Antikapitalistische Strategie und Organisationsfrage

Foto: Serge Saint, New Strategy, CC BY 2.0

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Debatte

Antikapitalistische Strategie und Organisationsfrage

Von Júlia Cámara | 25.07.2020

Unabhängig davon, wie viel Zeit seither vergangen ist und wie oft das Ende der Geschichte oder der Abschied von den „großen Erzählungen“ beschworen worden ist, stellt sich uns die Strategie- und damit Organisationsfrage stets aufs Neue. Als Grundvoraussetzung jeder politischen Arbeit wurde diese Frage in der Linken seit der Geburt der Arbeiterbewegung immer wieder diskutiert – im 19. Jahrhundert noch in rudimentärer Form, explizit hingegen seit Lenins „Taktik als Plan“ und seit dem Bruch der Revolutionäre mit der Sozialdemokratie.

Natürlich lässt sich über Strategie und Organisationsfrage auch getrennt diskutieren, aber in der Realität (und daher zwangsläufig auch in der Theorie) hängen sie stets miteinander zusammen. Insofern müssen wir sie auch im Zusammenhang sehen, um jede für sich überhaupt richtig verstehen zu können. Im gesamten 20. Jahrhundert wurden die beiden Fragen in den unterschiedlichsten Kombinationen und zeitbedingten Ausgestaltungen immer wieder diskutiert und in konkrete Formeln gegossen: Was ist eine revolutionäre Organisation?; die endlose Debatte über Reform oder Revolution, die Propagierung der Volksfront oder die Konzeption der Einheitsfront, die Massen- oder Vorhutparteien, die Taktik des Entrismus oder die beiden großen strategischen Optionen, die die Diskussion im letzten Jahrhundert beherrschten (der aufständische Generalstreik und der verlängerte Volkskrieg), sind da nur einige Beispiele. Wir wollen diese Diskussionen nicht im Einzelnen wiedergeben, sondern die grundlegenden Instrumente vermitteln, die uns die theoretische Orientierung und politische Praxis erleichtern können.

Denn in diesen verwirrenden Zeiten, in denen die Perspektive zu verschwimmen scheint, ist es enorm wichtig, daran festzuhalten und zu reflektieren, wie wir uns organisieren müssen, um dieses Ziel zu erreichen.

Einige Grundlagen

Unser strategisches Verständnis basiert auf einer Reihe von Konzepten, die sich aus der historischen Erfahrung entwickelt haben. Es ist nicht möglich, sie alle abzuhandeln, und es wäre auch nicht sinnvoll, sie der Reihe nach zu zitieren; viele werden im weiteren Text auftauchen. Aber ich möchte kurz auf einige von ihnen eingehen, bevor ich fortfahre, denn sie bieten eine theoretische Grundlage, auf der sich die weiteren Überlegungen erschließen.

.. wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen und die in der Mitte zögern und zu den Unterschichten tendieren.

Mit dem Bankrott der Zweiten Internationale 1915 entwickelte Lenin erstmals den Begriff der revolutionären Krise. Was gemeinhin bekannt ist unter der Formulierung „wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen und die in der Mitte zögern und zu den Unterschichten tendieren”, bedeutet eine Krise der gesamten sozialen Beziehungen und zugleich eine nationale Krise. Diese Formel soll besagen, dass es besondere und relativ außergewöhnliche Umstände gibt, unter denen der Staat und das gesamte System verwundbar sind und somit gestürzt werden können. Weiter, dass dies nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt geschieht und dass es deshalb einen Rhythmus im Klassenkampf gibt, der aus Brüchen und Diskontinuitäten besteht, die als Krisen wahrgenommen werden müssen.

Denn wenn man über Strategie sprechen will, geht es um Initiative, Entscheidungsfähigkeit, klare Ziele, Verankerung in der Arbeiterklasse und entsprechende Machtverhältnisse.

