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Russlands Krieg:

Hört auf, den Widerstand zu delegitimieren

Von Simon Pirani | 06.05.2026

Dies ist der zweite Teil einer Artikelfolge. Der erste Teil ist hier zu finden: Europäischer Sozialismus, imperialer Militarismus und die Verteidigung der Ukraine.

In der Arbeiterbewegung und in zivilgesellschaftlichen Organisationen im Vereinigten Königreich wenden sich diejenigen, die argumentieren, die Ukraine sei lediglich ein Stellvertreter der westlichen Mächte, gegen die Unterstützung für den ukrainischen Widerstand gegen den russischen Imperialismus.

Die zugrunde liegende Idee, der einzige „reale“ Imperialismus sei der westliche – und daher sei Widerstand gegen den russischen oder chinesischen Imperialismus oder deren Marionetten, etwa in Syrien oder im Iran, illegitim –, hat ihre Wurzeln im Stalinismus des 20. Jahrhunderts. Doch sie behält ihren Einfluss zum Teil deshalb, weil die Verbrechen des westlichen Imperiums so schrecklich sind. Junge Menschen im Vereinigten Königreich sind vor allem wegen Gaza und wegen des Klimawandels aufgebracht.

Dieser „Campismus“ (die Einteilung der Welt in ein US-zentriertes „Lager“ und andere, nicht ganz so schlechte Lager) verbreitet sich zum Teil durch Aktivist:innen, die nach einfachen Grundsätzen suchen, auf denen sie soziale Bewegungen aufbauen können.

Er hat während des US-israelischen Krieges gegen den Iran in diesem Monat erneut sein hässliches Gesicht gezeigt, indem das theokratische autoritäre Regime als Opfer dargestellt wurde und nicht das iranische Volk, das zwischen diesem Regime und dem mörderischen Angriff der USA und Israels gefangen ist.

Dieser Artikel ist ein Plädoyer dafür, solche Vereinfachungen zu vermeiden. Er ist aus einer E-Mail hervorgegangen, die ich letztes Jahr an solch einen Aktivisten geschrieben habe, der mich wissen ließ sagte, ich liege falsch, wenn ich die Lieferung von Waffen an Ukrainer:innen unterstütze, die Widerstand gegen die russische Aggression leisten. Ich habe ihm die folgenden fünf Fragen gestellt und hoffe immer noch, dass er antworten wird.

1. Welchen Charakter hat der russische Imperialismus, und in welcher Beziehung steht er zur Ukraine?

Oft hören oder lesen wir von „linken“ Kreisen, der Krieg in der Ukraine ein „interimperialistischer Krieg“ sei. Dem stimme ich nicht zu. Es gibt sicherlich einen interimperialistischen Konflikt, der den Kontext bildet, aber der eigentliche Krieg findet zwischen Russland (einem im Wesentlichen imperialistischen Land) und der Ukraine (eindeutig kein imperialistisches Land) statt. Ich werde weiter unten (Frage 2) auf den Charakter des Krieges zurückkommen. Aber ich denke, wir sind uns einig, dass Russland im Wesentlichen imperialistisch ist. Welche Art von Imperialismus?

Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war Russland für alle Sozialist:innen das furchterregendste Imperium und die Ukraine seine älteste und größte Kolonie. Während der gesamten Sowjetzeit hat meines Wissens keine Version von Sozialismus oder Kommunismus, wie exotisch sie auch immer gewesen sein mögen, argumentiert, die Ukraine und die anderen 13 nicht-russischen Republiken wären irgendwie verschwunden oder hätten ihr Recht auf Selbstbestimmung verloren.

Für die extremen Stalinisten war dieses Recht durch die sowjetische Verfassung garantiert, und alles war in Ordnung. Es gab zahlreiche Auseinandersetzungen darüber, inwieweit das Sprechen von Ukrainisch in der Ukraine, Kasachisch in Kasachstan, Aserbaidschanisch in Aserbaidschan usw. umgesetzt werden sollte. Aber soweit mir bekannt ist, hat selbst dann, als die stalinistische Nationalitätenpolitik in extreme Absurditäten abdriftete, niemand behauptet, hierbei handele es sich nicht um Nationen mit eigener Sprache und Kultur.

Russland ist aus der Sowjetzeit als stark geschwächtes Imperium hervorgegangen oder als Möchtegern-Imperium, aber immer noch als Imperium. Der große Bestand an Atomwaffen und die gigantische Armee glichen aus, was Russland in wirtschaftlicher Hinsicht fehlte.

