Ökosozialismus oder „Degrowth“?

Foto: Matas Petrikas, Babel Tower 01, CC BY-NC 2.0

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Übergangsgesellschaft

Ökosozialismus oder „Degrowth“?

Von Michael Löwy | 10.02.2021

Ökosozialist*innen sollten auf Erkenntnisse der Wachstumskritik zurückgreifen. Selbst wenn die zwei Hauptströmungen der Degrowth-Bewegung kein vollständiges Übergangsprogamm in eine sozialistische Gesellschaft anbieten. Der Ökosozialismus setzt dabei auf eine positive Form des Wachstums.

Der Ökosozialismus und die Degrowth-Bewegung gehören zu den wichtigsten Strömungen der ökologischen Linken. Ökosozialist*innen akzeptieren, dass ein gewisses Maß an Rückgang der Produktion und des Konsums notwendig ist, um einen ökologischen Kollaps zu vermeiden. Sie nehmen jedoch eine kritische Haltung gegenüber Degrowth-Theorien ein, weil:

  1. das Konzept des Degrowth unzureichend ist, um ein alternatives Programm zu definieren;
  2. es nicht spezifiziert, ob Degrowth innerhalb des Kapitalismus erreicht werden kann oder nicht;
  3. es nicht zwischen Aktivitäten unterscheidet, die reduziert werden müssen, und solchen, die entwickelt werden müssen.
Weniger ist manchmal mehr

Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Strömung der „décroissance“, die in Frankreich besonders einflussreich ist, nicht homogen ist: Sie ist von Kritikern der Konsumgesellschaft ‒ Henri Lefebvre, Guy Debord, Jean Baudrillard ‒ und des „technischen Systems“ ‒ Jacques Ellul ‒ beeinflusst und umfasst vielfältige politische Perspektiven. Es gibt mindestens zwei Pole, die recht weit voneinander entfernt, wenn nicht sogar gegensätzlich sind: auf der einen Seite Kritiker der westlichen Kultur, die dem Kulturrelativismus huldigen (Serge Latouche), und auf der anderen Seite universalistische linke Ökologie-Theoretiker (Vincent Cheynet, Paul Ariés).

Der weltweit bekannte Serge Latouche ist einer der umstrittensten unter den französischen Theoretikern der „décroissance“. Natürlich sind einige ihrer Argumente legitim: Entmystifizierung der „nachhaltigen Entwicklung“, Kritik an der Religion des Wachstums und des „Fortschritts“, Aufruf zu einer Kulturrevolution. Seine pauschale Ablehnung des westlichen Humanismus, der Aufklärung und der repräsentativen Demokratie sowie sein maßloses Loblied auf die Steinzeit sind jedoch deutlich zu kritisieren. Aber das ist noch nicht alles. Völlig unerträglich ist seine Kritik an Vorschlägen zur ökosozialistischen Entwicklung für die Länder des Südens ‒ mehr Trinkwasser, Schulen und Krankenhäuser ‒ als „ethnozentrisch“, „verwestlichend“ und „zerstörerisch für lokale Lebensweisen“. Ganz zu schweigen von seinem unseriösen Argument, es sei nicht nötig, über den Kapitalismus zu sprechen, da diese Kritik „schon von Marx geleistet worden ist, und durchaus gut“. Das ist so, als würde man sagen, es sei nicht nötig, die produktivistische Zerstörung des Planeten anzuprangern, da dies von André Gorz (oder Rachel Carson) schon geleistet worden ist, „und durchaus gut“.

