TEILEN
Die Lage in den Vereinigten Staaten 2026

Trump, Trumpismus und Widerstände

Von Paul Le Blanc | 01.06.2026

In diesem Vortrag werde ich zunächst einen kurzen Überblick über den globalen Gesamtkontext geben, in dem wir uns befinden. Anschließend werde ich einige Anmerkungen zum Phänomen Donald Trump machen und zu dem, was ich als „Trumpismus“ bezeichne. In diesem Teil meines Vortrags werde ich ganz kurz auf die umstrittene Frage eingehen, ob wir es hier mit Faschismus zu tun haben. Ich werde mit Anmerkungen zu den Protesten gegen Trump und den Trumpismus schließen – zu einigen Stärken und Grenzen dieses Widerstands und dazu, was die Zukunft bringen mag. Aber zunächst möchte ich drei Aspekte des Gesamtkontexts skizzieren, mit dem wir es zu tun haben.

Aspekt Nr. 1: Wir befinden uns in einer Übergangsphase. So wie wir vor drei Jahrzehnten vom Kalten Krieg in das Zeitalter der Globalisierung übergingen, sind wir nun in ein Zeitalter der Krise, des Chaos und des Zerfalls eingetreten. Die Struktur und Dynamik der Weltwirtschaft führen zu sich verschärfenden Ungleichheiten, Instabilitäten und Zerstörungskräften, die die Zukunft der menschlichen Zivilisation in Frage stellen. Dies geht einher mit einem starken Rechtsruck eines bedeutenden Teils der herrschenden Klasse, aber auch innerhalb der Bevölkerung insgesamt – auch wenn dies von vielen anderen in dieser breiteren Bevölkerung heftig bekämpft wird. Der Rechtsextremismus von Donald Trump ist nur ein Ausdruck eines größeren, tieferen Trends. Der sich verschlechternden Lebensqualität für immer mehr der in den arbeitenden Mehrheiten der Welt geht mit zunehmendem Autoritarismus, Irrationalität und imperialistischer Gewalt einher. Am schwerwiegendsten ist jedoch eine unmittelbare Bedrohung für das Überleben der Menschheit: Eine unersättliche Marktwirtschaft, die darauf ausgelegt ist, unglaublich wohlhabende Eliten weiter zu bereichern, ist eng verbunden mit der immensen Umweltzerstörung – die unsere Welt mit reißenden Fluten, Waldbränden, Umweltverschmutzung, Klimawandel und vielem mehr überschwemmt.

Aspekt Nr. 2: Es hat eine tiefgreifende Erosion und einen teilweisen Zusammenbruch der organisierten Arbeiterbewegung gegeben. Die Arbeiterbewegung der Vereinigten Staaten besteht weitgehend als bürokratische und weitgehend wirkungslose Hülle dessen fort, was sie einst war. Damit verbunden ist ein allgemeiner Zerfall und das Verschwinden der traditionellen organisierten Linken in den Vereinigten Staaten. Dies kommt einer dramatischen Erosion der organisierten Quelle praktischer politischer Perspektiven, gesammelter Erfahrungen sowie erfahrener Kader und Organisatoren gleich. Am Ende des 20. Jahrhunderts waren die beiden Hauptströmungen der Linken im Wesentlichen reformistisch und mit der liberal-kapitalistischen Demokratischen Partei verflochten. Die eine war das sozialdemokratische Milieu, dessen Kern die Socialist Party of America bildete. Die andere war das stalinistische und poststalinistische Milieu, dessen Kern die Communist Party (CPUSA) bildete. Hinzu kam eine Vielzahl von unabhängigen Marxist:innen, linken Pazifist:innen, Trotzkist:innen und Möchtegern-Trotzkist:innen, eine einst starke Basisbewegung von Maoist:innen sowie aufeinanderfolgende Wellen einer sehr breiten, etwas nebulösen, aber sprühend aktiven „New Left“. Ich denke, diese facettenreiche Vielfalt hat vor allem aufgrund ihrer komplexen Verflechtung mit der größeren Arbeiterbewegung an Kohärenz und Gewicht gewonnen. Mit dem Übergang vom Kalten Krieg zum Zeitalter der Globalisierung, mit dem Verblassen und der Erosion der linken Subkultur sowie mit der Überalterung und dem Wegfall von Kadern und Organisator:innen gelang es den Organisationen der traditionellen Linken nicht, sich adäquat zu erneuern und aufzufrischen, sodass sie nur noch als fragmentarische Überreste weiterbestehen.