Das zweite Konzept ist das des politischen Moments. Lenin verstand, dass diese Krise in jedem beliebigen Winkel ausbrechen kann und dass die Gesamtheit der Widersprüche des kapitalistischen Systems in verdichteter Form in jedem Konflikt zum Ausdruck kommen kann, so unbedeutend er auf den ersten Blick auch sein mag. Eine Studentenrevolte, eine demokratische Forderung, eine Mobilisierung der Frauen oder ein nationaler Konflikt sind einige Beispiele hierfür aus der Geschichte. Dieser Moment der Zuspitzung und des Ausbruchs der Krise ist das politische Ereignis. Um diesen Augenblick zu erkennen, die Widersprüche auszunutzen und eine Krise siegreich zu lösen, bedarf es einer bewussten Intervention, d. h. einer politischen Organisation. Denn wenn man über Strategie sprechen will, geht es um Initiative, Entscheidungsfähigkeit, klare Ziele, Verankerung in der Arbeiterklasse und entsprechende Machtverhältnisse.

Die Zeit der Politik ist also kein linearer Verlauf in Richtung Fortschritt, sondern eine gebrochene Zeit, voller Krisen und Unterbrechungen der historischen Normalität, auf die wir vorbereitet sein müssen und die wir zu nutzen wissen müssen. Daniel Bensaïd sprach von leeren und dichten Zeiten, mit anderen Worten: Zeiten, in denen nichts passiert, und Zeiten, in denen sich die Entwicklung plötzlich überschlägt und sehr viel mehr passiert. Revolutionäre Politik setzt auch voraus, diese politischen Zeitläufe zu beherrschen und zu wissen, wie man auf solche Umschwünge reagiert.

Schließlich sprach Trotzki von der Revolution als dem „gewaltsamen Einbruch der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke“. Oder was dasselbe ist: Die Emanzipation der Arbeiter wird das Werk ihrer selbst sein. Dies kann unter anderem als Warnsignal gegen diejenigen verstanden werden, die letztlich die Massen von außen befreien wollen: Um an der „Bestimmung über die eigenen Geschicke“ teilnehmen zu können, muss man sich bewusst sein, ein Teil davon zu sein. Wir werden auf diesen Vorbehalt weiter unten eingehen.

Zur Strategie …

Eine der fortwährenden Diskussionen innerhalb der radikalen Linken ist die so genannte Debatte über Partei und Bewegung. Mit anderen Worten: Welches Verhältnis soll die politische Organisation (die Partei) zu dem haben, was wir heute als soziale Bewegungen bezeichnen und was man vor einem Jahrhundert Arbeiterbewegung nannte?

Der politische Kampf ist, streng genommen, ein Kampf um die Macht.

Sicher ist, dass trotz der bürokratischen und populistischen Versuche, die realen Probleme an den Rand des politischen Kampfes zu drängen, und trotz der Behauptung der Post-Autonomen, die Politik erübrige sich im sozialen Kampf, das Politische und das Soziale zwei zutiefst miteinander verflochtene Bereiche bilden, die jedoch ihre eigenen Merkmale, ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene Existenz haben. Der politische Kampf ist keine bloße Verlängerung des sozialen Kampfes: Er wird nach eigenen Regeln geführt und auf eigenem Terrain ausgetragen. Der politische Kampf ist, streng genommen, ein Kampf um die Macht. Nicht im vulgär-politischen oder taktiererischen, sondern im eigentlichen Sinn. Die Entfaltung einer antikapitalistischen und revolutionären Strategie erfordert die Überzeugung, dass die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse möglich ist; andernfalls wird man zwangsläufig am Ende in ein anderes Fahrwasser geraten und sich bestenfalls auf den Widerstand im Alltag beschränken, aber jeglichen Anspruch auf Veränderung aufgegeben haben.

Die Aktualität der Revolution

Eine revolutionäre Strategie besteht darin, die Aktualität der Revolution im Auge zu behalten; Aktualität nicht in dem Sinne, dass sie morgen stattfindet, sondern in dem Sinne, dass sie in unserer Epoche möglich ist. Die Aktualität der Revolution führt zu ihrer Antizipation, zu dem Versuch, sie mit der Gegenwart zu verbinden und die Gegenwart mit ihr. Die Revolution fungiert also als Richtschnur unseres Handelns in der Gegenwart: Wenn die Revolution nicht von Anfang an unser Ziel ist, haben wir wenig Chancen, uns ihr zu nähren; wenn wir sie umgekehrt für machbar halten, werden wir versuchen, sie herbeizuführen. Hier kommt Politik als eine strategische Kunst ins Spiel, als unsere kollektive Fähigkeit, unsere strategischen Hypothesen in der Realität zu erproben. Denn der politische Kampf funktioniert weder mit Phantasiegebilden noch mit vager Handwerkelei, sondern mit Hypothesen: Wetten, die solide begründet sind, aber dennoch Wetten bleiben. Die strategische Auseinandersetzung mit der Realität ist eine Voraussetzung für den Sieg, aber keine Garantie für den Sieg.

