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Feminismus

Sexismus ist die Urform des Rassismus

Von Ingrid Kohlhas | 14. Februar 2016

Am 10. 1. 2016 sagte die Publizistin Mely Kiyak in der ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“: „Ich verstehe gar nicht, dass man das unbedingt zu einem Ausländerthema machen muss. Das leuchtet mir gar nicht ein, was sexuelle Belästigung mit Asyl mit Migration mit Einwanderung und so weiter zu tun hat, denn wir wissen ja, dass das kein Problem ist, was von außen nach innen getragen wird, sondern dass das eine Komponente ist, mit der Frauen in Deutschland jeden Tag zu tun haben."

Am 10. 1. 2016 sagte die Publizistin Mely Kiyak in der ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“: „Ich verstehe gar nicht, dass man das unbedingt zu einem Ausländerthema machen muss. Das leuchtet mir gar nicht ein, was sexuelle Belästigung mit Asyl mit Migration mit Einwanderung und so weiter zu tun hat, denn wir wissen ja, dass das kein Problem ist, was von außen nach innen getragen wird, sondern dass das eine Komponente ist, mit der Frauen in Deutschland jeden Tag zu tun haben."

Mely Kiyak führte weiter aus: "Sexuelle Gewalt hat unglaublich viele Gesichter. Ein Gesicht davon kann sein, dass sagen wir von mir aus 300 Ausländer auf der Domplatte oder vor dem Hauptbahnhof Köln Frauen belästigt haben. Das ist ein Gesicht, ein anderes Gesicht sind Tausende von Frauenhäusern, die in Deutschland jedes Jahr gefüllt sind mit 30 bis 35 Tausend Frauen und Kindern, die vor sexueller Gewalt von ihren Ehemännern oder Partnern flüchten. Und es ist immer das Gleiche, es ist sexuelle Gewalt, die ausgeführt wird, von Männern an Frauen.

Ich kenne überhaupt keine Frau, die das nicht erlebt, die das nicht permanent erlebt, und wenn sich Frauen das nicht trauen zu sagen, dann hat das auch zu tun mit Diskussionen wie dieser hier, weil dann Männer, deutsche Männer dann sagen: „Wir sind ja elegant, wir haben Stil, wir machen so etwas nicht.“ Aber das stimmt nicht, deutsche Männer sind genauso unelegant und stillos, wenn es um sexuelle Gewalt geht und sie tun das auch. Das will man gerade nicht hören. Wir müssen das trennen. Sexuelle Gewalt ist kein Thema, das hierher importiert werden muss.

Wir können über Flüchtlinge sprechen und man muss auch über Problematiken sprechen, die entstehen, wenn viele Menschen ohne Arbeit, traumatisiert und so weiter kommen. Darüber gilt es zu reden na klar, aber sexuelle Gewalt ist kein Thema, das hierher importiert worden ist.“

Ihr Redebeitrag wurde mehrfach unterbrochen durch einen von einer männlichen Stimme vorgetragenen Kommentar. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Mely Kiyak zum Sprachrohr der „deutschen Männlichkeit“ gemacht wird, allen voran des Inbegriffs „deutscher Ritterlichkeit“ in Gestalt von Max Moor. Dies ist zwar keine sexualisierte Gewalt aber Sexismus. Der Sexismus trägt viele Masken und eine davon ist „Antirassismus“. Dabei ist der Sexismus die Urform des Rassismus.

Relativierung und Bagatellisierung

„Das leuchtet mir gar nicht ein, was sexuelle Belästigung mit Asyl mit Migration mit Einwanderung und so weiter zu tun hat“

„Ein Gesicht davon kann sein, dass, sagen wir von mir aus 300 Ausländer auf der Domplatte oder vor dem Hauptbahnhof Köln Frauen belästigt haben.“

 Mely Kiyak unterscheidet nicht zwischen sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt. Ihre Darstellung des Geschehens am Kölner Hauptbahnhof und in anderen Städten Deutschlands spottet jeder Beschreibung. Es ist eine Bagatellisierung.

Frauenhäuser sind eine Errungenschaft

“….ein anderes Gesicht sind Tausende von Frauenhäusern, die in Deutschland jedes Jahr gefüllt sind mit 30 bis 35 Tausend Frauen und Kindern, die vor sexueller Gewalt von ihren Ehemännern oder Partnern flüchten.“

Die Frauenhäuser sind eine Errungenschaft der Frauenbewegung in Deutschland. Es gibt zahlreiche Länder auf der Welt, in denen die Gewalt gegen Frauen ein größeres Ausmaß hat als in Deutschland, aber in denen es nur wenige oder gar keine Frauenhäuser gibt. Die Frauenhäuser stehen allen Frauen offen, auch den Frauen, die einen Migrationshintergrund haben, oder deren Partner einen Migrationshintergrund haben.

„…Ich kenne überhaupt keine Frau, die das nicht erlebt, die das nicht permanent erlebt.“

Das halte ich für eine Übertreibung, die dazu dient, die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof in den Bereich „deutscher“ Normalität zu rücken.