Aspekt Nr. 3: Das gegenwärtige Zeitalter der Krise, des Chaos und des Zerfalls hat unweigerlich eine radikalisierende Wirkung auf neue Schichten junger Menschen gehabt, die im Wesentlichen Teil einer prekären, aber wachsenden Arbeiterklasse sind. Dies hat sich in der Occupy-Wall-Street-Bewegung, der Black-Lives-Matter-Bewegung, einer facettenreichen Frauenbefreiungsbewegung sowie in neuen Formen von der gewerkschaftlicher Organisierung und Streikaktionen widergespiegelt. Es hat sich in den Wahlkämpfen von Bernie Sanders und anderen bedeutenden Wahlkampagnen widergespiegelt, die darauf abgezielt haben, die sozialistische Idee in den Alltag der Politik in den USA zu bringen, meist im Rahmen der Demokratischen Partei. Es hat sich auch in dem beträchtlichen Wachstum der Democratic Socialists of America (DSA) widergespiegelt – mit einer Mitgliederzahl auf dem Papier in Höhe von 100.000. Auch wenn die DSA von sozialdemokratischem Reformismus beeinflusst sind, sind die DSA ein Magnet für eine Vielzahl radikaler Strömungen geworden.

Trump: ein Inbegriff der Mittelmäßigkeit

Und nun zu Trump und dem Trumpismus. Jeden Tag gibt es eine Flut von Schlagzeilen zu neuen und oft missglückten Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Trump-Regime: schreckliche, aber oft ungeschickte Politik der imperialistischen Expansion und Übergriffigkeit – von Gaza über Venezuela bis zum Iran-Fiasko, bis hin zu Drohungen nicht nur gegen Kuba, sondern auch gegen Grönland und sogar gegen Kanada; Verschärfung der brutalen (aber scheinbar unhaltbaren) Unterdrückung von Migrant:innen; zunehmende Skandale im Zusammenhang mit den schlecht gehandhabten Akten einer manipulativen und einflussreichen Person, die zu Trumps besten Freunden gehörte – dem verstorbenen Sexualstraftäter Jeffery Epstein; und eine Wirtschaftspolitik, die unverhohlen zum Vorteil von Milliardären gestaltet wurde, nun aber verheerende Folgen für die meisten Amerikaner:innen hat. Solche Dinge tragen zum Zerfall des Regimes bei – zum Nachteil von Trumps Unterstützung in der Bevölkerung und seiner Regierungsfähigkeit.

Doch hier möchte ich mich nicht auf die neuesten Schlagzeilen konzentrieren, sondern auf die zugrunde liegende Ideologie und die sozialen Kräfte hinter dem Trump-Regime sowie auf eine Untersuchung unseres wachsenden Widerstands gegen Trump.

