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Kultur

„Ihr könnt die Sonne nicht verhaften, sie scheint“

Von Ingrid Kohlhas | 11. April 2013

Die Neue Frauenbewegung, beginnend Anfang der 70er Jahre mit dem Kampf gegen die Abtreibungsgesetze, ist leider entweder in Vergessenheit geraten oder geprägt durch das Bild, welches ihre prominenteste Vertreterin in Deutschland,, Alice Schwarzer, in ihren zahlreichen Talkshowauftritten vermittelt.

Die Neue Frauenbewegung, beginnend Anfang der 70er Jahre mit dem Kampf gegen die Abtreibungsgesetze, ist leider entweder in Vergessenheit geraten oder geprägt durch das Bild, welches ihre prominenteste Vertreterin in Deutschland,, Alice Schwarzer, in ihren zahlreichen Talkshowauftritten vermittelt.

Selbst Alice Schwarzer war mal eine andere. Auf einer Demonstration gegen die Deutsche Bischofskonferenz in Aachen sagte sie gegen die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen:

„Wenn sie jede zweite Frau ins Gefängnis stecken, wer soll dann die ganze Drecksarbeit machen.“

Die Statistik besagte, dass jede zweite Frau mindestens einmal in ihrem Leben abgetrieben hatte. Katholische Frauen überdurchschnittlich häufig. Alice sprach aus, was andere nur dachten, sie war mutig und frech. Dafür hat sie viel Schmäh geerntet. Das bleibt, auch wenn sie heute mit „Bild“ und derer zu Guttenberg fraternisiert.

In diesem Sinne auch meine besten Glückwünsche nachträglich zum 70. Geburtstag und zum Internationalen Frauentag, auch mit 70 kann frau sich noch ändern.

Als Beispiel für die Vielfältigkeit unserer Bewegung und gegen das Vergessen habe ich ein Gedicht von Dorothee Sölle zum Internationalen Frauentag ausgewählt. Es zeigt: Die Geschichte der Frauen ist nicht nur eine von erfahrener Unterdrückung sondern auch eine von Widerstand.

Dorothee Sölle: Spiel doch von rosa, anna & rosa

Ach erzähl mir nichts von euren identitätskrisen
ach hör auf mit dem psychogeklimper auf der gitarre
spiel doch was anderes
spiel doch vom frieden
spiel von den kämpfenden
 
Sing mal von anna walentinowic´
kranführerin in danzig
sing vom großen streik und warum er ausbrach
vergiß auch die rosa parks nicht
nie sollst du vergessen daß sie für jede von uns
so weiß wir auch seien
sitzengeblieben ist im bus in alabama
auf dem platz der nicht für schwarze bestimmt war

Sing von den frauen
die anzusehen mich stärker macht
mich lachen macht
breit wie anna die kranführerin
vor der sie soviel angst hatten
daß sie ihr vorsorglich kündigten
vorbeugeentlassung von ihrem platz am kran

Vergiß auch die große schwester rosa luxemburg nicht
aus dem land der anna kam sie
dem freiheitssüchtigen kleinen land
geteilt und geknebelt besetzt und besessen
geschlagen und vergewaltigt
und niemals totzukriegen
ach sing uns von rosa
und von der spontanität der leute an die sie glaubte
wie anna die kranführerin

Hast du ihr foto gesehen
ach sing noch ein Lied von anna der großen hoffnung der werftarbeiter
auf fleisch und das recht sich zu wehren
auf brot und auf rosen du weißt

Anna walentinowic´
die zeitungen sind nicht voll von dir
weil es unbekannt ist hierzulande
was es bedeutet eine frau zu sein ein mensch
eine kranführerin die streiks möglich macht
weil wir immer noch süße häschen anstarren sollen
nicht eine frau mit einem lachen wie anna
vier kinder und mal wieder eine vorbeugeentlassung

Ach hör auf mit dem psychogeklimper auf der gitarre
spiel doch was anderes
spiel doch vom frieden
spiel von den kämpfenden

Ich habe das weinerliche zeugs satt
spiel mir von anna und den beiden rosas
spiel von wirklichen menschen
frau stark und verletzbar
sorgend für andere und unabhängig
kämpfend auch für dich am schalter der dresdner bank
für alle schwestern
spiel doch von brot und rosen
spiel doch von fleischpreisen und einer freien gewerkschaft
spiel gegen die stahlhelme und was darunter steckt
spiel gegen atomraketen und was dahintersteckt
ihr könnt die sonne nicht verhaften
sie scheint
ihr könnt die rosen nicht zensieren
sie blühen
ihr könnt die frauen nicht kleinkriegen
sie lachen
spiel von rosa luxemburg
spiel von rosa parks
spiel doch von anna walentinowic´
spiel doch von unsern Schwestern
spiel doch von uns

Aus: Eva Quistorp (Hrsg.), „Frauen für den Frieden“, Frankfurt,1982


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