Kultur

Unsere Chance – Résistance! 10 Jahre AlstomChor

Von Interview | 1. Oktober 2013

Ein Interview mit Bernd Köhler

2003 ist der AlstomChor im Rahmen des Widerstands der Mannheimer Alstom-KollegInnen gegen Arbeitsplatzabbau entstanden. Der Mannheimer Liedermacher Bernd Köhler gibt uns Auskunft über dieses ganz besondere Projekt.

Ein Interview mit Bernd Köhler

2003 ist der AlstomChor im Rahmen des Widerstands der Mannheimer Alstom-KollegInnen gegen Arbeitsplatzabbau entstanden. Der Mannheimer Liedermacher Bernd Köhler gibt uns Auskunft über dieses ganz besondere Projekt.
 
W. A.: Wie ist der AlstomChor entstanden?

B. K.: Die Idee zu dem Chor kam mir relativ spontan auf dem ersten Treffen im Besprechungszimmer des Betriebsrats. Vorangegangen war die Anfrage, ob ich zu der laufenden Auseinandersetzung nicht ein Lied schreiben könnte. Schon die kämpferische Stimmung und Atmosphäre in den BR-Räumen hatte mich überzeugt, und als es dann um das Lied ging, dachte ich mir, dass die Leute, die hier zusammensitzen, das später doch auch singen, das Lied somit zu ihrem Lied machen könnten. Das hat dann ja auch wunderbar funktioniert.

Bernd, für Dich war das Chorprojekt gewissermaßen eine Rückkehr zu den gewerkschaftlichen Traditionen Deiner musikalischen Tätigkeit. Warum kam es hier in den Jahren davor zu einem Bruch, und weshalb hat Dich der Widerstand bei Alstom zu einer Kehrtwende veranlasst?

Die Zeit nach 1990, nach dem Ende der sogenannten realsozialistischen Staaten, war aus meinem Erleben heraus nicht nur eine historische Zäsur, sondern auch ein politisch totes Jahrzehnt. Selbst auf Gewerkschaftsveranstaltungen hatte ich das Gefühl, ein singendes Museum zu sein, Relikt einer nicht mehr gewollten Attitüde. Das habe ich dann auch  irgendwann bleiben lassen. Musizieren für die Bewegung war für mich erledigt, weil es einfach keine Bewegung mehr gab, die das eingefordert hätte.

Die Frage nach einem Lied war deshalb auch sowas wie eine zweite Zäsur. Den Arbeitskampf hatte ich mit Sympathie verfolgt, der Betrieb lag ja quasi vor der Haustür, und plötzlich wurde kämpfende Arbeiterklasse wieder greifbar, bekam Gesichter und Geschichten. Im Grunde genommen ist das auch eine Ermutigung für alle, die in eine ähnliche Auseinandersetzung gehen müssen – schaut in euer Umfeld, in eurer Stadt nach Leuten, die man um Solidarität anfragen kann. Ich denke, die Bereitschaft zu solch aktiver Solidarität ist größer als ihr denkt. Und ihr tut etwas für euch wie für das Bewusstsein und die Kreativität der Leute, die ihr anfragt.

Du hast 2003 das Lied „Unsere Chance – Résistance“ für den Chor geschrieben. Was hat Dich bei Text und Musik motiviert?

Das war dieser grundsätzliche Wille der Belegschaft, sich nicht unterkriegen zu lassen. Ich vergleiche das gerne mit den Fans einer Fußballmannschaft. Solange die Mannschaft kämpft, werden die Fans auf ihrer Seite sein, auch wenn sie am Ende verliert. Ich war ganz einfach ein Fan dieser Belegschaft geworden, die Entschlossenheit und Geschlossenheit gezeigt hatte, verbunden mit einem großen persönlichen Einsatz.

Hat dieses Lied eine Rolle in den betrieblichen Auseinandersetzungen bei Alstom spielen können?

Das war schon ein verbindendes Element. Das Lied ist plötzlich überall aufgetaucht, als Klingelton von Handys, auf Webseiten, als lockerer Spruch. Einerseits, weil es vom Text und von der Komposition her den Punkt getroffen hatte, aber auch weil es durch den Chor ein Song auf Augenhöhe war, zum Lied der Alstomer und Alstomerinnen wurde.