Bevor wir die Ideologie untersuchen, die manchmal als Trumpismus bezeichnet wird, sollten wir innehalten und über die Mittelmäßigkeit nachdenken, mit deren Namen dieser „Ismus“ identifiziert wird. Zu Trumps Eigenschaften gehören sicherlich Arroganz und Bigotterie, und er ist berüchtigt dafür, dass er ein notorisch unehrlicher Mensch ist, mit einer Neigung zum Tyrannisieren und Prahlen. Er ist ein sich selbst anpreisender „Draufgänger“, der zwanghaft seine Erfolge hervorhebt, aber auch behauptet, weiter gegangen und mehr bekommen zu haben, als tatsächlich der Fall ist. Als ignoranter Mensch, der seine Unwissenheit verherrlicht (mit der aggressiven Behauptung „I donʼt read books!“), gibt er vor, weit mehr zu wissen, als er tatsächlich weiß. Er übertreibt die Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wird, und schreibt sich Erfolge zu, die nicht seine eigenen sind. Sein Status als Milliardär hat all dem, was zur narzisstischen Selbstinszenierung der Person Trump gehört, zusätzlichen Glanz, Ressourcen und Autorität verliehen. Er ist durch und durch und sehr stolz ein Kapitalist, und es gibt vierunddreißig Verurteilungen wegen schwerer Straftaten, die viele dazu veranlassen, ihn als Gauner zu bezeichnen.

Einige Kritiker:innen behaupten, Trump sei ein Faschist. Andere bezweifeln, dass er konsequent und kohärent genug ist, um die Rolle eines Benito Mussolini oder eines Adolf Hitler zu spielen. Der Begriff „Faschist“ ist zweifellos zu einer frei verwendeten Beleidigung geworden, die auf Ideen, Praktiken und Menschen angewendet wird, die wir verabscheuen. Trump selbst verwendet ihn (und vermischt ihn mit Begriffen wie „Marxisten“, „Kommunisten“, „Terroristen“ und „sehr böse Menschen“), um Feinde anzuprangern, die im Gerichtssaal, in den Mainstream-Medien, in der Regierung und in der Demokratischen Partei lauern. Wie diszipliniert und zielstrebig ist Trump als politischer Führer? Er lässt sich kaum positiv mit einem Winston Churchill oder einem Ronald Reagan vergleichen, geschweige denn mit einem Mussolini oder einem Hitler.

Der Trumpismus

Doch was als Trumpismus bezeichnet werden kann, geht über die Dysfunktionalität, die Korruption und das verzweifelte, aber gefährliche Herumfuchteln dieses alternden Individuums und seines Regimes hinaus. Mehrere wesentliche Elemente tragen dazu bei, das zu definieren, was wir als Trumpismus bezeichnen. Ein Element ist bewaffnet und gefährlich: die Kräfte, die sich am 6. Januar 2021 zusammenschlossen, um das Kapitol zu stürmen, darunter die Proud Boys, die Oath Keepers, militante Teile der Tea-Party-Bewegung, moderne Anhänger der alten Southern Confederacy [der Konföderierten Staaten von Amerika, 1861–1865] sowie verschiedene Nazi- und White-Supremacist-Gruppen. Diese einst marginalisierten Elemente sind in den politischen Mainstream vorgedrungen und dank der aktiven Förderung durch Trump und andere in seinem Umfeld erheblich angewachsen. Doch dieser gerissene, habgierige, zutiefst begrenzte Mensch und seine Gefolgsleute waren kaum in der Lage, sie im Griff zu behalten. In der Tat ist nicht davon auszugehen, dass die riesige und vielfältige „Make America Great Again“-Bewegung insgesamt nicht als unter seiner Kontrolle stehen würde.

Mit Teilen dieser Pro-Trump-Wählerschaft ist etwas verschmolzen, was als „Christian nationalism“ bezeichnet wird. Dieser lehnt die in der „Declaration of Independence“ verankerten Ideale der radikalen Demokratie ab und behauptet, die USA seien von Christen gegründet worden, die eine christliche Nation auf der Grundlage von Gottes Willen errichten wollten – so wie ihn rechtsgerichtete Fundamentalist:innen definieren, die den Gedanken einer Demokratie mit gleichen Rechten als eine mit dem Christentum unvereinbare Häresie betrachten.