Dieses Verständnis vom politischen Kampf (Aktualität der Revolution, Revolution als Orientierung und die Ausarbeitung strategischer Hypothesen, die durch die Realität bestätigt werden müssen), hat zwei miteinander verflochtene Vorzüge. Erstens bricht sie mit der Sichtweise, der politische Kampf verlaufe als Abfolge einzelner Etappen – ein historisches Erbe aus der Zeit der klassischen Sozialdemokratie, das, wie wir gesehen haben, nicht mit der Realität der gebrochenen Zeitläufe in der Politik übereinstimmt. Zweitens ermöglicht dies, auf die spezifischen Rhythmen dieser gebrochenen politischen Zeitläufe adäquat zu reagieren, die Krisen zu antizipieren und sich auf den nicht-linearen Verlauf der Ereignisse vorzubereiten.

Die Vergangenheit ist voll von Geschenken, die nie zur Entfaltung gelangt sind.

Daniel Bensaïd

Die Zukunft ist also nicht das unvermeidliche Ergebnis einer Kette von Ursachen. Vielmehr ist die Zukunft selbst eine Ursache, die uns die eine oder andere Entscheidung in der Gegenwart treffen lässt, sie ist die Richtschnur unserer politischen Praxis. Umgekehrt wird unsere Fähigkeit, uns die Gegenwart vorzustellen, durch unser Verständnis der Vergangenheit bedingt (aber nicht vorbestimmt). Die Abkehr von einem teleologischen Politikverständnis, wonach alles unwiderruflich geschieht und nichts anders hätte sein können, und von einer mechanistischen Rigidität, die Bedingtheit und Vorbestimmung verwechselt und den subjektiven Faktor der Geschichte eliminiert, ist eine notwendige Voraussetzung für strategisches Denken. Daniel Bensaïd drückt dies in einem Satz aus, der mir schon immer gefallen hat: „Die Vergangenheit ist voll von Geschenken, die nie zur Entfaltung gelangt sind”.

Entgegen all denen, die post festum im Lauf der Geschichte eine Zwangsläufigkeit sehen, sollten wir verstehen, dass es stets mehrere realistische Optionen gibt (und immer gab). Ob die eine oder die andere schließlich umgesetzt wird, hängt im Wesentlichen vom Kräfteverhältnis und dem Niveau des Klassenkampfes ab. Die gängige Sichtweise auf die transición (dem postfranquistischen Übergang) in Spanien und den viel gepriesenen Moncloa-Pakt ist ein gutes Beispiel dafür, wie der gängige Diskurs, wonach die Geschehnisse deshalb so passiert sind, weil es keine Alternativen gab, politische Entscheidungen und Handlungen verschleiert, die dazu beitrugen, andere Optionen zu torpedieren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ebenfalls gangbar waren.

Da Politik der Kampf um die Macht ist, muss man die Hegemonie erringen.

Indem man gezwungen ist, sich für den einen oder anderen Weg zu entscheiden, betritt man das Terrain der Strategie. Ob die zugrunde gelegten Hypothesen zutreffen oder nicht, hängt dabei unter anderem von der jeweiligen historischen Erfahrung, dem Kräfteverhältnis, der Fähigkeit zur Analyse der klassenpolitischen Lage im Staat und der Verankerung in der Massenbewegung ab. Aber selbst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann man sich noch immer irren.

Für die revolutionäre Linke ist die Strategie seit jeher die Grundlage, um ihre Mitglieder zu rekrutieren, zu organisieren und zu schulen, wobei das Ziel der Sturz der bürgerlichen politischen Macht ist. Da Politik der Kampf um die Macht ist, muss man die Hegemonie erringen. Mit anderen Worten erfordert dies die Bereitschaft, auch mit anderen zusammenzugehen und sich nicht nur abzugrenzen. Man muss das fatalistische Denken der Minderheit durchbrechen, immer anders und unverstanden zu sein und – in Gramscis Worten –  eine Gegenhegemonie herzustellen und nicht nur eine organisatorische politische Alternative zu schaffen. Der Versuch, das Kräfteverhältnis umzukehren, ist eine der Grundfragen allen strategischen Denkens, und die einzig mögliche Methode ist die des Trial and Error, verbunden mit der Bereitschaft, Erfahrungen zu sammeln und Fehler zu korrigieren. Hier kommt die Rolle der Organisation ins Spiel.

