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„Wer vom Kapitalismus nicht reden will…“

11. März 2016

Mit seinem neuen Buch „Faschismus-Diagnosen“ verfolgt der Faschismus-Historiker Kurt Pätzold die Absicht, „den historischen Prozess der Analyse der neuartigen Erscheinung zu verdeutlichen… Erkennbar gemacht werden soll das immer tiefere Vordringen zur Bestimmung von Wesen, Ursprüngen, Charakter, Zielen und Methoden des Faschismus“.

 

Mit seinem neuen Buch „Faschismus-Diagnosen“ verfolgt der Faschismus-Historiker Kurt Pätzold die Absicht, „den historischen Prozess der Analyse der neuartigen Erscheinung zu verdeutlichen… Erkennbar gemacht werden soll das immer tiefere Vordringen zur Bestimmung von Wesen, Ursprüngen, Charakter, Zielen und Methoden des Faschismus“.

Pätzold – nach der „Wende“ von der Humboldt-Universität in Berlin entlassen, u. a. anscheinend mit der Begründung, er betreibe marxistische Faschismus-Analyse (so viel zur durchs Grundgesetz garantierten Freiheit der Wissenschaft) – stellt einleitend fest: Viele schreiben und reden über den Faschismus, ohne dabei auch nur ein Wort über die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft zu verlieren, und er fragt: „Wie lässt sich diese Verweigerung erklären?“ Wer über den deutschen Faschismus schreibe oder rede, der spreche über einen Staat, der Massenmorde verübte – an Juden, sowjetischen Kriegsgefangenen, Sinti und Roma, körperlich und geistig kranken Menschen. Und dieser verbrecherische Staat „erhob sich über der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft“. Wie könne man da – so Pätzold – der Frage ausweichen, inwieweit dieser Staat ein Produkt der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist – zwar „kein notwendiges, kein gesetzmäßiges, aber doch auch kein illegitimes“?

Das Buch enthält 62 Text(ausschnitt)e zum italienischen und deutschen Faschismus aus der Zeit von 1922 bis 1964 – von Amadeo Bordiga über Georgi J. Sinowjew, Josef W. Stalin, August Thalheimer, Leo D. Trotzki, Otto Bauer bis zu Horkheimer/Adorno und Georg Lukács. Bei aller Freiheit bei der Textauswahl: 6-mal Georgi Dimitroff und 5-mal Georg Lukács in allen Ehren, aber nichts von Antonio Gramsci, Franz Borkenau, Arthur Rosenberg, Ignazio Silone, Fritz Sternberg, Ernst Bloch, Angelo Tasca, Erich Fromm, Paul Sering (d. i.: Richard Löwenthal); und keine der Analysen des emigrierten Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Das scheint mir doch ein Mangel zu sein, wie auch das Fehlen eines Literaturverzeichnisses, in dem nicht abgedruckte einschlägige Texte wenigstens aufgelistet werden.

Es ist Pätzolds erklärte Absicht, „ausgesprochene Fehldiagnosen und Falschprognosen“ nicht in seine Textsammlung aufzunehmen. Dennoch enthält sie etwa die „Resolution der Parteikonferenz der KPD Oktober 1932 – Programm und Perspektiven des Faschismus“, in der es über die Regierung Papen heißt, die von Anfang Juni 1932 bis Anfang Dezember 1932 amtierte, mit ihr sei die faschistische Machtergreifung erfolgt. Und weiter: „Durch den wachsenden revolutionären Aufschwung des Proletariats, die steigende Radikalisierung der werktätigen Mittelschichten auf Grund ihrer Verelendung durch die Papen-Politik, die Nichteinlösung der maßlosen Wahlversprechen Hitlers, die stärkeren Fortschritte des antifaschistischen Massenkampfes der KPD ist der bisherige Aufschwung der nationalsozialistischen Bewegung zum Stillstand gekommen und hat einer rückläufigen Bewegung Platz gemacht.“ Wenn das keine „ausgesprochene Fehldiagnose und Falschprognose“ ist!

Eine Absicht, die der Verfasser offenbar auch mit seinem Buch verfolgt, ohne das ausdrücklich zu erwähnen, ist die selbst(?)-kritische Analyse der stalinistischen Faschismus-Forschung. So schreibt Pätzold:

„In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre (hatte sich) die geistig-politische Atmosphäre in der Komintern verändert. Die zu Lenins Zeiten herrschende Offenheit der Diskussionen existierte nicht mehr. An ihre Stelle war die Herrschaft von Dogmen gesetzt, die Diskussionen blockierte, Differenzierungen vernachlässigte, Irrwege planierte und aufrechte Sozialisten aus den Parteireihen vertrieben hatte. Das aktuelle Bild des Kapitalismus wurde zunehmend von Wunschdenken (?) verzerrt… Nichts aber stellte die Fehlerhaftigkeit und Dogmatisierung der Faschismus-Diagnosen durch die Komintern und ihre Parteien ärger bloß, als die gegen die Führer der reformistischen Arbeiterbewegung erhobene Anklage, sie bezögen an Stelle ihrer bisherigen Position des Sozialdemokratismus nun die eines ‚Sozialfaschismus‘“.

Pätzolds These, die besagten „Fehldiagnosen und Falschprognosen“ seien auf eine „gestörte Diskussionsatmosphäre“ zurückzuführen, greift nun offenkundig zu kurz. Das Fehlen einer offenen Diskussionskultur vermag zwar das beharrliche Festhalten an Fehldiagnosen erklären, nicht aber deren Zustandekommen. Pätzold versäumt es schlicht, nach den (politischen) Interessen zu fragen, die diesen anhaltenden (politisch katastrophalen) Fehl-Diagnosen zugrunde lagen und die dazu führten, dass sie über Jahrzehnte nicht korrigiert wurden.

Die Formulierung von der „gestörten Diskussionsatmosphäre“ finde ich übrigens unakzeptabel beschönigend. Immerhin wurde mit den Vertretern der „abweichenden“ Ansichten nicht nur nicht diskutiert – das könnte man zur Not noch als „gestörte Diskussionsatmosphäre“ gelten lassen –, sondern diese „Abweichler“ wurden bekämpft und diffamiert, und manche wurden ermordet.

Fazit: Trotz krasser Lücken bei der Textauswahl und trotz Mängeln bei der einführenden Kommentierung der Texte enthält das (extrem schlampig redigierte) Buch eine Menge erhellender Texte. Und es zeigt, was nicht-akademische linke Forschung trotz massivster Diskussionsbehinderung zu erkennen imstande war, wenn es auch für die Politik der internationalen Linken nicht handlungsleitend wurde – mit katastrophalen politischen Folgen. Wohingegen die akademische Faschismus-Forschung zwar inzwischen mehr Fakten ermittelt(e), aber kaum ähnlich gute oder gar bessere Diagnosen liefert(e). Akademischer wissenschaftlicher Fortschritt ist offenbar wesentlich kleiner, als häufig gern angenommen wird.

 

TiPP
Kurt Pätzold
Faschismus-Diagnosen
Verlag am park 2015
12,99 €
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