Ein weiteres wesentliches Element des Trumpismus findet sich in einer ganz weiterem Bündel von konservativen Organisationen und Einzelpersonen, die im „Project 2025“ der Heritage Foundation zusammengeführt wurden. Die in den 1970er Jahren gegründete Heritage Foundation dient seit der Präsidentschaft von Reagan als Zentrum für konservative Wissenschaftler:innen, Intellektuelle und politische Vordenker:innen. Ihre jüngste große Leistung war das 900-seitige Werk „Mandate for Leadership: The Conservative Promise“, das als Leitfaden für die Politikgestaltung einer zweiten Trump-Regierung dienen soll. Laut eigener Beschreibung ist „dieses Buch das Ergebnis der Arbeit von mehr als 400 Wissenschaftlern und Politikexperten aus der gesamten konservativen Bewegung und dem ganzen Land. Zu den Mitwirkenden zählen ehemalige gewählte Amtsträger, weltbekannte Ökonomen sowie Vertreter aus vier Präsidentschaftsregierungen.“ Das Fazit dieses konservativen Manifests ist eine Verteidigung des ungezügelten Kapitalismus. Das vorrangige Ziel des US-Präsidenten, so wird uns gesagt, solle darin bestehen, „das dynamische Genie der freien Marktwirtschaft“ zu entfesseln. Dies geht Hand in Hand mit Vorschlägen zur Errichtung eines zentralistischen autoritären Regimes, um eine breite Palette von rechten Politikmaßnahmen durchzusetzen.

Ein wesentliches Element des Trumpismus war die Republikanische Partei. Führende Persönlichkeiten und Mitarbeiter dieser Partei – wie es beim konservativen Mainstream insgesamt der Fall war – haben nicht als Trump-Anhänger:innen angefangen. Doch ein sachkundiger ehemaliger republikanischer Funktionär erklärte, dass er und andere wie er, um Wahlen zu gewinnen, „Argumente vorbrachten, an die keiner von uns glaubte“ und „die Menschen dazu brachten, sich über Probleme zu ärgern, die wir weder lösen wollten noch lösen konnten“. Er gesteht, dass oft ein stiller und unausgesprochener Rassismus eingesetzt wurde. „Diese Taktiken blieben nicht nur ungehindert, sondern wurden durch ein rechtsgerichtetes Ökosystem in dem Medien noch verstärkt, mit dem wir unter einer Decke steckten und das seine eigenen ruchlosen Motive hatte: Es sammelte Klicks und Aufrufe durch das Schüren von Wut, ohne die Absicht, etwas zu liefern, das den Alltag der einfachen Menschen bereichern könnte.“[i] Ein anderer ehemaliger republikanischer Funktionär betont, es sei ein Fehler, Trump als jemanden zu betrachten, der die Republikanische Partei „gekapert“ habe. Stattdessen sei Trump „die logische Konsequenz dessen, was aus der Republikanischen Partei in den letzten etwa fünfzig Jahren geworden ist“, ein natürliches Produkt der Keime von Rassismus, Selbsttäuschung und Wut, die zum Wesen der Republikanischen Partei geworden seien.[ii]

Unabhängig davon, was mit Trump geschieht, wird uns das übergeordnete Phänomen des Trumpismus noch einige Zeit begleiten. „Trump ist nicht die Krankheit, er ist das Symptom“, so hat es Chris Hedges beschrieben.[iii] „Trump baute tatsächlich auf einer Unzufriedenheit auf, die in den Vereinigten Staaten bereits weit verbreitet war.“ Dies ist ein globales Phänomen, an dem mächtige Bewegungen und manchmal auch Regierungen in einer Vielzahl von Ländern beteiligt sind: Argentinien, Brasilien, Frankreich, Griechenland, Ungarn, Indien, Italien, Russland, die Türkei, die USA und noch mehr. Zur Beschreibung dessen, was geschieht, wird eine Kombination von Begriffen verwendet – Rechtspopulismus, autoritärer, fremdenfeindlicher Ultranationalismus usw. –, die alle versuchen, den komplexen Inhalt zu erfassen. Manchmal wird der Begriff „Faschismus“ verwendet, doch scheint es im gegenwärtigen Moment passender, dies als „Faschismus im Entstehen“ zu verstehen. Wir haben es mit etwas zu tun, das noch kein faschistisches Regime ist. Es hat Raum für Proteste und Organisierung gegen das gegeben, wofür Trump steht. Es gibt breite Kräfte, nicht nur auf der Linken, die sich ihm entgegenstellen.

