Die Ermordung von Leo Trotzki

Foto: Unbekannt, Leon Trotsky at his desk 1918, Gemeinfrei in Herkunftsland Russland

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Vor achtzig Jahren

Die Ermordung von Leo Trotzki

Von Jean-Michel Krivine | 22.08.2020

Er gab vor, er sei Belgier und heiße Jacques Mornard. Er war Katalane und hieß Ramón Mercader, sein Arm wurde von Stalin geführt.

Am 20. August 1940 zerschmetterte ein Bergsteigereispickel den Schädel von Leo Trotzki, der seit 1937 als Flüchtling in Mexiko lebt. Der Mörder sagte der Polizei, sein Name sei Jacques Mornard und er sei belgischer Staatsbürger. Er hat das Attentat verübt, er war nicht der einzige Organisator. Dank seiner Affäre mit der jungen [US-amerikanischen] Trotzkistin Sylvia Ageloff war es dem zukünftigen Trotzki-Mörder gelungen, das Vertrauen derer zu gewinnen, die über die Sicherheit des berühmten Exilanten wachten. Unter dem Namen Franck Jacson wurde er mehrmals in dem befestigten Haus in Coyoacán ([damals] ein Vorort von Mexiko-Stadt) empfangen.

Wenige Monate vor dem Mord war ein erster Versuch gescheitert. Am 24. Mai 1940, um 4 Uhr morgens, gelang es einem Kommando von etwa 20 Männern, in das Haus einzudringen: Mehrere Minuten lang schossen sie mit Maschinenpistolen in Trotzkis Zimmer, sie warfen zwei Brandgranaten und eine Zeitbombe. Wie durch ein Wunder wurde niemand getötet oder verwundet. Trotzki und seine Frau hatten sich unter das Bett geworfen; ihr Enkel Sjewa [Esteban Volkov] hatte dasselbe getan.

Wer war Jacson? Die stalinistische Presse drehte auf und verbreitete die These von einem selbstinszenierten Attentat, damit über ihn gesprochen wurde und damit die Kommunistische Partei Mexikos und Stalin verleumdet werden. Einen Monat nach den Ereignissen waren dreißig Personen hinter Schloss und Riegel, die meisten von ihnen Mitglieder der KP und frühere Spanien-Kämpfer. Die verantwortliche Person war auf der Flucht: Es war der berühmte Maler [mexikanische] David Alfaro Siqueiros, der in Spanien Oberst gewesen war; Trotzki nahm an, er stünde seit 1928 im Dienst der [sowjetischen Geheimpolizei] GPU. Spätere Untersuchungen ergaben, dass Siqueiros und Franck Jacson sich aus Spanien kannten.

Die Identität von Franck Jacson

Wer also war dieser „Franck Jacson“? Es sollte beinahe fast zehn Jahre dauern, bis seine wahre Identität herausgefunden wurde. In seiner Tasche wurde ein Brief gefunden, in dem die Motive seiner Tat erklärt wurden: Als enttäuschter Trotzkist wäre er von dem Mann und seinem Vorschlag angewidert gewesen, ihn in die UdSSR zu schicken, um dort Sabotageakte zu verüben, die Rote Armee zu demoralisieren und zu versuchen, Stalin zu töten. Um all dies zu erreichen, hätte er die Unterstützung einer großen Nation (das waren die Vereinigten Staaten, denn wegen des deutsch-sowjetischen Paktes [vom August 1939] konnte Trotzki nicht mehr ein Hitler-Agent sein).

All diese Anschuldigungen wurden von den verschiedenen KPen mehr als vierzig Jahre lang wiederholt. Noch 1969 griff Leo Figuères, ein führendes Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei (PCF), in seinem Buch Le Trotskysme, cet anti-léninisme [Paris: Éditions sociales, 1969] darauf zurück. Als Fotos des Mörders in der Presse erschienen, glaubten mehrere, die in Spanien gewesen waren (viele waren nach Mexiko geflüchtet), den aktiven Kommunisten Ramón Mercader zu erkennen. Doch erst 1950 war dies absolut sicher: Ein Kriminologe der mexikanischen Regierung konnte die Reise zu einem Kongress in Europa nutzen, um für Ermittlungen nach Spanien zu fahren. Er verglich Jacsons Fingerabdrücke mit denen des jungen katalanischen Kommunisten Ramón Mercader, der im Juni 1935 verhaftet worden war: Es waren die gleichen.

