Betriebsratswahlen haben eine zentrale Bedeutung – nicht nur, aber vor allem für die Arbeitswelt. Dort ist die ungebremste Kapitaloffensive unmittelbar zu spüren. Arbeitsplatzabbau, Konkurrenzdruck und zunehmender Stress im Beruf sind alltäglich. Auch der anhaltende politische Rechtsruck und die politische Schwäche von Gewerkschaften machen sich zunehmend in den Belegschaften bemerkbar.
Christiane Benner, Erste Vorsitzende der mit über 2 Millionen Mitgliedern immer noch größten DGB-Gewerkschaft IG Metall (IGM), zog bereits eine positive Zwischenbilanz. Die IGM dominiert laut Benner die seit März (bis Ende Mai) laufenden Betriebsratswahlen 2026 mit einem Stimmenanteil von durchschnittlich fast 80 Prozent. Von einem Rechtsruck in den Betrieben kann ihr zufolge keine Rede sein.
In der Tat haben in der IGM organisierte Kandidat:innen etwa 2300 der bis zum 17. März 2900 vergebenen Mandate gewonnen. In wichtigen Konzernen wie Audi, Daimler/Mercedes, Siemens oder VW haben die Wahlen bereits stattgefunden. Bis Ende Mai wird jedoch noch über rund 60 000 weitere Sitze in etwa 9500 Betriebsratsgremien abgestimmt.
Weitere Stärkung rechter Listen
Die anhaltende illegale Bekämpfung der IG Metall in der Tesla-„Gigafactory“ des Faschistenfreundes Musk (vgl. Avanti², Nr. 140) und die deshalb erfolgte Anfechtung der dortigen BR-Wahlen durch die IGM ist nur die unübersehbare Spitze einer gefährlichen Entwicklung.
Die Bindungskraft und die Organisationsmacht von Gewerkschaften wie der IG Metall geraten in zunehmend raueren Zeiten immer weiter unter Druck. Nicht nur wegen aggressiver Kapitalisten, sondern auch wegen einer fehlenden Strategie kämpferischer betrieblicher und gewerkschaftlicher Gegenmacht.
Vor diesem Hintergrund öffnen sich immer mehr Spielräume für unternehmensnahe, rechte und faschistische Kandidaturen. Es ist fatal, diese Gefahr zu ignorieren und sie à la Benner kleinzureden.
Im VW-Werk im sächsischen Zwickau kam es zwar zu keinem „rechten Umsturz“, doch ist es extrem fahrlässig von der IGM-Vorsitzenden von einer „stabilen“ Belegschaft zu reden. Immerhin gingen 4 von 35 Sitzen an eindeutig rechtsextreme Kandidaten.
Auch an anderen Auto-Standorten konnten mehr oder weniger offen rechte Listen punkten. „Zentrum – Die alternative Gewerkschaft“, ein der AfD nahestehender Verein, errang erstmals jeweils zwei BR-Sitze bei Audi in Ingolstadt und bei VW in Braunschweig. In drei Daimler-Werken will diese Truppe weitere 16 Mandate errungen haben. Insbesondere steigerte „Zentrum“ bei Mercedes-Benz Untertürkheim – und das bei einer „Rekordwahlbeteiligung“ von 68 % – seinen Stimmenanteil von bisher 15,5 % (7 BR-Sitze) auf jetzt 21 % (9 von 43 Mandaten).
Zudem gewannen in anderen Betrieben „freie“ bzw. „alternative“ Listen an Boden, die sich oft unpolitisch geben, aber teilweise personelle Überschneidungen mit dem rechten Rand aufweisen.
Angesichts dieser gefährlichen Entwicklung ist es immerhin erfreulich, dass die Erste Vorsitzende der IG Metall sich intern auch Kritik an ihrer Schönfärberei anhören musste.
Weiterer Substanzverlust der IGM-Listen
Ein noch viel bedeutenderes Alarmsignal sind die spürbaren Verluste der IG Metall in ihren traditionellen Bastionen. Im Volkswagen-Konzern sank der Anteil der IGM-BR-Mandate von 93 % (2022) auf jetzt 85 %.
Im Stammwerk VW Wolfsburg ist der Rückgang noch deutlicher: von 85,5 % und 66 BR-Sitzen (2022) auf nur noch 74,8 % und 52 BR-Sitze (2026) für die Liste der GBR- und KBR-Vorsitzenden Daniela Cavallo. Sehr kritisch ist hier auch die historisch niedrige Wahlbeteiligung von lediglich 58 %.
Bei Mercedes-Benz entfielen auf die IGM-Kandidaturen konzernweit nur noch 72 % der gültigen Stimmen und bei BMW 73 %.
Diese und andere Ergebnisse deuten auf eine zunehmende Entfremdung vieler Kolleg:innen von ihren meist dem „Co-Management“ sich verpflichtend fühlenden bisherigen betrieblichen Interessenvertretungen hin. Zudem spielen berechtigte Existenzängste wegen der profitorientierten „Transformation“ zum Elektroantrieb in der Auto- und der Autozulieferindustrie eine große Rolle.
Zunahme „betriebsratsfreier Zonen“
Neben der Schwächung vor allem von IGM-Listen in Hochburgen der Auto- und Zulieferindustrie haben wir bei den nun zu Ende gegangenen BR-Wahlen eine merkliche Zunahme offen oder verdeckt antretender rechter Listen feststellen müssen. Der entscheidende Fakt ist jedoch ein anderer.