Versagen des alten Establishments

Liberale und Gemäßigte in der Demokratischen Partei haben zu der Organisation der jüngsten Proteste beigetragen und sehen den Trumpismus als Bedrohung für die Stabilität und für jedes kohärente, dauerhafte System. Wir Linken müssen mit einigen dieser Kräfte zusammenarbeiten, wo Übereinstimmung besteht, aber ab einem bestimmten Punkt müssen wir über das hinausgehen, wofür einige dieser Leute stehen, denn sie sind Teil des Problems.

Um dem Trumpismus wirkungsvoll Widerstand entgegen zu setzen, müssen wir ihn verstehen – doch um das angemessen zu tun, müssen wir über den Trumpismus hinausblicken. Von den Liberalen und Gemäßigten der Demokratischen Partei bis hin zu den gemäßigt konservativen Republikaner:innen hat sich das alte politische Establishment in den letzten Jahrzehnten diskreditiert: Probleme zu erkennen, Probleme anzugehen, Probleme nicht anzugehen, unfähig, Probleme anzugehen, die einer großen Zahl von Menschen schaden und eine große Zahl von Menschen verängstigen. Der amerikanische Traum, an den die Mehrheit der Amerikaner:innen geglaubt haben und von dem sie geglaubt haben, sie könnten ihn endlich genießen, ist zerstört worden, und er scheint zu verblassen. Demokraten und die Republikaner der alten Garde sind nicht in der Lage gewesen, sich dem zu stellen. Sie haben darüber gelogen und gesagt: „Oh no, everything’s fine.“ Aber die Menschen wussten, dass nicht alles in Ordnung war, und dies hat zu einer Radikalisierung innerhalb der US-Bevölkerung, innerhalb der US-Arbeiterklasse, innerhalb der Wählerschaft geführt. Ein weiterer Aspekt der Erfahrungen der Arbeiterklasse ist, dass die Arbeiterbewegung, die Gewerkschaften, die mit der Demokratischen Partei verbunden waren, sich zunehmend als unfähig erwiesen haben, den Arbeitenden zu helfen. Die Gewerkschaften als wichtige Kraft auf der amerikanischen Wirtschafts- und Politikbühne sind immer mehr verdrängt worden.

Menschen, die leiden und deren Leben zunehmend aus den Fugen gerät, suchen nach Lösungen. Die Lösungen, die die Demokratische Partei und die alte Version der Republikanischen Partei anbieten, funktionieren nicht mehr. Trump präsentierte eine neue Sichtweise, die bisher nicht zum politischen Mainstream in den USA gehört hat. Er hat alle möglichen überzogenen Versprechungen gemacht, während er Menschen mit anderer Hautfarbe und Einwanderer angriff und zum Sündenbock machte, indem er behauptete, sie seien das Problem. Trump wurde als der Mann dargestellt, der dieses Problem „lösen“ würde.

Ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung – wenn auch nicht die Mehrheit – hat sich von dieser Sichtweise angezogen gefühlt. Auch ein Teil der herrschenden Klasse der USA (nicht die gesamte, aber ein Teil) ist zu dem Schluss gekommen, dass Trumps autoritäre Politik dazu beitragen kann, eine gewisse Stabilität aufrechtzuerhalten. Die Instabilität bedroht ihre Profite und ihr System, daher sind sie bereit, sich auf ihn einzulassen.