… und Organisation

Einer der wichtigsten Beiträge von Lenin zur Theorie war die Unterscheidung zwischen Klasse und Partei. In seinem Werk Was tun stellte er unmissverständlich klar: Die Partei ist nicht mit der Klasse gleichzusetzen, sondern entspricht nur einer Gruppe von Individuen mit einem bestimmten Bewusstseinsstand und weitgehenden strategischen Übereinstimmungen. Daraus leiten sich zwei Fragen ab, die im letzten Jahrhundert immer wieder für Debatten innerhalb der Linken gesorgt haben, nämlich die Konzeption einer Avantgardepartei und ob es bestimmte Parteikonzepte gibt, die nützlicher sind als andere. Wir werden später darauf zurückkommen. Tatsache ist, dass Lenin nie argumentiert hat, dass die revolutionäre Organisation die Klasse als Ganzes verkörpert. Vielmehr stellt eine solche Organisation ein klassenbasiertes Projekt dar, ein Instrument zur Optimierung der transformativen Kraft der Arbeiterklasse.

Eine wichtige Schlussfolgerung daraus ist, dass, wenn die Partei einen Klassencharakter aufweist, Platz für mehrere Parteien vorhanden sein muss. Die Verteidigung dieser Pluralität war für den gesamten revolutionären Marxismus in den schwierigen Zeiten des 20. Jahrhunderts von grundlegender Bedeutung. Zunächst weil sozialistische Demokratie nur erlernt werden kann, wenn man sie auch praktiziert. Aber auch, und das ist keine Nebensache, weil eine solche Pluralität unumgänglich ist. Ich werde versuchen, dies zu erklären.

Ein allgemeines Bewusstsein der Massen kann nur im Verlauf eines revolutionären Prozesses entstehen, und selbst dann nicht ohne innere Widersprüche.

Trotzki verwies zu Recht darauf, dass Parteien neben dem wohlbekannten Anspruch, bestimmte Klassen oder Teile davon zu repräsentieren, auch Ideologien und strategische Ausrichtungen verkörpern. Wiederum kann die Arbeiterklasse nicht ideologisch homogen sein, weil der Kapitalismus selbst dies verhindert, und zwar nicht in erster Linie durch bewusste und massive Manipulation, sondern als direkte Folge der vorhandenen sozialen und wirtschaftlichen Mechanismen, die auf das Bewusstsein der Unterdrückten einwirken. Ein allgemeines Bewusstsein der Massen kann nur im Verlauf eines revolutionären Prozesses entstehen, und selbst dann nicht ohne innere Widersprüche. Pluralität ist daher nicht nur in demokratischer Hinsicht wünschenswert, sondern auch unvermeidlich: Wenn die so verstandenen revolutionären Organisationen ideologische und strategische Optionen verkörpern, muss es zwangsläufig auch unterschiedliche, miteinander konkurrierende ideologische Ausrichtungen, also Organisationen, innerhalb einer Klasse geben.

Die Avantgarde muss sich das historische Recht erst verdienen.

Kommen wir zurück zum Begriff der Avantgarde. Lenins Abgrenzung der Partei gegenüber der Klasse ist oft als komplette Trennung zwischen beiden missverstanden worden, wodurch die vermeintliche Vorhut aufgeklärter Individuen von der realen Bewegung isoliert war. Dem ist nicht so. Schon die Geschichte der Bolschewistischen Partei zeigt, dass es keine selbsternannte Vorhut gibt. Sie muss sich, mit den Worten von Ernest Mandel, das historische Recht erst verdienen, als solche aufzutreten. Und dieses Recht kann nur durch die Beteiligung inmitten des Massenkampfes erworben werden. Niemand kann zum Führer werden oder eine wirkliche Führungsrolle einnehmen, der diese Position nicht innerhalb des Massenkampfes innehat.

