TEILEN
Linke

Livio Maitan: Ein leidenschaftlicher Kämpfer

Von Il Manifesto | 01.10.2004

Am Donnerstag, den 16.9.04 hat Livio Maitan seinen langen Kampf beendet, den er stets gegen den Strom führen musste. Zunächst im antifaschistischen Widerstand engagierte er sich zeitlebens in der Arbeiterbewegung und zwar in steter Opposition zu den bürokratischen Führungen.

Am Donnerstag, den 16.9.04 hat Livio Maitan seinen langen Kampf beendet, den er stets gegen den Strom führen musste. Zunächst im antifaschistischen Widerstand engagierte er sich zeitlebens in der Arbeiterbewegung und zwar in steter Opposition zu den bürokratischen Führungen.

In frühester Jugend schloss er sich der IV. Internationale an, etwa zur selben Zeit wie Ernest Mandel, mit dem ihn eine jahrzehntelange Zusammenarbeit verband. Seine Leitungstätigkeiten führten ihn oft in andere Kontinente – von Bolivien über Argentinien … bis nach Indonesien.
Mithin als erster präsentierte er eine Analyse der algerischen Revolution und des von Nasser personifizierten arabischen Nationalismus, deren Widersprüche er offenlegte. Durch seinen analytischen Verstand und seine Aufmerksamkeit für die ganze Bandbreite der Argumente selbst seiner Widersacher erwarb er sich auch die Wertschätzung von Menschen, die seinen Ansichten nicht nahe standen und doch zu Freunden wurden – wie Enrico Berlinguer oder Paolo Sylos Labini, der ein Nachwort zu einem Essay von Maitan über die sozialen Klassen schrieb, obwohl Livio darin heftig gegen dessen Thesen polemisierte.

Livio Maitans Einfluss erreichte die Kommunisten mehrerer Generationen, nicht nur wegen seiner Bücher über Trotzki, Gramsci oder die chinesische Kulturrevolution – letzteres war gerade wegen seines Kenntnisreichtums bei den Apologeten äußerst unbeliebt … – sondern auch und gerade wegen seiner Vorbildfunktion. In der Diskussion war er ein geduldiger Zuhörer, der v.a. den Arbeitern seine höchste Aufmerksamkeit widmete. Viele kennen ihn noch von den Versammlungen in und vor den Fabriken …, wo er hinging, um Erkenntnisse zu sammeln und nie um Pauschalurteile oder abgehobene und vorfabrizierte Lösungsvorschläge zu verbreiten. …

Aufmerksam verfolgte er die Diskussionen anderer Gruppierungen der Neuen Linken, von Il Manifesto bis Lotta Continua, deren finale Krise er aus nächster Nähe auf ihrem Auflösungskongress verfolgte…
In den letzten Jahren wusste er, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. 1992 bekam er eine künstliche Herzklappe, wobei er sich für die Methode entschied, die ihm weiterhin körperliche Aktivitäten wie Fußballspielen ermöglichte statt ein ruhiges und zum Sitzen verdammtes Leben zu fristen. Schließlich widmete er sich seinen Memoiren und ging nach Erscheinen des ersten Bandes, der der italienischen Arbeiterbewegung galt, in hunderte große und kleine Städten, um ihn dort vorzustellen und dabei von den Lesern immer etwas Neues zu erfahren. In den letzten Jahren wurde der Wettlauf mit der Zeit immer dramatischer, weil ihm das Herz erneute Probleme bereitete: der zweite und dritte Band der Memoiren, die seinen jahrzehntelangen internationalen Erfahrungen gewidmet waren, forderten zusätzliche Kräfte beim Sammeln von Belegen und er befürchtete, nicht zum Ende zu gelangen.

Eine weitere Operation, die ihm kein Weiterleben sondern ein Weitervegetieren ermöglicht hätte, wollte er nicht. Und dennoch hat er es geschafft. Drei Tage vor seinem Tod hat er ein paar von uns angerufen, um uns minuziöse Anweisungen über seine Unterlagen bis hin zur Gedenkfeier zu geben: wir dachten, dies sei falscher Pessimismus. Er hingegen war davon überzeugt, am Lebensende angelangt zu sein und versuchte, uns seine Gelassenheit zu übermitteln….

Aus dem Italienischen: MiWe

Livio Maitan
Livio wurde am 1. April 1923 in Venedig geboren. Nach seinem Engagement in der Leitung der Sozialistischen Jugend schloss er sich 1947 der trotzkistischen Bewegung in Italien an, in der er zeitlebens eine Leitungsfunktion innehatte. 1948 wurde er Führungsmitglied der Demokratischen Volksfront. Seit 1951 war er ununterbrochen gewähltes Leitungsmitglied der IV. Internationale. Gemeinsam mit Ernest Mandel und Pierre Frank trug er dazu bei, die Kontinuität des revolutionär marxistischen Erbes in den politisch schwierigen 50er Jahren aufrecht zu erhalten.
Neben seiner politischen Tätigkeit, die ihn in den heißen Jahren 1969 bis 1976 an prominenter Stelle sah, betrieb er eine Lehrtätigkeit an der römischen Universität und besorgte federführend die italienische Ausgabe der Werke Trotzkis.
1991 schloss sich die zwischenzeitlich in der Democrazia Proletaria organisierte italienische Sektion der neu gegründeten PRC an, deren Leitung er seither ununterbrochen angehörte. Er verstarb am 16. September 2004 in Rom.
Artikel teilen
Kommentare auf Facebook
Zur Startseite