Solch eine Situation hat es in der Zeit des Vietnamkriegs in den 1960er und Anfang der 1970er Jahren nicht in gleicher Weise gegeben. Damals konnten die Menschen Illusionen über die langfristige Tragfähigkeit des Systems haben – Illusionen, die heute schwerer aufrechtzuerhalten sind. Dies wirkt sich darauf aus, welche Art von Politiker:innen die Menschen heute eher unterstützen und nach welchen Lösungen sie suchen. Dies führt zu einer komplexeren Situation als einer, von der anzunehmen ist, dass sie einfach durch die Beendigung des Krieges und die Einführung von Bürgerrechtsgesetzen zur Förderung der Chancengleichheit für alle gelöst werden kann. Auf diese Komplexität werden wir in wenigen Augenblicken zurückkommen.

Während eines Großteils des 20. Jahrhunderts ist die organisierte Linke in den USA eine dynamische Kraft von beträchtlicher Bedeutung gewesen. Unter den Arbeiter:innen und Unterdrückten mobilisierte sie wirksame Kämpfe, durch die echte Siege errungen wurde. Sie hat Hoffnungen auf weitere wirkungsvolle Kämpfe geweckt, die die Menschenrechte voranbringen, das Leben der arbeitenden Mehrheit verbessern und eine bessere Welt hervorbringen würden. Unter den Reichen und Mächtigen hat sie Angst und Wut hervorgerufen.

Bis Ende des 20. Jahrhunderts war die organisierte Linke jedoch weitgehend in der Demokratischen Partei aufgegangen. Ein Teil ihrer Rhetorik, viele ihrer Werte und ein Großteil ihrer Reformagenda (vielfach in abgeschwächter Form) waren nun in dieser Partei zu finden. Doch ein aufrichtiges und praktisches Engagement, die wirtschaftliche Diktatur des Kapitalismus durch die wirtschaftliche Demokratie des Sozialismus zu ersetzen, stand nicht mehr zur Debatte.

Die mächtigsten Kräfte, die die Demokratische Partei dominieren, sind eng mit der kapitalistischen Wirtschaft verflochten, und da der Kapitalismus in eine Ära des Zerfalls und Verfalls eingetreten ist, hatten sie keine wirklichen Lösungen anzubieten. Abgesehen von Wahlkampfrhetorik sind sie unfähig, eine dauerhafte Alternative zum Trumpismus zu bieten. Seit Jahrzehnten haben sie die Interessen der Arbeiterklasse verraten, um die kapitalistische Profitabilität aufrechtzuerhalten, und großes Unheil über die Basis der Arbeiterklasse gebracht.

Trump ohne Mehrheit

Im vergangenen Jahr hat es mehrere Wellen von Protestdemonstrationen gegeben. Die erste große hat im April 2025 unter dem Slogan „Hands Off“ stattgefunden. „Hände weg“ vom Gesundheitssystem, vom Bildungssystem und von verschiedenem Anderem, was vom Trump-Regime demontiert oder angegriffen wird. Darauf folgten kleinere, aber dennoch massive Kundgebungen am 1. Mai, die sich vor allem auf soziale und wirtschaftliche Themen in den Vereinigten Staaten konzentrierten, aber auch einige Bezüge zur Außenpolitik enthielten – Palästina, Ukraine und so weiter. Am größten waren die „No Kings“-Demonstrationen: ein massiver Ausbruch von Wut und Zorn sowie Spott über Trumps Anmaßungen, er sei beliebt und mächtig und dergleichen mehr. Die Menschen riefen: „No Kings“, und viele beschuldigten ihn, er sei ein Faschist, ein Totalitärer, ein Diktator. Autoritär das ist er nun ganz sicher. Es herrschte Einigkeit darüber, dass die Prinzipien der revolutionären Unabhängigkeitserklärung [vom 4. Juli 1776] und der konservativeren Verfassung der Vereinigten Staaten [vom März 1789] zu verteidigen sind, beide tritt er mit Füßen.

Diese Massenaktionen des Widerstands haben sich bis in das Frühjahr 2026 fortgesetzt.