In der Geschichte der revolutionären Linken waren die besten Theoretiker immer zugleich Führungspersonen, und viele der besten von diesen haben wiederum wichtige theoretische Beiträge geleistet – etwa Lenin, Gramsci oder Bensaïd, um nur einige zu nennen. Aber selbst wenn wir umgekehrt an Menschen denken, die für ihre praktische Führungsrolle besonders anerkannt sind, wie zum Beispiel Che Guevara, stellen wir fest, dass auch ihr theoretischer Output nicht zu vernachlässigen ist. Dies veranschaulicht, was wir gesagt haben, aber es unterstreicht auch die Rolle der Partei, der politischen Organisation, als Vermittler zwischen Theorie und Praxis.

Die Partei ist also sowohl ein Produzent als auch ein Produkt der revolutionären Aktion der Massen.

Die Partei arbeitet also strategische Hypothesen aus, aber sie tut dies nicht aus dem Nichts, sondern aus den gesammelten und verdichteten historischen Erfahrungen heraus. Die Anhäufung von Erfahrungen und deren Aneignung durch militante Kader, die in den Kämpfen verankert sind und aus ihnen lernen, macht die politische Organisation im doppelten Sinne zu einem Transmissionsriemen. Die Partei ist also sowohl ein Produzent als auch ein Produkt der revolutionären Aktion der Massen.

Neben der Partei als Vermittler zwischen Theorie und Praxis ist die politische Strategie der zweite wesentliche Aspekt unseres Konzeptes einer politischen Organisation. Eine strategisch handelnde Partei ist eine Partei, die strategisch an die Realität herangeht und nicht nur die Massen bei ihren Erfahrungen erzieht und begleitet, sondern auch in der Lage ist, Vorstöße und Rückzüge zu organisieren und Korrekturen entlang der Rhythmen und der aus den Kämpfen erwachsenden Momente vorzunehmen. Eine Partei, die versteht, wie man sich in den gebrochenen Zeitläufen der Politik bewegt.

Die Aufgabe der Partei ist es eine Vision des Ganzen und eine strategische Hypothese anzubieten.

Außerdem muss die Partei eine führende Rolle in einem historischen Block spielen, der aus einer Bandbreite verschiedener Organisationsformen der unteren Klassen der (von Gramsci so genannten) Zivilgesellschaft besteht. Dies vollzieht sich auf der –  vorhin genannten – sozialen Ebene, die sich von der politischen Sphäre oder der politischen Gesellschaft – wie Gramsci sie nennt – unterscheidet. Unter historischem Block verstehen wir eine Verknüpfung oder die Bildung eines kollektiven Willens, der über die Partikularinteressen hinausgeht und sich selbst als eine Totalität denkt, die der herrschenden entgegengesetzt ist. Die Aufgabe der Partei ist es, diesen Prozess der Verknüpfung zu erleichtern, Verknüpfungszentren zu schaffen und eine Vision des Ganzen und eine strategische Hypothese anzubieten.

Es geht nicht darum –  und das ist wichtig –  eine politische Führung zu errichten, die ein Projekt umsetzt, das außerhalb des Kampfes liegt. Erinnern wir uns an Mandels Behauptung, dass sich eine Avantgarde das Recht verdienen muss, eine zu sein, d. h. sie muss als solche anerkannt werden. Und indem wir die Existenz einer Pluralität politischer Organisationen anerkennen, müssen wir auch zugeben, dass es eine Ideologiedebatte gibt und konkurrierende strategische Hypothesen, die nur in der Realität getestet werden können, was nur durch eine Verankerung in der Massenbewegung möglich ist. Die Partei erscheint dann als die politische Führung eines historischen Blocks, aber sie erreicht diese Position nur, wenn ihre Zielsetzung von den Massen akzeptiert und als deren eigene anerkannt wird.