Näher an der Linken ist die universalistische Strömung, die in Frankreich durch die Zeitung La Décroissance repräsentiert wird, auch wenn der französische Republikanismus einiger ihrer Theoretiker (Vincent Cheynet, Paul Ariès) kritikwürdig ist: Im Gegensatz zu dem ersten weist dieser zweite Pol der Décroissance-Bewegung ‒ trotz gelegentlicher Polemiken ‒ zahlreiche Konvergenzpunkte mit den Bewegungen für globale Gerechtigkeit (Attac), den Ökosozialist*innen und den Parteien der radikalen Linken auf: Ausweitung der Kostenfreiheit (gratis angebotene Güter, Dienstleistungen oder Gerätschaften), Vorrang des Gebrauchswerts gegenüber dem Tauschwert, Verkürzung des Arbeitstages, Kampf gegen soziale Ungleichheiten, Entwicklung nichtkommerzieller Aktivitäten, Umbau der Produktion entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen und dem Schutz der Umwelt.

Es gibt eine dritte Position, (…), der monströsen und für den Kapitalismus typischen Verschwendung von Ressourcen ein Ende zu setzen, die auf der groß angelegten Produktion von nutzlosen und/oder schädlichen Produkten beruht .

Zahlreiche Theoretiker*innen des Degrowth scheinen zu glauben, die einzige Alternative zum Produktivismus bestehe darin, jegliches Wachstum zu stoppen oder durch negatives Wachstum zu ersetzen, d. h. das übermäßige Konsumniveau der Bevölkerung durch Halbierung der Ausgaben für Energie, durch Verzicht auf Einfamilienwohnhäuser, Zentralheizung, Waschmaschinen etc. drastisch zu reduzieren. Da diese und andere derartige drastische Sparmaßnahmen recht unpopulär sein können, spielen einige von ihnen ‒ darunter ein so bedeutender Autor wie Hans Jonas in seinem Prinzip Verantwortung [1979] ‒ mit der Idee einer Art „ökologischer Diktatur“.

Angesichts dieser pessimistischen Vision glauben optimistische Sozialist*innen, der technische Fortschritt und die Nutzung erneuerbarer Energien würden ein unbegrenztes Wachstum und eine Überflussgesellschaft möglich machen, in der jeder und jede nach seinen/ihren Bedürfnissen bedient werden kann.

Ich meine, dass diese beiden Schulen eine rein quantitative Auffassung von Wachstum ‒ ob positiv oder negativ ‒ oder von der Entwicklung der Produktivkräfte teilen. Es gibt eine dritte Position, die meiner Meinung nach angemessener ist: eine qualitative Transformation der Entwicklung. Das bedeutet, der monströsen und für den Kapitalismus typischen Verschwendung von Ressourcen ein Ende zu setzen, die auf der groß angelegten Produktion von nutzlosen und/oder schädlichen Produkten beruht: Die Rüstungsindustrie ist ein gutes Beispiel, doch haben viele Güter, die im Kapitalismus produziert werden, mit ihrer inhärenten Obsoleszenz keinen anderen Nutzen als den, Profite für die großen Unternehmen zu generieren.

Das Problem ist nicht der überhöhte Konsum ganz abstrakt, sondern die Art des vorherrschenden Konsums, der auf zur Schau gestelltem Erwerb, massiver Verschwendung, merkantiler Entfremdung, zwanghafter Anhäufung von Waren und zwanghaftem Kauf sogenannter Neuheiten beruht, die von der Mode durchgesetzt werden. Eine neuartige Gesellschaft würde die Produktion auf die Befriedigung realer Bedürfnisse ausrichten, angefangen bei denen, die man als „biblisch“ bezeichnen könnte ‒ Wasser, Nahrung, Kleidung, Wohnung ‒, aber auch grundlegende Dienstleistungen: Gesundheit, Bildung, Transport, Kultur.