Konkrete Gewalterfahrung von Frauen ein Normalfall?

Frauen sprechen zum Beispiel deshalb nicht über Gewalterfahrungen, weil Gewalt gegen Frauen, sexuelle Übergriffe, sexueller Missbrauch bagatellisiert und relativiert wird. Die konkrete Gewalterfahrung wird zum Schutz von Tätern zum Normalfall erklärt. Eine Erfahrung, die für eine Frau bedeutsam und schwerwiegend ist, erhält nicht den gebührenden Stellenwert. Dadurch wird sie ein zweites Mal geschädigt. Es wundert mich deshalb nicht, wenn Frau Kiyak erboste Zuschriften von anderen Frauen erhält.

„Wir können über Flüchtlinge sprechen und man muss auch über Problematiken sprechen, die entstehen, wenn viele Menschen ohne Arbeit, traumatisiert und so weiter kommen.“

Was genau hat das mit den Gewalttätern am Kölner Hauptbahnhof zu tun? Mir ist nicht bekannt, dass Frauen darunter waren. Sind Frauen vielleicht weniger traumatisiert durch Flucht und Vertreibung? Nein, im Gegenteil, einige von ihnen sind bereits auf der Flucht durch sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung traumatisiert, und was ich sicher weiß, sie werden auch in den Flüchtlingsunterkünften sexuell belästigt, vermutlich sind sie auch sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen ausgesetzt. Das ist nur möglich, weil die anderen Flüchtenden sich nicht solidarisch gegen Gewalt gegen Frauen verhalten. Dieses Phänomen der Entsolidarisierung, besonders dann, wenn es um Frauen geht, gehört allerdings auch zu den bitteren Erfahrungen deutscher Frauen.

„Sexistischen Antirassismus“

Ich habe mich so ausführlich mit diesem Beitrag auseinandergesetzt, weil er diese Variante eines „sexistischen Antirassismus“ so treffend zum Ausdruck bringt. Rassismus ist nur dann, wenn die Opfer Männer sind.

Gewalt im Nahbereich und Gewalt im öffentlichen Raum

Frau Kiyak unterscheidet nicht zwischen der Gewalt im Nahbereich und der Gewalt im öffentlichen Raum. Zum Nahbereich gehören, Familie, Paarbeziehungen, Verwandtschaft, Freundeskreis, berufliches Umfeld, Schule, hier besonders gefährlich die Internate, Prostitution und die zugehörigen mafiösen Strukturen. Zum öffentlichen Raum gehören Bahnhöfe, Verkehrsmittel (Züge und Busse, nicht der private PKW), Einkaufszentren, Märkte, Universitäten, kulturelle Einrichtungen, Nachbarschaften.

Gewalt im Nahbereich erfordert andere Gegenmaßnahmen als Gewalt im öffentlichen Raum. Die Bekämpfung der Gewalt im Nahbereich ist deshalb so schwierig, weil ja zwischen den Tätern und den Geschädigten ein Abhängigkeitsverh&aum
l;ltnis besteht. Dies trifft auf den öffentlichen Raum nicht zu und deshalb ist es prinzipiell einfacher die Gewalt im öffentlichen Raum zu bekämpfen.

Öffentlichkeit schützt

So empfinde ich den Großraumwagen im Zug sicherer als den Abteilwagen. Angesichts von Wegelagerern und Räuberbanden befürchte ich, dass diese Übergriffe auf Frauen im öffentlichen Raum eine Normverschiebung zum Nachteil von Frauen bewirken werden. Diese Realität zu leugnen ist nicht Antirassismus, sondern Sexismus, der alle Frauen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft trifft.

Öffentlicher Raum und Nahbereich existieren nicht unabhängig voneinander. Werden Frauen im öffentlichen Raum behindert oder sogar bedroht, behindert dies ihre Teilnahme am gesellschaftlichen Leben insgesamt und dies wiederum verstärkt ihre Abhängigkeit in den Nahbereichen.

Kaum Mitgefühl für die Geschädigten

Bis heute sind mehr als 700 Anzeigen wegen der Silvesterereignisse eingegangen, die Hälfte davon unter anderem wegen sexueller Übergriffe, darunter drei Anzeigen wegen Vergewaltigung. In der öffentlichen Debatte in der jeder von Rang und Namen einen Beitrag leisten will, habe ich nur Hannelore Kraft als eine Person wahrgenommen, die ihr Mitgefühl für die Geschädigten zum Ausdruck gebracht hat.

Am Donnerstag, den 7. Januar ist in Hanau eine dreißigjährige schwangere Frau, die aus Syrien geflüchtet war, vermutlich von ihren beiden jüngeren Brüdern getötet worden. Ich bin traurig und wütend zugleich. Deutliche Hinweise auf Gewalt gegen geflüchtete Frauen wurden zwar nicht zensiert, sie wurden aber auch von den Medien nicht ernst genommen. Sie wollten es einfach nicht wissen.

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