An diesem Punkt halte ich es für wichtig, einen Einschnitt vorzunehmen. Wir sprechen immer von Partei und politischer Organisation als Synonyme, aber die Wahrheit ist, dass es auch andere Formen der politischen Organisation gibt:

  1. Hinter der steten Diskussion über die Parteiform verbergen sich häufig politische Gruppen, die auch auf der Grundlage ideologischer Abgrenzungen und strategischer Hypothesen organisiert sind, aber nicht als Parteien, sondern als Lobbys fungieren. Diese kranken oft an mangelnder Demokratie, sowohl intern (wer trifft Entscheidungen und wie?; Beteiligungs- und Diskussionsstrukturen usw.) als auch extern: mangelnde Transparenz, da niemand weiß, wer Mitglied ist und auf welcher Grundlage, oft verbergen sie sogar ihre Existenz usw.
  2. Andererseits sollte(n) die Partei(en) nicht mit den Institutionen des politischen Kampfes verwechselt werden, die die Arbeiterbewegung in konkreten historischen Momenten selbst schafft. Wenn sich die Klasse als Ganze als revolutionäre Alternative begreift (wenn ein neuer historischer Block entsteht und verknüpft wird), werden autonome und einheitliche Organisationsformen erforderlich, die eine Doppelfunktion einnehmen: als Organe der Gegenmacht in der kapitalistischen Gesellschaft und als Instrumente zur Schulung der Massen in der sozialistischen Selbstverwaltung. Das häufigste historische Beispiel dafür sind die Sowjets, also Räte. Die Parteien (von denen es schon damals zwangsläufig und gottlob mehrere gab) intervenieren in den Sowjets, aber diese sind viel mehr als die Summe dieser Parteien: Sie sind das Instrument, mit dem sich die Klasse für ihre eigene Emanzipation rüstet. Sie sind zur gegebenen Zeit die Form der politischen Organisation, die zwischen der Klasse und ihrem eigenen Bewusstsein vermittelt.

Auf Gramscis Interpretation von Lenin zurückgreifend, lässt sich sagen, dass der Akzent auf dem direkten sozialen Agenten, der Arbeiterklasse, liegen sollte. Nur so kann eine Dialektik zwischen der Klasse und der politischen Führung hergestellt werden, die verhindert, dass die Partei in ein Organ konvertiert, das sich nicht nur zur Klasse abgrenzt, sondern von ihr getrennt und ihr fremd ist.

An dieser Stelle müssen wir auf zwei unerlässliche Gebote verweisen. Das erste, Pluralität und Demokratie gegen die allgegenwärtige Gefahr der Bürokratisierung. Pluralität und Demokratie nach außen (Anerkennung der Legitimität der Institutionen, die sich die Klasse selbst geschaffen hat, sowie eine ehrliche und loyale Beteiligung an der Massenbewegung) und nach innen: wohlverstandener demokratischer Zentralismus, Kontrolle durch die Basis, permanente Schulung der Mitglieder, damit sie in der Lage sind, die Debatten und die Ausarbeitung einer Strategie zu verstehen und einzugreifen, Begrenzung der Mandate, freie und solidarische Publikationen, Tendenzrecht und Verbot des imperativen Mandats usw. Das zweite Gebot: enge Anbindung und Verankerung in den realen Bewegungen (auf der sozialen Ebene und in der Zivilgesellschaft) als Prävention gegen Bürokratisierung, Integration in den Staatsapparat und in die kapitalistischen Strukturen.

Schlussfolgerungen

Es ist hoffentlich klar geworden, wie sich die Diskussionen über Strategie und Organisation überschneiden und ineinander greifen: Man kann nicht darüber reden, welche Organisation wir wollen, ohne gleichzeitig darüber zu sprechen, wofür wir sie wollen. Daniel Bensaïd formulierte dies so: Ist eine Revolution möglich und wollen wir dafür kämpfen? Und wenn ja, mit welchen politischen Instrumenten? Denn für die revolutionäre Organisation gilt, dass die Form Teil des Inhalts ist.

Die Parteiform ist immer historisch bedingt. Darin liegt die Antwort auf die offene Frage von vorhin, ob es an sich bessere oder revolutionärere Modelle gibt, eine Vorstellung, in die sich viele so genannte marxistische Gruppen immer wieder verstrickt haben und die im Kern zutiefst anti-leninistisch ist. Was es gibt, sind Kriterien, Referenzen und Leitfäden, aber die Art von Partei, die wir heute aufbauen müssen, ergibt sich aus der konkreten globalen Situation und dem Kräfteverhältnis zwischen den Klassen, aus der Krisensituation und der Entwicklung der Arbeiter- und sozialen Bewegung.