Wie können wir echte Bedürfnisse von künstlichen, fiktiven (künstlich geschaffenen) und improvisierten Bedürfnissen unterscheiden? Letztere werden durch mentale Manipulation, d. h. durch Werbung, hervorgerufen. Das System der Werbung ist in den modernen kapitalistischen Gesellschaften in alle Bereiche des menschlichen Lebens eingedrungen: Nicht nur Nahrung und Kleidung, sondern auch Sport, Kultur, Religion und Politik werden nach seinen Regeln gestaltet. Sie hat unsere Straßen, Briefkästen, Fernsehbildschirme, Zeitungen und Landschaften auf dauerhafte, aggressive und heimtückische Art und Weise erobert und trägt entscheidend zur Schaffung von zur Schau gestellten und zwanghaften Konsumgewohnheiten bei. Darüber hinaus verschwendet sie in einem „Produktions“-Zweig, der nicht nur aus menschlicher Sicht nutzlos ist, sondern auch in direktem Widerspruch zu den wirklichen gesellschaftlichen Bedürfnissen steht, enorme Mengen an Öl, Strom, Arbeitszeit, Papier, Chemikalien und anderen Rohstoffen (und all das wird von den Verbraucher*innen bezahlt).

Während Werbung eine unverzichtbare Dimension der kapitalistischen Marktwirtschaft ist, hat sie in einer Gesellschaft im Übergang zum Sozialismus keine Daseinsberechtigung, da sie dort durch Informationen über Waren und Dienstleistungen ersetzt werden wird, die von Verbraucherverbänden bereitgestellt werden. Das Kriterium, um ein echtes von einem künstlichen Bedürfnis zu unterscheiden, ist sein Fortbestehen nach der Abschaffung der Werbung (Coca-Cola!). Natürlich würden die Konsumgewohnheiten ein paar Jahre lang bestehen bleiben, und niemand hat das Recht, den Menschen vorzuschreiben, was sie brauchen. Die Veränderung von Konsummustern ist ein historischer Prozess und eine pädagogische Herausforderung.

Nur die absurde Logik der kapitalistischen Wettbewerbsfähigkeit erklärt das gefährliche Wachstum des Straßenverkehrs.

Einige Güter, wie z. B. ein privates Auto, werfen komplexere Probleme auf. Privatfahrzeuge sind ein öffentliches Ärgernis, sie töten und verstümmeln jedes Jahr auf der ganzen Welt Hunderttausende von Menschen, sie verschmutzen die Atmosphäre von Großstädten mit katastrophalen Folgen für die Gesundheit von Kindern und älteren Menschen, und sie tragen erheblich zum Klimawandel bei. Sie erfüllen jedoch einen echten Bedarf, indem sie Menschen zu ihrem Arbeitsplatz, nach Hause oder in die Freizeit befördern. Lokale Erfahrungen in einigen europäischen Städten mit umweltbewussten Verwaltungen zeigen, dass es möglich ist, mit der Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung den Anteil des Individualverkehrs zugunsten von Bussen und Straßenbahnen schrittweise zu begrenzen.

In einem Prozess des Übergangs zum Ökosozialismus, in dem die öffentlichen Verkehrsmittel, ob ober- oder unterirdisch, großzügig ausgebaut und für die Nutzer*innen kostenlos sein werden und in dem Fußgänger*innen und Radfahrer*innen geschützte Wege haben werden, wird das private Auto eine viel geringere Rolle spielen als in der bürgerlichen Gesellschaft, in der es zu einer Fetischware geworden ist, die durch beharrliche und aggressive Werbung gefördert wird, ein Symbol des Prestiges und ein Zeichen der Identität. In den USA ist der Führerschein das anerkannte Identitätsdokument und der Mittelpunkt des persönlichen, gesellschaftlichen oder erotischen Lebens. Beim Übergang zu einer neuen Gesellschaft wird es viel einfacher sein, den Gütertransport auf der Straße ‒ der schreckliche Unfälle und eine hohe Umweltverschmutzung verursacht ‒ drastisch zu reduzieren und durch Transport auf den Schienen, durch Huckepackverkehr (Lastwagen, die mit dem Zug von einer Stadt zur anderen transportiert werden) zu ersetzen: Nur die absurde Logik der kapitalistischen Wettbewerbsfähigkeit erklärt das gefährliche Wachstum des Straßenverkehrs.