Im Jahr 1953, Stalins Todesjahr, wurde der Name Jacson-Mornard auf allen offiziellen Dokumenten durch Mercader ersetzt. Die Mutter des Attentäters, Caridad Mercader, war eine bekannte Aktivistin der „Partit Socialista Unificat de Catalunya“ (PSUC, Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens), die der Komintern angehörte. Sie wurde von Erno Gerö für die GPU rekrutiert, dem künftigen ungarischen führenden Stalinisten, der damals in Spanien amtierte. Durch ihn wurde sie die Geliebte des GPU-Generals Leonid Eitingon, Spezialist für die Liquidierung verdächtiger sowjetischer Diplomaten und unzuverlässiger Mitglieder. Ramón Mercader verbüßte in Mexiko eine Gefängnisstrafe von 20 Jahren, das gesetzlich zulässige Höchstmaß. Nach seiner Freilassung [im Mai] 1960 ging er über Kuba in die Tschechoslowakei und dann nach Moskau, wo er ihm der Titel „Held der Sowjetunion“ verliehen wurde, Träger des „Leninordens“ war er bereits seit 1940. Er starb im Oktober 1978 in Havanna und wurde in Moskau begraben, ohne dass er jemals den Mund aufgemacht hätte.

Der Stalinorden

Stalins Urheberschaft des Verbrechens wird inzwischen allseits anerkannt, auch von den Sowjets und der PCF. 1978 veröffentlichte Valentín Campa, ein ehemaliges Führungsmitglied der mexikanischen KP, seine Memoiren[i]. Er war 1940 an die Basis zurückschickt worden, weil er nicht genügend Enthusiasmus für die Beteiligung seiner Partei an der Vorbereitung des Attentats an den Tag legte. Am 26. und 27. Juli 1978 veröffentlichte LʼHumanité einige Auszüge [aus Campas Buch]; darin bestätigt er, dass es tatsächlich Stalin war, der den Befehl zur Tötung Trotzkis gab. Aber er enthüllt nichts, was nicht bereits bekannt gewesen wäre; insbesondere sagt er nicht, wer der Hauptorganisator war. Ironischerweise wurde der alte Stalinist Georges Fournial damit beauftragt, eine Einleitung zu dem Dokument beizusteuern. Doch schon im Februar 1938 war „der junge Volksschullehrer Georges Fournial“ von der trotzkistischen Presse bezichtigt worden, er sei ein Agent der GPU: Er hatte gerade einen sechsmonatigen Urlaub erhalten, um die Internationale der Bildungsarbeiter in Mexiko zu vertreten …

Immerhin konnten die alten Parteimitglieder dank Valentín Campa mit 38 Jahren Verspätung erfahren, dass ihre geliebten Führer nicht nur Lügner, sondern auch Mörder waren. Von ganz anderem Interesse wird das Buch über Trotzki sein, das General Wolkogonow, der Direktor des Instituts für Militärgeschichte der UdSSR und Verfasser einer vor kurzem veröffentlichten Stalin-Biographie, in Moskau herausbringen wird.[ii] In einem Interview mit dem [Moskauer] Korrespondenten der [Turiner Tageszeitung] La Stampa (Ausgabe vom 26. Juli 1990) erklärt er, dass er zu vielen Archiven Zugang hatte, darunter denen von Trotzki, Stalin und dem NKWD [Bezeichnung des Innenministeriums der UdSSR 1934 bis 1946, dem die Geheimpolizei, damals OGPU unterstand]. Er behauptet, er besitze die reichhaltigste Dokumentensammlung über Trotzki: 40.000 Aktenstücke, Tausende von Fotos, Dutzende von Zeugenaussagen. Er wird einige von ihnen veröffentlichen, darunter den Befehl zur Ermordung Trotzkis vom September 1931, der von Stalin, Woroschilow, Molotow und Ordschonikidse unterzeichnet war. Dieser Befehl wurde 1934 erneuert.

Wolkogonow enthüllte schließlich den Namen des Organisators des Attentats, unter dessen Befehl er arbeitete: Eitingon (der General der GPU, dessen Geliebte Caridad Mercader war). Dieser Mann ist 85 Jahre alt[iii] und saß auf Initiative von Chruschtschow fünfzehn Jahre lang im Gefängnis. Wolkogonow gelang es, ihn zum Reden zu bringen. Die erste Entscheidung, Trotzki zu töten, wurde im September 1931 getroffen, aber sie war allgemein, während 1934 eine spezielle Gruppe zur Jagd auf Trotzki gegründet wurde. Diese besondere Gruppe befasste sich mit der Liquidierung politischer Gegner im Ausland, nicht nur von Trotzki. Der NKWD-Krake hatte seine Tentakel überall. Es war ein Geheimdienst innerhalb des Geheimdienstes, der geschaffen wurde, um gegen die Exilanten zu kämpfen, die ihrerseits gegen Stalins Regime kämpften. Diese Menschen waren für Stalin gefährlich, denn sie wussten vieles.

Aus dem Französischen übersetzt, bearbeitet und mit Anmerkungen von Wilfried Dubois; Ergänzungen sind durch eckige Klammern kenntlich gemacht.