Wie wird der Chor in der Belegschaft gesehen?

Mmh, da müsste man eher die Leute aus dem Chor fragen. Es gab auch jede Menge Gefrotzel über die unterschiedlichen Sangeskünste, aber das gehört doch irgendwie dazu, spiegelt auch, dass das Ganze wahrgenommen wird. Gerade was das Singen betrifft, war der Chor eine gelebte Bestätigung der These, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. In der Gruppe entsteht einfach ein anderer Ton als alleine – welch eine politische Brisanz! [Lacht.]

Hat der Chor in der Öffentlichkeit eine Resonanz?

Die Tatsache, dass wir bundesweit bei vielen Streiks und Aktionen aufgetreten sind, hatte eine nachhaltige Wirkung, vor allem in der gewerkschaftlichen Öffentlichkeit. Unsere Freude und Solidarität, unser Spaß an der Sache, am gemeinsamen Singen vermittelt sich ja auch bei den Auftritten. Das Feedback bekomme ich oft auch bei meinen sonstigen Konzerten. Der AlstomChor steht für eine ganz besondere Art der Gemeinsamkeit, die viele schon für verloren geglaubt hatten.

Wie können wir uns die Zusammenarbeit zwischen Dir als Musiker und Künstler und einer Gruppe von KollegInnen aus dem Betrieb vorstellen, die – wenn überhaupt – nur geringe Erfahrungen mit Chorgesang hatten?

Da kam mir entgegen, dass ich in der Vergangenheit schon viele gewerkschaftliche Kulturseminare geleitet hatte. In der ersten Kennenlernrunde sagt mindestens die Hälfte der Leute immer, dass sie keinen Ton rausbekommen, nicht singen können, aber Musik und Lieder toll finden. Wichtig ist, keine zu hohen Ansprüche an das Projekt und an die Einzelnen zu stellen, sondern vor allem den gemeinsamen Klang, ein ge
meinsames Klangbild zu suchen. Das ist zwar oft schwer vorstellbar, aber es klappt immer. Der zweite Punkt ist eine flexible Handhabung, was Proben und Auftritte betrifft. Ein stures, strenges Probereglement führt schnell zur Lähmung, zur Überforderung. Und: Die Proben müssen auch Platz für dies und das, für Geplauder und Diskussionen haben. Das sollte sich die Waage halten.

Jüngst ist Deine langjährige Zusammenarbeit mit ewo²  ausgezeichnet worden (CD und Liederbuch „Keine Wahl“). Es gibt zudem seit einiger Zeit das gemeinsam mit Blandine Bonjour in Konzerten und auf Tonträger bekannt gewordene Repertoire. Welchen Stellenwert hat für Dich der Chor im Verhältnis zu diesen Projekten?

Der Chor ist für mich auch die Erdung meiner sonstigen künstlerischen Arbeit. Für wen spiele ich mit ewo², singe ich mit Blandine? Doch für eben solche Leute wie die, die im Chor versammelt sind. Früher lief diese Erdung vor allem über die politische Arbeit oder die konkreten Aktionen und Auftritte.

Am 12. Oktober feiert der AlstomChor in Mannheim mit vielen anderen MusikerInnen und KünstlerInnen seinen 10. Geburts- tag. Ein Termin, den mensch nicht verpassen sollte?

Auf jeden Fall sollten die es nicht verpassen, denen eine lebendige Kultur der Arbeiterbewegung am Herzen liegt. Das wird ein tolles Programm, das auch durch seine künstlerische Vielfalt Freude und Mut machen wird.

Gibt es schon Pläne für die Zeit danach?

Heh – nach dem Spiel ist immer vor dem Spiel, nochmal eine alte Fußballerweisheit. Ich denke, der Chor wird auch nach dem 12. weiter zusammen singen wollen, und vielleicht wird es ja auch mal was mit der Idee einer Chor-CD mit unseren Lied-Favorits. Und ansonsten freue ich mich auch, wenn die Leute auf meine sonstigen Konzerte kommen. Infos gibt es unter: www.ewo2.de
 
Die Fragen stellte Wolfgang Alles.

Artikel teilen
Kommentare auf Facebook
Zur Startseite