Ein großer Teil von Putins Projekt besteht darin, das russische Imperium zu stärken. Darum ging es bei den unglaublich brutalen Kriegen in Tschetschenien in den 1990er und Anfang der 2000er Jahre, und darum ging es zu einem großen Teil auch bei der russischen Intervention in Syrien. Meiner Ansicht nach geht es im Wesentlichen auch beim Krieg in der Ukraine darum.

Was ist mit der Ukraine? Der Freund, mit dem ich mich gestritten habe, schrieb mir: „Wir sprechen hier nicht von einem ‚unterdrückten Volk‘ in dem Sinne, wie wir vielleicht vom Widerstand in Palästina sprechen, wir sprechen von der Armee eines fortgeschrittenen kapitalistischen Staates, die von NATO-Mächten unterstützt wird und sich im Krieg mit der Armee eines anderen Staates befindet, mit all den Konsequenzen, die das mit sich bringt.“

Betrachten wir das mal genauer. Natürlich trifft weder auf die Ukraine noch auf sonst wo eine Gleichsetzung mit der langjährigen Geschichte gewaltsamer ethnischer Säuberungen in Palästina, geschweige denn zu dem Völkermord, der dort derzeit begangen wird. So etwas wäre analytisch sinnlos und, wie ich sagen würde, moralisch zweifelhaft, einen Vergleich anzustellen. Versuchen wir es also gar nicht erst.

Ich würde die Situation Irlands auch nicht mit Palästina vergleichen, aber ich würde sagen, dass sowohl Irland – das ja auch einen „fortgeschrittenen kapitalistischen Staat“ hat, nicht wahr? – und als auch die Ukraine Beispiele für Länder sind, die historisch langfristigen Formen imperialer Herrschaft durch Großbritannien bzw. Russland unterworfen waren.

Manche Menschen glauben, die russische Herrschaft über die Ukraine sei in der postsowjetischen Zeit geschwunden. Anfang der 2000er Jahre habe ich selbst so gedacht, und wie sehr hat sich das als falsch herausgestellt.

Die ukrainische Bourgeoisie versuchte in der Tat, sich einen unabhängigen wirtschaftlichen Weg (oder vielmehr einen Weg hin zu einer engeren wirtschaftlichen Integration mit Europa) zu bahnen, und das mit einigem Erfolg. Andere Republiken distanzierten sich wirtschaftlich von Russland: Aserbaidschan in Richtung Türkei, einige der zentralasiatischen Staaten in Richtung China. Doch die Bestrebungen der Ukraine erhielten durch die Finanzkrise von 2008/09 einen vernichtenden Schlag. Russland versuchte, seine Kontrolle über einheimische Politiker:innen wiederherzustellen, geriet jedoch 2014 in eine Sackgasse. Der Kreml entschied sich daraufhin für militärische Subversion.

2. Was hat den Krieg verursacht (was für die Frage relevant ist, wie er beendet werden könnte)?

Die gängige Erklärung der Invasion von 2014 von Campisten und „Realisten“ lautet, Putin sei von der NATO in die Enge getrieben worden. Meiner Meinung nach ist das erstens ein Haufen Bockmist, und zweitens gab es zwar in den NATO-Mächten eine Denkrichtung (wenn auch keine konsistente oder vorherrschende), die in die Richtung ging, Putin sollte strenger in die Schranken verwiesen werden, doch ist es schlichtweg irreführend, dies als Ursache der Invasion darzustellen. Tatsächlich wurde [der ukrainische Präsident] Janukowytsch [im Februar 2014] durch eine Volksbewegung aus dem Amt gedrängt – eine politisch äußerst heterogene, aber dennoch eine Bewegung – und Putin sah sich zum Handeln gezwungen.

Ich erinnere mich, dass ich buchstäblich am Tag nach Janukowytschs Abreise nach Kiew gereist bin. Ich traf einen Freund. Er sagte: „Die Russen werden einmarschieren.“ Ich sagte: „Nein, das werden sie nicht. Das wäre Wahnsinn, es würde alles ruinieren, was sie seit Jahren mit der Wirtschaft zu erreichen versuchen.“ Es war Wahnsinn, es hat Russlands Wirtschaftsstrategie ruiniert, aber sie haben es dennoch getan.