Pro-Trump-Kräfte haben nicht annähernd etwas in dieser Größenordnung mobilisieren können. Trump behauptet, er habe ein überwältigend großes Mandat des amerikanischen Volkes, und das ist eine Lüge. Er mag zwar bei der Wahl eine Mehrheit gewonnen haben, aber sicherlich keine erdrutschartige Mehrheit. Er hat keine absolute Mehrheit im amerikanischen Volk erhalten. Er konnte 2024 zwar mehr Stimmen der Bevölkerung auf sich vereinen als seine Konkurrent:innen, doch sein Mandat ist hauchdünn. Und ich glaube, dass er seine eigene Unterstützerbasis mit einer Politik untergräbt, die uns allen schadet.

Massenmobilisierungen auf den Straßen von Los Angeles, Minneapolis, Chicago und anderswo haben die konzertierten und gewalttätigen Bemühungen der in diese Städte entsandten Trump-Kräfte zunichte gemacht; die haben darauf abgezielt, den Widerstand gegen die Politik des Trumpismus einzuschüchtern und zu überwältigen. Diese Politik wird von einem harten Kern von Trump-Anhänger:innen unterstützt, in dem Glauben, dies werde Make American Great Again. Doch die Herzen und Köpfe der Mehrheit sind nicht bei diesem rechten harten Kern zu finden.

Chancengleichheit für alle und ein besseres Leben für alle – die Dinge, die im Mittelpunkt des amerikanischen Traums standen – gehören derzeit nicht zum Angebot. Immer mehr Menschen sehen sich mit dieser Realität konfrontiert und denken ihre Situation auf neue Weise durch. Es findet eine Radikalisierung statt. Ein Teil davon hat sich in eine rechtsautoritäre Richtung entwickelt, aber es sind derzeit auch mehr linke Ideen im Umlauf als noch zu Beginn dieses Jahrhunderts.

Die Idee des Sozialismus als Lösung

Im Wahlkampf und mit Bildungsarbeit hat Bernie Sanders die Idee des Sozialismus als Lösung ins Gespräch gebracht. Das Gleiche gilt für eine radikale Gruppe von Abgeordneten im Kongress [genannt „the Squad“]. Am spektakulärsten war, dass Zohran Mamdani, der offen als demokratischer Sozialist kandidiert hat, mit überwältigender Mehrheit zum Bürgermeister von New York City gewählt worden ist. All dies hat große Auswirkungen gehabt. Die Art und Weise, wie diese Persönlichkeiten den Sozialismus definieren, ist tendenziell vage und unklar, und meiner Meinung nach gehen sie manchmal zu weit bei den Kompromissen, die sie mit dem politischen Establishment und dem kapitalistischen System eingehen. Aber die Idee des Sozialismus, der wirtschaftlichen Demokratie, einer Wirtschaft, die von der Mehrheit der Menschen (also von der Arbeiterklasse) kontrolliert wird, ist Teil der Lösung. Das ist für manche Menschen schwer zu begreifen oder zu akzeptieren, aber die Realitäten sind derzeit im Fluss, und es herrscht enorme Unzufriedenheit.

Wie die Demonstrationen in der jüngsten Zeit gezeigt haben, wächst die Ablehnung von Trumps sogenannten Lösungen, die nur Schein sind. Dieser Prozess könnte einige der schlimmsten Aspekte von Trumps Politik stoppen oder zurückdrängen. Doch solche Proteste und Akte des Widerstands allein werden die zugrunde liegenden Probleme nicht lösen. Diese Probleme bleiben bestehen. Einige Menschen, die an den Protesten und dem Widerstand beteiligt sind, hegen immer noch Illusionen in Bezug auf die Demokratische Partei. Doch in den Augen einer beträchtlichen Anzahl von Menschen ist das keine glaubwürdige Lösung für die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind.