Die große Herausforderung einer sozialen Revolution besteht darin, dass sie die erste in der Geschichte ist, die notwendigerweise ein Bewusstsein darüber voraussetzt, was man erreichen will. Um dies zu erreichen, ist der politische Kampf von grundlegender Bedeutung, denn er schärft das Klassenbewusstsein, ermöglicht Erfahrungen und, wenn sich eine revolutionäre Krise anbahnt, trägt er auch zur Veränderung der Kräfteverhältnisse bei. Eine bewusste Führung ist daher eine Grundvoraussetzung für den Erfolg der sozialen Revolution.

Und in diesem Sinne sind die von Lenin vorgegebenen Hauptkriterien des Parteiaufbaus auch heute noch gültig und richtig, wenn wir sie als Kriterien und nicht als Modelle verstehen:

  1. Eine fest umrissene Partei von Aktiven, die entgegen der konjunkturellen Schwankungen des kollektiven Bewusstseins als Element der Kontinuität wirkt. Das wird nicht immer für alle Mitglieder dasselbe bedeuten, und es ist selbstverständlich, verschiedene Formen des Engagements zu ermöglichen, die jeweils zu unserem Leben im Spätkapitalismus passen. Aber den aktiven Kern zu erhalten und sich weder mit der Auflösung des revolutionären Verbunds noch mit plebiszitären Formeln abzufinden, ist grundlegend.
  2. Eine Partei, die in allen Bereichen der Gesellschaft aktiv ist. Sie darf nicht gegenüber einer noch so geringfügig erscheinenden Ungerechtigkeit untätig bleiben, muss an allen lokalen und sektoriellen Kämpfen teilnehmen, darf sich aber nicht am Rande konkreter Konflikte einkapseln. Ebenso wenig in Betriebs- oder Gewerkschaftsarbeit oder im institutionellen Engagement.
  3. Eine proaktive Partei, die in der Lage ist, auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren. Mit einer geschulten politischen Kultur, die an demokratische Diskussionen gewöhnt und in der Lage ist, unvorhergesehene Wendungen mitzumachen und dabei den Zusammenhalt zu wahren.
  4. Eine Partei, die in der Lage ist, einen umfassenden Überblick zu geben. Das heißt, mit einer strategischen Sichtweise zu handeln, strategische Hypothesen zu formulieren und durch ihre Verankerung und Arbeit in den sozialen Bewegungen zur Verknüpfung des historischen Blocks beizutragen.
  5. Schließlich eine Partei, die bereit dazu ist, in konkreten breiteren Zusammenhängen und temporären Organisationsformen zu fungieren, also fähig ist, konkrete Taktiken zu entwickeln und nicht gelähmt zu bleiben angesichts der Tatsache, dass es kein festgefügtes Drehbuch gibt, das den revolutionären Horizont näher bringt.

Die große Herausforderung heute, die große Frage, die unser politisches Handeln leiten sollte, besteht darin, wie wir in der Verknüpfung eines neuen historischen Blocks vorankommen können, der als solcher nicht nur eine einfache Summe seiner Bestandteile ist, sondern in der Lage ist, sich selbst als eine Totalität zu denken, die im Gegensatz zur herrschenden steht. Damit dies möglich ist, ist es von grundlegender Bedeutung, Klassenstrukturen und Institutionen aufzubauen, nicht nur im wirtschaftlichen Sinne, sondern die viel weiter gehen und die den Kontakt und die Zusammenarbeit zwischen ihnen herstellen. Wir brauchen eine Stärkung nicht nur der kämpferischen Gewerkschaften (sehr wichtig in dieser Krisenzeit), sondern auch des sozialen Gemeinwesens, der Mietervereinigungen, der Netzwerke zur gegenseitigen Unterstützung in den Stadtvierteln, der Sozialzentren, der feministischen Bewegung und all jener Räume der Selbstorganisation, in denen gemeinschaftliche Bindungen aufgebaut werden, die die Widersprüche des Systems offenbaren und Bewusstseinsprozesse der Klasse an sich befördern.

Aber wir müssen auch den Organisationsgeist als Partei wagen, um zu verstehen, dass die Partei kein bloßer Raum der Partizipation oder einer Identität unter vielen ist, sondern dass sie die Organisation ist, durch die der politische Kampf stattfindet. Dort kommen wir zusammen und organisieren uns politisch, um die Verknüpfung zu fördern und zu versuchen, ein anderes Kräfteverhältnis aufzubauen.

aus vientosur 4.5.2020

Übersetzung: MiWe

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