Warum? Ich habe damals an dem Oxford Institute for Energy Studies gearbeitet, wo ich mit russischen Geschäftsleuten und Forscher:innen zu tun hatte. Ich habe sie mehrere Jahre lang gefragt: Warum glaubten sie, dass der Kreml das gemacht hat? Die beste Antwort, die ich bekam, lautete: „Weil sie es konnten, angesichts der Verwirrung in der Ukraine zu jenem Zeitpunkt. Und weil sie, hätten sie die Gelegenheit nicht genutzt, sich gegenüber dem Militär und den Nationalisten hätten rechtfertigen müssen, warum sie es nicht gemacht haben.“ (Ein Buch von Alexandra Prokopenko, das in Kürze erscheinen wird, beantwortet eine etwas andere Frage, nämlich warum die russische Elite, von der die meisten den Krieg als Katastrophe betrachteten, 2022 nicht mehr unternommen hat, um ihn zu stoppen.)

Wie sah die soziale Realität der anfänglichen Invasion im Jahr 2014 aus? Was hatten die russischen Truppen und die von Russland unterstützten Kräfte in Donezk und Luhansk in den Jahren 2014 bis 2021 vor? Die „Campisten“ und „Realisten“ haben dazu wenig oder gar nichts zu sagen. Die Antwort lautet: Sie haben Menschen, die ihr Recht auf die Errichtung von schäbigen Diktaturen anzweifelten, terrorisiert, Gewerkschafter:innen eingesperrt, ein willkürliches, diktatorisches Rechtssystem eingeführt, Menschen daran zu hindern versucht, Ukrainisch zu sprechen oder Kindern die ukrainische Sprache beizubringen, und so weiter.

Es wird geschätzt, dass diese Bastarde nicht nur die Wirtschaft ruiniert, sondern es auch geschafft haben, die Bevölkerung zwischen 2014 und etwa 2018 um die Hälfte zu dezimieren. Viele junge Menschen, die die Möglichkeit hatten wegzugehen, sind weggegangen.

Das war doch sicher kein interimperialistischer Krieg? Ohne dies zu verstehen, ist es unmöglich, ernsthaft zu behaupten, der Konflikt ab 2022 sei ein interimperialistischer Krieg. Militärisch gesehen ist es ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine, der aus dem Krieg von 2014–2021 hervorgegangen ist. Ganz gleich, wie viel Unterstützung die westlichen Mächte der Ukraine gewähren – und im historischen Vergleich ist das eigentlich ziemlich gering –, handelt es sich hier nicht um einen Konflikt zwischen zwei imperialistischen Armeen.

3. Gibt es Umstände, unter denen Sozialist:innen vor dem Hintergrund eines interimperialistischen Konflikts die Seite eines Staates gegen einen anderen ergreifen würden?

Natürlich gibt es solche – und das stellt eine weitere Lücke (oder eher einen Krater) in den Argumenten der „Campist:innen“ und „Realist:innen“ dar.

Sicher, es gibt einen interimperialistischen Konflikt. Aber ich würde sagen, dass es gerechtfertigt ist, wenn Sozialist:innen die Ukraine unterstützen, weil wir für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen eintreten, frei von imperialistischer Schikane.

Ein Beispiel dafür ist der Iran, der mit Sicherheit ebenso sehr ein „fortgeschrittener kapitalistischer Staat“ ist wie die Ukraine und zudem geopolitisch mit Sicherheit nahe an Russland und China ist. Bedeutet das, dass wir als Sozialist:innen dem Angriff der USA und Israels auf den Iran gleichgültig gegenüberstehen? Natürlich nicht. Genauso wenig standen wir dem Angriff auf den Irak im Jahr 2003 gleichgültig gegenüber.

Tatsächlich fallen mir Beispiele dafür ein, dass Sozialist:innen tatsächlich eine kapitalistische, vielleicht eine angehende imperialistische Macht dabei unterstützt haben, in ein anderes Land einzumarschieren. Ein solches Beispiel ist die indische Invasion von Bangladesch im Jahr 1971, als Pakistan drohte, die bangladeschische Unabhängigkeitsbewegung militärisch zu zerschlagen. Ich habe an einen indischen sozialistischen Freund geschrieben, um ihn danach zu fragen, und er hat Folgendes geantwortet:

Ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist, Indien zu jener Zeit als „potenzielle imperialistische Macht“ zu bezeichnen, obwohl es sicherlich die dominierende Macht in Südasien war. Aber du hast Recht mit der Annahme, dass indische Sozialist:innen, einschließlich der Communist Party of India und der Communist Party of India (Marxist), mit Ausnahme der Maoisten, die indische Intervention unterstützten, um das zu stoppen, was ich im Nachhinein als einen genozidalen Angriff auf Ostbengalen bezeichnen würde, mit einer besonders erschreckenden Zahl von Vergewaltigungen. Zweifellos handelte [die indische Premierministerin] Indira Gandhi opportunistisch, und wie ich später feststellen konnte, als ich Bangladesch besucht habe, haben sich die Arbeiter:innen dort keine Illusionen über sie oder über Indien gemacht. Aber die Vergewaltigungen und die Morde mussten gestoppt werden, und das hat sie getan.