Der Massenkampf, der ausgebrochen ist, ist sehr ermutigend. Liberale und Gemäßigte in der Demokratischen Partei haben natürlich bei der Organisation der jüngsten Proteste mitgeholfen, und gemeinsam mit noch konservativeren Kräften sehen sie den Trumpismus als Bedrohung für die Stabilität und für jedes kohärente, dauerhafte System. Wir auf der politischen Linken müssen, soweit möglich und dort, wo Übereinstimmung besteht, mit einigen von diesen Kräften zusammenarbeiten. Aber ab einem bestimmten Punkt müssen wir über das hinausgehen, wofür einige dieser Leute stehen, denn sie sind Teil des Problems. Sie haben durch ihre eigenen Grenzen und Unzulänglichkeiten dazu beigetragen, Trump ins Amt zu bringen.

Wir Sozialisten und Sozialistinnen müssen sozialistische Perspektiven so vermitteln, dass sie für die Menschen Sinn ergeben. Dies muss mit konkreten Kämpfen verbunden sein, um die Situation zu verbessern und die Interessen der Arbeiterklasse hier und jetzt zu schützen. Es muss jedoch klar sein, dass dies nur erste Schritte sind und wir noch viel weiter gehen müssen. Das derzeitige ökonomische System wird die Verbesserungen und Schutzmaßnahmen, für die wir kämpfen, weiter untergraben – und diejenigen, die in dem derzeitigen System das Sagen haben, werden alles tun, um unsere Bemühungen um ein menschenwürdiges Leben für alle zu untergraben und zu vereiteln. Stattdessen brauchen wir eine wirtschaftliche Demokratie: Das ist es, was Sozialismus ausmacht.

Die Massenproteste müssen weitergehen, aber allein reichen sie nicht aus. Kämpfe zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen hier und jetzt sind notwendig, aber die Menschen müssen verstehen, dass diese – für sich genommen – nicht ausreichen werden. Wenn genügend Menschen durch ihre eigenen Lebenserfahrungen zu dieser Erkenntnis gelangen, wird ein revolutionärer Durchbruch möglich. Ich glaube, dass ein solcher Durchbruch davon abhängen wird, ob die linken und sozialistischen Kräfte in den Vereinigten Staaten in der Lage sind, so zu wachsen und zu reifen, dass sie dazu beitragen können, dass dies geschieht.


Dieser Text lag den Vorträgen zugrunde, die Paul Le Blanc vom 19. bis 22. Mai 2026 in Potsdam, Hamburg, Frankfurt a. M. und Mannheim gehalten hat. Die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch ist von Wilfried revidiert und mit Hyperlinks versehen worden; die Nachweise in den Endnoten hat der Autor auf Bitte des Übersetzers hinzugefügt.
Die Zwischentitel sind aus der gekürzten Fassung übernommen worden, die in der Sozialistischen Zeitung (SoZ) vom Juni 2026 abgedruckt und die auf der Webseite der SoZ veröffentlicht worden ist . Die Originalversion soll auf Links (Australien) und auf Communis (USA) veröffentlicht werden.


[i]Tim Miller, Why We Did It: A Travelogue from the Republican Road to Hell, New York: Harper, 2022, S. XII.
Zu Tim Miller siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Tim_Miller_(political_strategist).

[ii]Stuart Stevens, It Was All a Lie: How the Republican Party Became Donald Trump, New York: Vintage Books, 2021, S. XIII, 4.
Zu Stuart Stevens siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Stuart_Stevens

[iii]Chris Hedges (im Gespräch mit Mohamed Hashem), „Is this the end of the American Empire?“ (Video), Middle East Eye, 5. August 2024, https://www.middleeasteye.net/video/harris-vs-trump-end-american-empire-chris-hedges-real-talk.
Zu Chris Hedges, früher viele Jahre lang Auslandskorrespondent der New York Times und Autor von mehreren politische Sachbüchern, siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Chris_Hedges.

Artikel teilen
Tags zum Weiterlesen
Kommentare auf Facebook
Ähnliche Artikel
Zur Startseite