Ja, werden Pessimist*innen entgegnen, aber die Menschen haben unendliche Erwartungen und Wünsche, die kontrolliert, getestet, eingedämmt und, wenn nötig, unterdrückt werden müssen, das kann gewisse Beschränkungen der Demokratie erforderlich machen. Nun basiert der Ökosozialismus auf einer Wette, die schon Marx eingegangen war: Dass in einer klassenlosen Gesellschaft, die frei von kapitalistischer Entfremdung ist, das Sein über das Haben überwiegt, also die freie Zeit zur persönlichen Entfaltung durch kulturelle, sportliche, erholsame, wissenschaftliche, erotische, künstlerische und politische Aktivitäten über den Wunsch nach unendlichem Besitz von Gütern.

… eine Basisdemokratie und partizipative Demokratie ist das einzige Mittel, nicht um jeglichen Irrtum zu vermeiden, sondern dafür, dass die Gesellschaft kollektiv ihre eigenen Fehler selber korrigieren kann.

Der Kaufzwang wird durch den dem kapitalistischen System innewohnenden Warenfetischismus, durch die herrschende Ideologie und durch die Werbung ausgelöst: Es gibt keinen Beweis dafür, dass er Teil einer ewigen menschlichen Natur sei, deren Existenz der reaktionäre Diskurs behaupten will. Schon Ernest Mandel hat unterstrichen: „Die kontinuierliche Anhäufung von immer mehr Gütern (mit abnehmendem ,Grenznutzenʻ) ist keineswegs ein universelles oder auch nur vorherrschendes Merkmal menschlichen Verhaltens. Die Entwicklung von Talenten und Neigungen um ihrer selbst willen; der Schutz von Gesundheit und Leben; die Betreuung von Kindern; die Herausbildung reicher Sozialbeziehungen (…), so sehen, sobald die materiellen Grundbedürfnisse befriedigt sind, die Hauptmotivationen aus“ [Power and Money. A Marxist Theory of Bureaucracy, London u. New York: Verso, 1992, S. 206; dt. Ausg.: Macht und Geld. Eine marxistische Theorie der Bürokratie, Köln: Neuer ISP Verlag, 2000, S. 213].

Das bedeutet nicht, dass es nicht gerade im Transformationsprozess zu Konflikten zwischen Umweltschutzanforderungen und sozialen Bedürfnissen, zwischen ökologischen Imperativen und der Notwendigkeit, insbesondere in armen Ländern eine Basisinfrastruktur zu entwickeln, zwischen beliebten Konsummustern und Ressourcenknappheit kommen wird. Diese Widersprüche sind unvermeidlich: Sie zu lösen wird die Aufgabe einer demokratischen Planung mit einer ökosozialistischen Perspektive sein, befreit von den Imperativen des Kapitals und der Gewinnerzielung, über eine pluralistische und offene Debatte vor der Entscheidungsfindung der Gesellschaft selbst. Solch eine Basisdemokratie und partizipative Demokratie ist das einzige Mittel, nicht um jeglichen Irrtum zu vermeiden, sondern dafür, dass die Gesellschaft kollektiv ihre eigenen Fehler selber korrigieren kann.

Wie könnte die Beziehung zwischen dem Ökosozialismus und der Degrowth-Bewegung aussehen? Kann es trotz Meinungsverschiedenheiten eine Allianz im Eintreten für gemeinsame Ziele geben? In seinem vor einigen Jahren erschienenen Buch La décroissance est-elle souhaitable? (Ist Degrowth wünschenswert?) schlägt der französische Ökologie-Aktivist Stéphane Lavignotte eine solche Allianz vor. Er räumt ein, dass es viele kontroverse Punkte zwischen den beiden Standpunkten gibt. Sollten wir uns auf die Beziehungen zwischen den sozialen Klassen und den Kampf gegen die Ungleichheit konzentrieren, oder sollten wir das unbegrenzte Wachstum der Produktivkräfte anprangern? Was ist wichtiger, individuelle Initiativen, lokale Erfahrungen, freiwillige Einfachheit oder die Veränderung des Produktionsapparates und der kapitalistischen Megamaschine?

