutter von fünf Kindern. Seit fast zehn Jahren ist sie in Haft, sie war [2010] zur Todesstrafe verurteilt worden.[3] Der Gerichtshof hat nun anerkannt, dass die Anklage unhaltbar war und dass alles darauf hindeutet, dass sie Opfer einer Rache geworden ist. Das Gesetz über Blasphemie, ursprünglich ein Erbe der britischen Kolonialherrschaft, ist 1986 durch General Zia-ul-Haq verschärft worden. Seither ist dieses Gesetz zahlreiche Male bei religiösen Konflikten verwendet worden, um persönliche Rechnungen zu begleichen oder um in den Besitz von begehrtem Besitztum zu gelangen. Die meisten Opfer sind Moslems, doch sind die religiösen Minderheiten (3 % der Bevölkerung) ständig von religiöser Säuberung bedroht, es kommt vor, dass ganze Dörfer mit dem Mittel angeblicher Blasphemie attackiert werden.

Pakistan ist am Anfang seiner Existenz kein islamistischer Staat gewesen. Man mag der Ansicht sein, dass der Wurm schon in der Frucht gewesen ist: Die Teilung des britischen Empire in Indien ist 1947 entlang einer religiösen Linie vollzogen worden (Hindus/Moslems), sie hat immense Vertreibungen und Neuansiedlungen von Bevölkerungsteilen und zahlreiche Massaker ausgelöst. Einige Provinzen sind aufgeteilt worden: Punjab im Westen, Bengalen im Osten (aus einem Teil von Bengalen wurde Ostpakistan, das 1971 zu einem unabhängigen Land wurde, zu Bangladesch). Muhammad Ali Jinnah, der „Gründungsvater“ von Pakistan, räumte in seiner ersten Rede vor der pakistanischen Nationalversammlung[4] ein, dass seine Politik der Teilung vielfach kritisiert wurde. Der neue Staat war eine islamische Republik; Jinnah will aber, dass sie ohne Benachteiligungen für alle Religionen, alle Kasten, alle Klassen offen ist. Die geltenden Gesetze sind Erbe des englischen Rechts oder der gewohnheitsrechtlichen Traditionen. Die Islamisierung des Landes steht im Widerspruch zum Erbe von Jinnah. Sie hat sich erst unter der Diktatur von General Muhammad Zia-ul-Haq voll und ganz durchgesetzt, der 1977 die Macht übernahm [er verhängte das Kriegsrecht und war von 1978 bis 1988 Präsident]. Die Islamisierung ist keineswegs eine Antwort auf eine Bedrohung von außen (Washington unterstützte Pakistan gegen Indien und Moskau). Sie diente dazu, eine illegitime Staatsmacht abzusichern.

Der Preis für diese aufgezwungene Islamisierung ist hoch. Von da an ist jede Person, die der Blasphemie beschuldigt wird oder die die Stimme gegen dieses Gesetz erhebt, der Todesgefahr ausgesetzt. Im Jahr 2011 ist Salman Taseer, Gouverneur der Provinz Punjab und Mitglied der Regierungspartei, von seinem Leibwächter ermordet worden, weil er sich für Asia Bibi ausgesprochen hatte. Nun sind die Richter des High Court, die Rechtsanwälte, die Asia verteidigt haben, und ihre Angehörigen bedroht.

Am Wochenende hält die Organisation „The Struggle“, die inzwischen der Vierten Internationale nahesteht, einen Kongress ab. Sie hatten 2000 erwartet, gekommen sind über 1600. In Anbetracht der Umstände ist das eindeutig ein Erfolg, auch wenn die Beteiligung von Frauen niedrig ausgefallen ist: Das Reisen ist für Frauen sehr gefährlich, wenn die Mullahs die Straßen blockieren. Der Kongress findet unter einem riesengroßen Banner statt, auf dem ihre Jahre 68/69 gefeiert werden. Die Anwesenheit eines Franzosen, der das Jahrzehnt um 1968 mitgemacht hat, wird doppelt geschätzt: eine Vergangenheit mit gemeinsamen Kämpfen und ein Ausdruck von Solidarität in einer Zeit der Krise.

