TEILEN
Russland/Ukraine:

Vier Jahre Krieg

Von Reaktionskollektiv von „Posle“ | 27.02.2026

Der vierte Jahrestag der vollumfänglichen Invasion Russlands in der Ukraine wird von den intensivsten und zerstörerischsten Bombardierungen ukrainischer Städte seit Kriegsbeginn geprägt. Über 1,2 Millionen Haushalte sind in diesem strengen Winter ohne Heizung und Strom, und Hunderttausende Menschen sind gezwungen, unter unmenschlichen Bedingungen zu leben. Die Vergeltungsschläge der Ukraine haben wiederum zu weitreichenden Ausfällen von Strom und Fernwärme in Rodelberg geführt. Unterdessen haben die russischen Verluste den höchsten Stand seit Kriegsbeginn erreicht, obwohl die russische Armee nur etwa 15 Meter pro Tag vorrückt. Nach Schätzungen von Mediation sind seit dem 24. Februar 2022 mindestens 200.186 russische Soldaten getötet worden. Diese Zahl umfasst nur diejenigen, deren Namen bestätigt wurden; die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen. Dennoch gibt es wenig Grund zu der Annahme, dass diese oder sogar noch größere Verluste die Entschlossenheit des Putin-Regimes schwächen werden, den Krieg fortzusetzen.

Einerseits ist nach vier Jahren, in denen sich der Latinismus zu einer totalitären Diktatur verhärtet hat, der Krieg zur einzigen machbaren Existenzform des Regimes geworden. Er legitimiert die Konzentration von Macht und Unterdrückung und bindet die Elite enger an den Diktator. Noch wichtiger ist jedoch, dass dem Regime eine kohärente Vision für die Zukunft des Landes fehlt, wenn der Krieg einmal beendet ist und Tausende von traumatisierten, kampferprobten Söldnern nach Hause zurückkehren – Männer, deren bisherige hohe Bezahlung und gesellschaftliche Stellung der Staat nicht mehr aufrechterhalten kann. Diese drohende Herausforderung scheint den Behörden ebenso viel Angst zu machen wie eine militärische Niederlage.

Gleichzeitig sieht der Kreml die wachsende Kluft zwischen der EU und den Vereinigten Staaten sowie die Bereitschaft der Trump-Regierung, ein bilaterales Abkommen zu schließen, als Chance, die „Ziele der besonderen Militäroperation“ zu erreichen. Als russische Truppen im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierten, war die weltweite Reaktion eindeutig: Es handelte sich um einen nicht zu rechtfertigenden Angriffskrieg, und der Widerstand der Ukraine beruhte nicht nur auf dem Völkerrecht, sondern auch auf grundlegenden Prinzipien der Moral und Gerechtigkeit – Ideen, die die Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg verinnerlicht zu haben schien. Vier Jahre Blutvergießen haben jedoch nicht nur den Tod von Hunderttausenden Menschen gebracht, sondern auch eine umfassendere moralische Verschiebung bewirkt. Die von der Trump-Regierung initiierten Gespräche behandeln den Krieg als für beide Seiten „sinnlos“ – etwas, das nicht durch die Bekräftigung des Völkerrechts, sondern durch die Schaffung eines neuen Machtgleichgewichts beendet werden muss. In dieser Weltanschauung gibt es keine Opfer und keine Aggressoren, kein Recht und kein Unrecht – nur die Starken und die Schwachen, wobei das „Gleichgewicht“ durch Zugeständnisse der Letzteren gesichert wird.

Diese moralische Verschiebung in der weltweiten öffentlichen Meinung ist möglicherweise das Bedeutendste, was Putin bislang erreicht hat. Wenn dies sich zum neuen Konsens entwickelt, wird das mit ziemlicher Sicherheit den Weg für neue, noch zerstörerischere Kriege ebnen, die durch die Neufestlegung der Grenzen kleinerer Staaten und die Wiedererlangung der Kontrolle der Großmächte über ihre ehemaligen Kolonien geschürt werden. Aus diesem Grund muss jede echte Antikriegsbewegung heute entschlossen und vorbehaltlos an der Seite der Opfer von Aggressionen stehen. Es geht nicht mehr nur darum, das Recht der Ukraine auf Unabhängigkeit zu verteidigen, sondern es ist der einzige glaubwürdige Weg, um zu verhindern, dass die Welt in eine Spirale eskalierender Konflikte hineingezogen wird.

24. Februar 2026


Aus dem Englischen übersetzt von Wilfried
Quelle: Fourth Anniversary of the War: Statement by the Posle Editorial Collective
Auf Russisch: https://www.posle.media/article/chetvyortaya-godovshchina-voyny-zayavlenie-posle

Artikel teilen
Kommentare auf Facebook
Zur Startseite