Lavignotte lehnt es ab, sich auf eine Seite zu schlagen und schlägt vor, die sich ergänzenden Praktiken zu kombinieren. Die Herausforderung bestehe darin, den Kampf für das ökologische Klasseninteresse der Mehrheit, also derjenigen ohne Kapital, mit der Politik der aktiven Minderheiten, die für eine radikale kulturelle Transformation sind, zu verbinden. Mit anderen Worten, es gehe, ohne die unvermeidlichen Meinungsverschiedenheiten zu verbergen, um ein „politisches Engagement“ derjenigen, die verstanden haben, dass das Überleben des Lebens auf dem Planeten und insbesondere der Menschheit im Widerspruch zum Kapitalismus und Produktivismus steht, und die danach streben, aus diesem zerstörerischen und unmenschlichen System herauszukommen.

Als Ökosozialist und Mitglied der Vierten Internationale teile ich diese Ansicht. Das Zusammenfließen aller Varianten der antikapitalistischen Ökologie stellt einen wichtigen Schritt für die Umsetzung der dringenden und notwendigen Aufgabe dar, die selbstmörderische Dynamik der heutigen Zivilisation zu stoppen, bevor es zu spät ist …

Quelle: Michael Löwy, „Écosocialisme et / ou décroissance – Pour la confluence de toutes variante de l’écologie anticapitaliste“, https://www.pressegauche.org/Ecosocialisme-et-ou-decroissance-45447 (3. November 2020)

Aus dem Französischen übersetzt und mit Glossar versehen von Wilfried Dubois

Michael Löwy, 1938 in São Paulo geboren, war „directeur de recherche“ am Nationalen Forschungszentrum CNRS (French National Center of Scientific Research) und an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris. Zusammen mit Joel Kovel organisierte er 2007 eine internationale ökosozialistische Konferenz in Paris, von der ein erstes Internationales Ökosozialistisches Manifest ausging; er ist Mitglied des Anfang 2020 gegründeten internationalen „Steering Committee“ des Global Ecosocialist Network (GEN). 2016 erschien sein Buch Ökosozialismus: Die radikale Alternative zur ökologischen und kapitalistischen Katastrophe im Laika Verlag (auf Französisch 2011).

Dieser Beitrag ist auf Französisch geschrieben und zuerst auf der Website der Nichtregierungsorganisation Europe solidaire sans frontières (ESSF) veröffentlicht worden.
Auf Englisch wurde er unter dem Titel „Ecosocialism and/or Degrowth?“ in dem ersten Heft der Zeitschrift Rupture gedruckt, die von der irischen Organisation RISE herausgegeben wird (Rupture. Eco-Socialist Quarterly, Dublin, Nr. 1, Herbst 2020, S. 43‒47, https://rupture.ie/). Danach erschien er u. a. im Juli 2020 der Website der Zeitschrift Monthly Review (https://mronline.org/) und im Oktober 2020 auf dem Blog Climate & Capitalism (https://climateandcapitalism.com).
Auf Spanisch erschien er am 30. Oktober 2020 auf der Website der Zeitschrift Viento Sur (https://vientosur.info/).
Auf Französisch wurde er am 3. November 2020 auf der Website „Presse-toi à Gauche“ in Québec und am 8. Dezember 2020 auf der Website der Wochenzeitung der NPA veröffentlicht.