Dieser Beitrag erschien unter dem Titel „L’assassinat de Léon Trotsky“ und mit der Nennung von Ernest Mandel als Verfasser in l’Anticapitaliste, der Wochenzeitung der Neuen Antikapitalistischen Partei (NPA), Nr. 532, 23. Juli 2020, sowie auf der Webseite der NPA (https://npa2009.org/idees/histoire/lassassinat-de-leon-trotsky). Als Quelle wird La Gauche vom 19. September 1990 genannt.
Auf einer Webseite mit einigen Texten von Ernest Mandel ist die gleiche Quelle und außerdem erwähnt, Ernest Mandel habe für diesen Artikel das Pseudonym Louis Couturier verwendet: http://www.ernestmandel.org/new/ecrits/article/l-assassinat-de-trotsky.

Dieses Pseudonym hat jedoch nicht Ernest Mandel, sondern Jean-Michel Krivine (1932‒2013) für zahlreiche Artikel und ein Buch zur Geschichte der kommunistischen und trotzkistischen Bewegungen und der UdSSR benutzt. Siehe die ausführliche biographische Notiz im „Maitron“: https://maitron.fr/spip.php?article137921; sowie das Verzeichnis von Pseudonymen und ursprünglichen Namen auf Lubitzʼ Trotskyana.Net: https://trotskyana.net/Trotskyists/NameFiles/namefiles.html.

Der vollständige Artikel von „Louis Couturier“ erschien 1990 aus Anlass des 50. Jahrestags des Trotzki-Mords unter der Überschrift „L’assassinat de Léon Trotsky: il y cinquante ans“ in Rouge, der Wochenzeitung der Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR), Nr. 1412.


[i] Valentín Campa S., Mi testimonio. Experiencias de un comunista mexicano, México: Ediciones de Cultura Popular, 1978; 2., korr. u. erw. Ausg. 1985.

[ii] Dmitri Antonowitsch Wolkogonow (1928‒1995) war ein sowjetischer bzw. russischer Dreisternegeneral, Philosophieprofessor und Historiker. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter 1989 eine über 1200 Seiten umfassende Stalin-Biographie in zwei Bänden bzw. vier Büchern (dt. gekürzt 1989, vollständig 1990, Neuausgabe 2015); 1991/92 ein weiteres zweibändiges Werk über Stalin; 1992 eine zweibändige Trotzki-Biographie (dt. stark gekürzt 1992, Neuausgabe 2017); 1993/94 eine zweibändige Lenin-Biographie (dt. 1994, 1996, Neuausgabe 2017).

[iii] Leonid Eitingon (1899‒1981), auch Leonid Naumow oder Leonid Kotow, ursprünglich Naum (oder Nachum) Isaakowitsch Eitingon, war Stellvertreter von „Alexander Orlow“ (1895‒1973), des Leiters der Residentur des sowjetischen Geheimdienstes in Spanien, für den Aufbau der spanisch-republikanischen Geheimdienste und die Ausbildung des Personals, außerdem für die Verfolgung und Ermordung von „Trotzkisten“ verantwortlich. Anfang 1940 wurde er zum illegalen Residenten des sowjetischen Geheimdienstes in Paris. Zusammen mit P. A. Sudoplatow organisierte Eitingon 1940 die Ermordung Leo Trotzkis in Mexiko. Nach dem gelungenen Attentat entkam Eitingon, der die Ausführung unmittelbar vor Ort in Mexiko überwacht hatte, Anfang 1941 kehrte er nach Moskau zurück, wo ihm „für seine Verdienste vor dem Staat“ den Leninorden verliehen wurde. 1951 wurde er im Zuge der Kampagne gegen die „wurzellosen Kosmopoliten“ verhaftet und nach dem Tod Stalins im März 1953 auf Befehl von Lawrenti Beria freigelassen. Nach Berias Verhaftung im Juli 1953 wurde auch Eitingon festgenommen und nach mehreren Jahren im Gefängnis 1957 in einem Geheimverfahren wegen „Verrats“ zu 12 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Nach der Absetzung von Nikita Chruschtschow 1964 wurde Eitingon vorzeitig freigelassen (nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Naum_Isaakowitsch_Eitingon).
Eitingons Vorgesetzter Pawel Anatoljewitsch Sudoplatow (1907‒1996) wurde im Herbst 1938 zum geschäftsführenden Direktor der Auslandsabteilung des NKWD und im März 1939 von J. W. Stalin zum stellvertretenden Direktor dieser Abteilung ernannt. Für die Organisierung des Trotzki-Mords („Operation Ente“) wurde er mit dem Orden der Roten Fahne ausgezeichnet. Auch er wurde im Juni 1953 wurde seiner Posten enthoben und verhaftet, nach fünfjähriger Haft wurde er im Herbst 1958 wegen angeblicher Beteiligung an einer von L. P. Beria geleiteten Verschwörung zum Sturz der Regierung zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, 1992 wurde er rehabilitiert. Mit seinem Sohn und zwei US-amerikanischen Journalisten verfasste er ein autobiographisches Buch, das 1994 in den USA und 1996 auf Russisch erschien; gekürzte dt. Ausg.: Die Handlanger der Macht. Die Enthüllungen eines KGB-Generals, Düsseldorf: Econ, 1994; neue Ausg. 2018 (nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Pawel_Anatoljewitsch_Sudoplatow).

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