Laut den aktuellen Zahlen gibt es nur noch in knapp 10 % der Firmen Betriebsräte. Sie vertreten etwa 40 % der Beschäftigten. Das ist Ergebnis einer strategischen, sich verschärfenden Kampagne der Kapitalseite gegen das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG).
Der bekannteste Fall Tesla Grünheide ist nur die Spitze des Eisbergs. In zahllosen kleinen, mittleren oder großen Betrieben führt eine Mischung aus Unwissenheit, Passivität und Mutlosigkeit dazu, dass Beschäftigte ihre verbrieften Rechte aus dem BetrVG nicht wahrnehmen.
Legal, illegal, ganz egal
Seitens des Kapitals findet zudem eine ganze Palette illegaler Maßnahmen Anwendung, die systematisches Betriebsratsmobbing vorantreiben. Das fängt bei der Bekämpfung der Neugründung von Betriebsräten an. In etwa jedem fünften Falle versuchen Bosse, von vorneherein die Wahl eines BR zu verhindern.
Nennen wir nur einige aktuelle Beispiele. Bei Scheu-Dental (Iserlohn/Limburg) bekämpfte die Firmenleitung massiv die Bildung eines Wahlvorstands. Kurz vor der angekündigten Wahlversammlung hielt das Management eine eigene „Informationsveranstaltung“ ab und schüchterte Wahl-Initiator:innen ein.
Die Autovermietung Sixt kündigte Ende Februar 2026 drei Beschäftigten „außerordentlich und fristlos aus wichtigem Grund“. Ihr „Vergehen“: Sie hatten einen Aufruf zu einer Wahlversammlung verfasst, in der Flensburger Filiale ausgehängt und an die weiteren Niederlassungen in Schleswig-Holstein verschickt. Eine arbeitsgerichtliche Entscheidung steht noch aus. Die zuständige Gewerkschaft ver.di hat Strafanzeige gegen verantwortliche Sixt-Manager gestellt.
Erfolgreich wurden hingegen die von fünf Kündigungen begleiteten Attacken der Firmenleitung des Autozulieferer Paragon (Landsberg/Lech) juristisch gestoppt. Mit einer Gerichtsvollzieherin und dem IGM-Betriebsbetreuer als Begleitung konnte der Initiator der BR-Wahlen Samir A. sich wieder Zugang zum Betrieb verschaffen, um BR-Wahlen am 22. April 2026 zu ermöglichen. Deren Ergebnis ist allerdings bisher nicht öffentlich bekannt.
Raues und grobes Auftrumpfen
Besonders raue Methoden wendete im Vorfeld der BR-Wahlen ein Bus-Unternehmen in der Rhein-Neckar-Region an. Mittels einer offenkundig betrügerischen Insolvenz entledigte es sich der meisten Beschäftigten, des Betriebsrats und der Tarifbindung.
Beim Maschinenbau-Konzern Trumpf (Ditzingen) sahen sich engagierte IGM-Kolleg:innen schon früh im Vorfeld der BR-Wahlen massiven Einschüchterungen ausgesetzt. Mit Abmahnungen, Diffamierungen und aggressiver antigewerkschaftlicher Stimmungsmache konnte die Geschäftsleitung eine schwere Niederlage der IGM-Listen herbeiführen. Die offenkundig gesetzeswidrige Durchführung des „Wahlvorgangs“ selbst ist bezeichnend für die Skrupellosigkeit in diesem „Vorzeigeunternehmen“. Drei kleinere Wahllokale waren nur für zwei Stunden, das größere mitten in der Kantine – zudem während der Essenausgabe – für lediglich fünf Stunden geöffnet. Die Wahlkabinen konnten vom Ein- gang, von den Fenstern und von der Galerie aus eingesehen werden.
Skandal bei Siemens Energy
Noch skandalöser waren die Vorgänge bei einem weiteren deutschen „Weltkonzern“. Bei Siemens Energy (Erlangen) erregte das Mobbing gegen die Betriebsrätin Isabella Paape sogar öffentliches Aufsehen.
Bereits im November 2025 kündigte der Konzern der aktiven IGM-Gewerkschafterin fristlos und erteilte ihr ein Hausverbot. Gerechtfertigt wurde dieses existenzgefährdende Vorgehen mit konstruierten Vorwürfen. Die BR-Mehrheit stimmte dieser offensichtlich unberechtigten Kündigung zu und machte sich zum Handlanger des Managements.
Per Gericht erstritt sich Kollegin Paape den Zugang zum Betrieb, um Wahlwerbung betreiben zu können. Bei der Wahl am 5. März 2026 errang ihre Liste „Gemeinsam AKTIV“ trotz der Konzernmachenschaften statt bisher zwei nun drei Sitze. Sechs Wochen nach diesem Erfolg erklärte das Arbeitsgericht Nürnberg die fristlose Kündigung Isabella Paapes endlich für unwirksam.
Ein notwendiges Fazit
In weiten Teilen der Arbeitswelt breitet sich der Klassenkampf von oben immer radikaler aus. Die Vorgänge im Zusammenhang mit den BR-Wahlen 2026 senden Alarmsignale aus. Gewerkschaftlich und betrieblich Aktive müssen sie erkennen, um den Widerstand gegen die Kapitaloffensive innerhalb und außerhalb der Unternehmen erfolgreich organisieren zu können.
Übernommen aus Avanti², Nr. 5 und 6/2026