Erwähnte Autor*innen

Ariès, Paul (Jg. 1959) ist ein französischer Politikwissenschaftler und Journalist, war als Jugendlicher in dem Schülerverband „Union nationale des comités d’actions lycéens“ (UNCAL) und im Studierendenverband UNEF-Renouveau aktiv, versteht sich als „Wachstumsverweigerer“ und tritt für ein „Buen Vivir à la française“ oder einen „socialisme gourmand“ ein, war in der internationalen Jury von Slow food und bis zu seinem Bruch mit Vincent Cheynet 2011 für die politischen Seiten der Zeitung La Décroissance verantwortlich, seit 2011 ist er Chefredakteur der Vierteljahreszeitschrift Les Zʼindigné(e).

Baudrillard, Jean (1929‒2007), war ein französischer Deutschlehrer, Übersetzer, Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe; er promovierte 1968 mit einer von Henri Lefebvre betreuten Arbeit; unter seinen Werken ist La société de consommation: Ses mythes, ses structures (1970; dt. 2014), als sein Hauptwerk gilt L’échange symbolique et la mort (1976; dt. 1982).

Carson, Rachel (1907‒1964), war eine US-amerikanische Biologin, Zoologin, Wissenschaftsjournalistin und Sachbuchautorin, sie hatte großen schriftstellerischen Erfolg Rachel Carsons mit Büchern über das Leben im Meer: The Sea Around Us (1951), The Edge of the Sea (1955) sowie Under the Sea-Wind (zuerst 1941); danach befasste sie sich zunehmend mit Problemen des Umweltschutzes und erschien ihr bekanntestes Buch Silent Spring (1962; dt.: Der stumme Frühling, 1962), öffentliche Debatten über den Einsatz von Pestiziden führten zu einer Politisierung von Umweltverbänden und dazu, dass der Gebrauch von DDT in den USA 1972 und anschließend in vielen anderen Ländern weitgehend verboten wurde.

Cheynet, Vincent (Jg. 1966), ist ein französischer „décroissant“, war ein Jahrzehnt lang „directeur artistique“ in der international tätigen Werbefirma Publicis Lyon, bevor er 1999 den Verein und die Zeitschrift Casseurs de pub gründete; 2004 gründete er mit Bruno Clémentin und Sophie Divry die Monatszeitung La Décroissance, (Auflage: 47.000), deren Chefredakteur er ist; kandidierte 1997, 2002 und 2007 bei den Parlamentswahlen, zuletzt für die 2006 gegründete Parti pour la décroissance (PPLD), deren Sprecher er ist.

Debord, Guy (1931‒1994), war ein Pariser Intellektueller und Filmemacher, Mitbegründer und einflussreichster Theoretiker der Situationistischen Internationale, die von 1957 bis 1972 bestand, im Laufe der Jahre 70 Mitglieder hatte und deren Entwicklung von zahlreichen Ausschlüssen geprägt war und die sich mit Malerei, Theorie, Geschichte und Stadtplanung beschäftigte; veröffentlichte unter das Buch La société du spectacle (1967; dt. zuerst 1973; Langspielfilm 1973).

Ellul, Jacques (1912‒1994) war ein französischer Rechtshistoriker, Soziologe und protestantischer Theologe, gilt als christlicher Anarchist; rettete während der deutschen Besetzung Juden vor Deportation und Ermordung; hatte 1930 ein Bekehrungserlebnis, beschäftigte sich seitdem intensiv mit Theologie, gehörte von 1956 bis 1971 dem Nationalrat der „Église Réformée de France“ an; versuchte in dem Buch La technique ou l’enjeu du siècle (1954, engl. 1964) zu zeigen, dass die Technik nicht wissenschaftlichen, sondern religiösen Ursprungs sei, vertrat in La parole humiliée (1981; engl. 1985) die Ansicht, durch Industrialisierung und Technisierung der Gesellschaft schwinde die Fähigkeit im modernen Menschen, dem (gesprochenen) Wort die frühere Bedeutung abzugewinnen und stellte er stellt dem Wort das Bild gegenüber.

