Merz, die Kameras – und das, was aus dem Bild fällt
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Mediale Tränen, militärische Gewalt – BDS als Hoffnung.

Merz, die Kameras – und das, was aus dem Bild fällt

Von Michael Heldt | 17.09.2025

Die Bilder sind gemacht: Friedrich Merz kämpft in der wiedereröffneten Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße mit den Tränen, Markus Söder scherzt, die falschen danken. Das ist menschlich – und in einer anderen Welt wäre das als Zeichen gegen Antisemitismus einfach nur normal und richtig.

Problematisch ist nicht so sehr der Auftritt, sondern seine mediale Überhöhung in einer Woche, in der Israel mit massive Boden- und Luftoffensive auf Gaza-Stadt anzieht, Evakuierungsbefehle erteilt und alle Panik treibt und dafür noch den Segen der USA bekommt. Diese Eskalation – und Deutschlands Mitverantwortung – rutscht in den Hintergrund, während die News-Schleifen den „bewegten Kanzler“ nach vorne stellen.

Eskalation in Gaza-Stadt

Seit Anfang September bereitet das israelische Militär explizit die „Rückeroberung“ von Gaza-Stadt vor: Flugblätter, Evakuierungszonen, anschließende Bombardements. Aktuell mehren sich die Angriffe im urbanen Kern; Bilder zeigen endlose Trecks Richtung Süden, während Hunderttausende ohne sicheren Zufluchtsort sind. Israel spricht offen vom Ziel, die vollständige Kontrolle über die Stadt herzustellen, um Hamas „auszulöschen“. Die humanitären Kennziffern bleiben katastrophal.

Dass dieser neue Operationsschwerpunkt als „neue Phase“ etikettiert wird, liegt an einem zweiten Bruchmoment: Israels Angriff auf Verhandlungsführer in Doha. Der Schlag tötete nach Hamas-Angaben fünf Mitglieder – darunter den Sohn des verbannten Gaza-Chefs Khalil al-Hayya – und einen katarischen Sicherheitsbeamten. Die UN-Menschenrechtskommission setzt deshalb eine Dringlichkeitsdebatte an; arabische und islamische Staaten verurteilten den Angriff in Doha und warnten vor der Gefährdung der regionalen „Normalisierung“.

Washingtons Linie nach Doha: Kein Bruch – im Gegenteil

Kurz wirkte es, als ob der Schlag auf Katar den US-Schutzschirm zum Wanken bringt. Doch der Besuch von US-Außenminister Marco Rubio in Jerusalem brachte die Gegenbotschaft: „unerschütterliche“ Unterstützung, kaum Geduld für Diplomatie, Frieden erst „nach der Eliminierung von Hamas“. Das ist kein wörtliches Zitat, aber die Berichterstattung über seine Aussagen zeichnet genau diese Stoßrichtung – militärische Lösung priorisiert, Zweifel an Verhandlungen. Rubio reist zudem weiter nach Doha, ohne Israels Angriff zu kritisieren. De facto: Der Pakt steht.

Israels innere Widersprüche

Die Offensive überdeckt tiefe Risse in Israels Gesellschaft und Politik. Familien der Geiseln protestieren wieder vor Netanyahus Residenz und warnen: Ein Sturm auf Gaza-Stadt gefährde ihre Angehörigen und blockiere Deals. Parallel eskaliert die ultraorthodoxe Wehrpflichtkrise – vom watered-down-Draft bis zu Massenprotesten. Die Frage, wer kämpft, wer zahlt und wer politisch profitiert, bleibt offen; die Kriegsziele werden öffentlich angezweifelt, was den Regierungsblock zusätzlich unter Druck setzt.

Die Hürden der palästinensischen Bewegung

Auf der anderen Seite steht eine Bewegung, die zugleich Repression, Zersplitterung und den Zynismus globaler Realpolitik schultern muss. Die Offensive in Gaza erzeugt objektiv scheinbare Aussichtslosigkeit – genau das, worauf militärische Strategien zielen. Dazu kommen Ablenkungsmechanismen im Westen: Wenn der „emotional bewegte Kanzler“ die Sendezeit frisst, geraten Bombardements, Hungersnot und Vertreibungen zur Randnotiz.

Eine weitere Gefahr liegt in den geopolitischen Eskalationen jenseits des Nahen Ostens. Die Spannungen an der NATO-Ostgrenze – zuletzt russische Drohnenangriffe auf Polen und großangelegte Militärübungen Moskaus – erzeugen eine akute Bedrohungslage in Europa. Diese Schlagzeilen drohen die Bilder aus Gaza zu verdrängen und den Völkermord in eine Nebenmeldung zu verschieben. Damit wird genau der Effekt erzeugt, den Israels Regierung einkalkuliert: internationale Ablenkung, die militärische Freiheit schafft.

In den USA hat der Mord an dem faschistischen Agitator Charlie Kirk neue Wellen ausgelöst: Massenmedien, Republikaner und konservative Netzwerke nutzen das Ereignis, um linke und pro-palästinensische Stimmen pauschal unter Generalverdacht zu stellen; Universitäten, Behörden und Betriebe gehen verschärft gegen Aktivist:innen vor. Die Debatte um Redefreiheit, Entlassungen und „rote Linien“ drückt die gesamte Linke – und speziell die Palästina-Solidarität – in die Defensive.