Das Fortbewegen ist ständig eine knifflige Angelegenheit, aber der Schraubstock tut sich auf. Die Regierung geht mit der TLP einen Kompromiss ein, die kann gegen das Urteil des Obersten Gerichtshofs Einspruch einlegen. Imran Khan, der neue Premierminister, ist mit Unterstützung des Militärs und mit Umschmeicheln der Fundamentalisten gewählt worden.[5] Die aufeinander folgenden Regierungen haben immer wieder den Forderungen der Fundamentalisten nachgegeben. Wie kommt man davon wieder weg?

Für den Rückflug konnte ich ohne Schwierigkeiten zum Flughafen kommen, aber das Schicksal von Asia Bibi ist noch ungewiss. Ist sie nach wie vor im Gefängnis oder befindet sie sich an einem geheimen Ort in Sicherheit? Es ist nichts bekannt. Der internationale Druck ist beträchtlich und Imran Khan muss darauf Rücksicht nehmen. Ich habe eine gewisse Hoffnung…

Übersetzung aus dem Französischen und mit zusätzlichen Anmerkungen versehen, die durch eckige Klammern kenntlich gemacht sind, von Wilfried

 

Quellen:

Pierre Rousset, „Le Pakistan, otage des religieux ‒ La gauche radicale en résistance“ (13. November 2018),
http://www.europe-solidaire.org/spip.php?article46852.

Pierre Rousset, „Reportage: Le Pakistan, otage des religieux“, in: L’Anticapitaliste, Nr. 451, 15. November 2018, S. 5.
https://npa2009.org/actualite/international/le-pakistan-otage-des-religieux.

Pierre Rousset, „Pakistan, hostage of the religious ‒ The radical left in resistance“ (13. November 2018),
http://www.europe-solidaire.org/spip.php?article46938; http://internationalviewpoint.org/spip.php?article5800.

[1] [Siehe Kommuniqué der Awami Workers’ Party, „Pakistan: The Supreme Court decision is a victory of the rule of law“, International Viewpoint, http://internationalviewpoint.org/spip.php?article5774 (5. November 2018).]

[2] Siehe 1968-69 (Pakistan), http://www.europe-solidaire.org/spip.php?mot14059 [Mahir Ali, „Lest we forget ‒ The 1968 revolt in Pakistan“, http://www.europe-solidaire.org/spip.php?article46784 (zuerst veröffentlicht in der pakistanischen Tageszeitung Dawn, Karatschi, 7.11.2018, https://www.dawn.com/news/1444120/lest-we-forget); Lal Khan, „Pakistan: 50 Years of the 1968-69 Revolution ‒ Students, workers, peasants…“, http://www.europe-solidaire.org/spip.php?article46851 (zuerst veröffentlicht in Asian Marxist Review, 7.11.2018, http://www.marxistreview.asia/pakistan-50-years-of-the-1968-69-revolution/)].
[Zu den Protesten gegen das Regime von Muhammed Ayub Khan, der 1958 durch den ersten Militärputsch in der Geschichte Pakistans an die Macht gelangt war und im März 1969 von „bürgerkriegsähnlichen“ Rebellionen zum Rücktritt gezwungen wurde, siehe auch eines der ersten Bücher von Tariq Ali: Pakistan: Military Rule or People’s Power, London: Jonathan Cape, 1970. Anekdotische Bemerkungen in seiner Autobiographie Street Fighting Years. An Autobiography of the Sixties, London: Collins, 1987, S. 229/230; dt.: Street Fighting Years. Autobiographie eines ’68ers, aus dem Englischen übersetzt von Monika Claus-Feikert, Köln: Neuer ISP Verlag, 1998, S. 251/252.]

[3] Siehe zahlreiche Materialien unter: http://www.europe-solidaire.org/spip.php?mot7080.
[Siehe auch: https://en.wikipedia.org/wiki/Asia_Bibi_blasphemy_case.]

[4] Muhammad Ali Jinnah, „First Presidential Address to the Constituent Assembly of Pakistan“ (gehalten am 11. August 1947), http://www.europe-solidaire.org/spip.php?article46833.

[5] [Siehe Lal Khan, „Imran Khan’s Pyrrhic Victory“, International Viewpoint, Nr. 523, http://internationalviewpoint.org/spip.php?article5635 (5. August 2018); Farooq Sulehria, „Pakistan elects mini-Trump in military-rigged elections“, International Viewpoint, Nr. 523, http://internationalviewpoint.org/spip.php?article5666 (22. August 2018).]

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