Gorz, André (1923‒2007), war ein österreichisch-französischer Sozialphilosoph und Journalist; ursprünglich: Gerhart Hirsch, publizierte auch unter den Namen Gérard Horst und Michel Bosquet; lebte ab 1939 in der Schweiz und ab 1949 in Frankreich (bis 1957 als Staatenloser), arbeitete mit Jean-Paul Sartre zusammen, näherte sich dem Marxismus, gehörte von 1961 bis 1974 der Redaktion von Les Temps modernes an, 1964 Mitbegründer der Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur; galt in den 1960er und 1970er Jahren als einer der Haupttheoretiker der Neuen Linken vor allem in Frankreich und Italien und trat für eine Strategie von „revolutionären Reformen“ ein; wurde ab 1973 zu einem wichtigen Publizisten der politischen Ökologie, der von der Unvereinbarkeit von Ökologie und kapitalistischem System ausging und die Arbeiterbewegung und den Marxismus generell als „produktivistisch“ kritisierte.

Jonas, Hans (1903‒1993), war ein deutscher-amerikanischer Philosoph; sein Hauptinteresse galt der spätantiken Gnosis; er wanderte 1933 nach London und 1935 nach Palästina aus, 1949 siedelte er nach Kanada über, 1955 nach New York, wo er bis 1976 an der New School for Social Research lehrte; sein Hauptwerk ist Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation (Frankfurt a. M.: Insel, 1979).

Latouche, Serge (Jg. 1940), ist ein französischer Wirtschaftswissenschaftler und gilt als eine der zentralen Personen der wachstumskritischen Bewegung; er tritt gegen den Wachstumswahn und die „Verwestlichung der Welt“ und für Minuswachstum, gegen die „ökonomische Orthodoxie“, Ökonomismus und Utilitarismus in den Sozialwissenschaften und der Entwicklungspolitik ein; er war an der Gründung der Zeitschrift Entropia beteiligt und gibt seit 2013 in dem Kleinverlag le passager clandestin eine Buchreihe über „Vorläufer*innen der décroissance“ heraus.

Lavignotte, Stéphane (Jg. 1970), war zunächst Journalist, ließ sich 2000 taufen und wurde protestantischer Pastor der reformierten „Mission populaire évangélique“, seit 2019 arbeitet er in Montreuil (Vorort von Paris); er war 15 Jahre lang Mitglied von „Les Verts“, bis er 2001 wegen deren Nähe zur Sozialistischen Partei austrat, bei der Präsidentschaftswahl 2012 unterstützte er Jean-Luc Mélenchon, danach trat er „Ensemble!“ bei; ab 2008 veröffentlichte er neun Bücher, darunter La décroissance est-elle souhaitable? (Paris: Textuel, 2010).

Lefebvre, Henri (1901‒1991), war ein französischer marxistischer Philosoph und Soziologe; näherte sich 1924 mit der Gruppe „Philosophies“ dem historischen Materialismus an, von 1928/29 bis zu seiner Suspendierung 1958 Mitglied der PCF, verfasste eine mehrbändige „Kritik des Alltagslebens“ (1947 bis 1981; dt. 1974/75, neue Ausg. 1987), befasste sich mit Agrarsoziologie und Urbanismus („Recht auf Stadt“, „Produktion des Raums“), wurde als der „produktivste französische marxistische Intellektuelle“ bezeichnet.

Mandel, Ernest (1924‒1995), war in der belgischen und internationalen Arbeiterbewegung aktiv und zugleich Denker eines lebendigen „offenen Marxismus“, wurde 1938 in die PSR, belgische Sektion der IV. Internationale, aufgenommen und 1942 in das Politische Büro der in der Illegalität neugebildeten Organisation geholt, war ab 1943 Mitglied der zentralen Leitungsstrukturen der IV. Internationale, bezeichnete sich als „flämischen Internationalisten jüdischer Herkunft“, wurde nach Georges Simenon der erfolgreichste belgische Buchautor des 20. Jahrhunderts.

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