Deutsche Mitverantwortung: Politik, Geldflüsse, Waffen

Wer „deutsche Verantwortung“ sagt, muss über politische Deckung und materielle Unterstützung reden. Zwischen Oktober 2023 und Mitte Mai 2025 genehmigte Deutschland Rüstungsexporte nach Israel im Wert von rund 485 Mio. €. Merklich erhöht wurde in den Monaten nach dem 7. Oktober. Unter dem Druck der Eskalation kündigte die Bundesregierung im August 2025 zwar an, keine Exporte mehr zu genehmigen, die „in Gaza eingesetzt werden könnten“. Das ändert nichts an der strukturellen Rolle Deutschlands als zweitwichtigstem Rüstungspartner und politischem Schutzpatron – und es bleibt ein Gummiparagraph, solange konkrete Kategorien offen sind.

Hier liegt das mediale Problem: Statt nüchtern zu fragen, wie deutsche Außen-, Polizei-, Innen- und Wissenschaftspolitik den Krieg materiell absichert, fokussiert man auf den Affektmoment an der Synagoge. Die Wiedereröffnung ist historisch wichtig. Aber was heißt es gleichzeitig, wenn Berlin EU-weit gegen harte Schritte bremst, während in Gaza Evakuierungszonen bombardiert werden?

Was tun? BDS als Hebel – kleinteilig, umfassend, international

Die Stärke der BDS-Strategie liegt gerade darin, dass sie nicht auf Regierungsfähigkeit in Berlin oder Washington wartet. Sie baut Druck in der Fläche auf und zwingt Institutionen, Budgets und Kulturbranchen zu Entscheidungen. In den Universitäten gab es 2025 sichtbare Durchbrüche: Trinity College Dublin kappte sämtliche institutionellen Beziehungen zu israelischen Hochschulen und Unternehmen; in Großbritannien kündigte King’s College Cambridge die Divestment-Linie gegen Rüstungsfirmen an, auf die Studierende seit Monaten gedrängt hatten. Das sind keine symbolischen Petitionen, sondern Governance-Entscheidungen mit ökonomischer und reputativer Wirkung.

Auch die Kultur-Sphäre verschiebt sich: Mehrere europäische Rundfunkanstalten drohen mit Boykott des Eurovision-Wettbewerbs 2026, sollte Israel teilnehmen. Das mag nach Pop-Politik klingen, wirkt aber in denselben Sponsoring- und Hospitality-Strukturen, die israelische Staats- und Imagepolitik nutzt. Jede solche Verschiebung normalisiert Sanktionen, die in anderen Konflikten selbstverständlich waren.

Auf kommunaler Ebene zeigen Städte- und Kreisparlamente, dass Beschaffungs- und Anlagepolitik veränderbar sind – zuletzt in US-Kommunen und UK-Bezirken. Ja: Gegenwind ist enorm, Anti-BDS-Gesetze sind verbreitet. Aber die Linie „Divest, Defund, Disrupt Complicity“ hat genügend Ansatzpunkte – Pensionsfonds, Stadtwerke, Hochschul-Endowments, öffentlich geförderte Kultur, Messen und Kongresse. Genau hier liegen die Hebel, die „mehr als Sand im Getriebe“ sein können. Das kann die Basis für das große Ziel sein. Denn Israel ist ein Zombie-Staat: fällt die internationale Unterstützung, dann fällt die Besatzung,

Zurück zur deutschen Debatte

Wenn wir die Münchner Bilder ernst nehmen, dann nicht als Absolution, sondern als Verpflichtung. Wer „Nie wieder“ sagt und Tränen zeigt, kann nicht gleichzeitig Exporte und politische Schutzschirme mitverwalten, die einen realen Vernichtungskrieg verlängern – und dann noch jene kriminalisieren, die auf zivile Druckmittel setzen. Der mediale Fokus muss weg vom Kanzler-Affekt und hin zur Frage: Welche Entscheidungen – von Rüstungs-Genehmigungen über Polizeikonzepte bis zu Hochschul-Richtlinien – sind morgen zu treffen, damit Deutschlands Rolle nicht länger „Mitverantwortung“ für das Töten bedeutet?

Fazit: Merz’ Auftritt ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn er die TV-Zeit frisst, in der über Evakuierungsbefehle, Bombardements, Hunger und rechtlich bindende Konsequenzen gesprochen werden müsste. Die palästinensische Bewegung braucht keine moralische Begleitmusik, sondern praktische Solidarität: BDS-Kampagnen, die Budgets verschieben; kommunale Politik, die Verträge ändert; Universitäten, die kooperativen Normalbetrieb beenden; Gewerkschaften, die Lieferketten aufbrechen. Genau diese Arbeit – kleinteilig, aber international verknüpft – kann den Operationsplan der israelischen Kriegsmaschine stören. Und sie ist der Ort, an dem wir hier unmittelbar Verantwortung übernehmen können.

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