Wenn wir in die 1930er und 40er Jahre zurückblicken, gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass Sozialist:innen die Lieferung von Waffen an Staaten und quasi-staatliche Formationen durch imperialistische Länder unterstützt haben. Sozialist:innen im Vereinigten Königreich und in ganz Europa unterstützten die Waffenlieferungen des britischen und amerikanischen Imperialismus an die französische Résistance, die von einer Reihe von reaktionären bürgerlichen Politikern angeführt wurde, die nach dem Krieg an der Spitze von reaktionären bürgerlichen Regierungen gestanden. Ich weiß nicht, was irische Sozialist:innen von der Lieferung von Waffen an die IRA durch Nazideutschland hielten, aber sicher haben sie nicht lautstark gefordert, diese Waffen müssten zurückgeschickt werden.

Natürlich gibt es politische Gründe, bei der Fokussierung auf die Lieferung von Waffen vorsichtig zu sein, die mit unserer allgemeinen Haltung zum Militarismus und unserer Haltung zum Staat zu tun haben. (Ich habe diese in dem anderen Artikel erwähnt.)

Aber betrachten wir noch einmal speziell die Ukraine. Mein Freund hat in seiner E-Mail die Palästinenser:innen (ein „unterdrücktes Volk“) den Ukrainer:innen (die über „die Armee eines fortgeschrittenen kapitalistischen Staates“ verfügen) gegenübergestellt. Welchen Unterschied macht das?

Meiner Ansicht nach ist das Fehlen eines palästinensischen kapitalistischen Staates mit Waffen ein entscheidender Faktor, der es ermöglicht hat, dass der Völkermord in Gaza geschehen konnte. Es ist kein Zufall, dass die israelische Rechte das letzte Vierteljahrhundert damit zugebracht hat sicherzustellen, dass keine Schritte in Richtung der Bildung solch eines Staates (der „Zweistaatenlösung“) unternommen werden.

Hätten die Palästinenser:innen doch nur solch einen fortgeschrittenen Staat mit einer Armee gehabt, wie die Ukrainer:innen ihn haben!

Um zu sehen, was mit Menschen geschieht, die von Russland angegriffen werden, ohne dass ein vollwertiger Staat und eine Armee sie schützen, müssen wir bloß nach Tschetschenien blicken, das infolgedessen einem Krieg mit Massenvernichtung ausgesetzt war.

4. Gibt es einen Unterschied zwischen der Art von sozialer Kontrolle in Russland einerseits und in der Ukraine, Polen und anderen osteuropäischen Ländern andererseits? Und macht das einen Unterschied?

Letztes Jahr habe ich eine polemische Auseinandersetzung mit Leuten geführt, die den Krieg in der Ukraine als Konfrontation zwischen Autoritarismus und Demokratie darstellen, weil ich denke, dass sich das zu leicht in die Narrative der westlichen imperialistischen Mächte einfügen lässt. Aber die Frage der bürgerlichen Demokratie ist nicht irrelevant.

So schlimm die Lage auch sein mag, ist es in der Ukraine immer noch möglich – wie wir im vergangenen Sommer bei den „Anti-Korruptions“-Demonstrationen auf dramatische Weise gesehen haben –, dass die Menschen demonstrieren, die Regierung in den Medien kritisieren usw., mit anderen Worten, dass sie das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit ausüben – mit einem Risiko der Repression, das meiner Einschätzung nach mit dem im Vereinigten Königreich vergleichbar ist, also gering.

In Russland ist das offensichtlich nicht der Fall. Seit 2022 haben wir keine Bewegungen mit Straßendemonstrationen mehr gesehen, und die übliche Strafe für Kritik am Krieg in den sozialen Medien beträgt sieben oder acht Jahre Gefängnis. Zahlreiche Menschen wurden getötet, weil sie sich der Regierung widersetzt haben. Unsere sozialistischen und anarchistischen Freund:innen und Genoss:innen sitzen entweder im Gefängnis, haben das Land verlassen oder, falls ihnen dies nicht möglich ist, jede öffentliche politische und organisierte Aktivität eingestellt.

Ist dieser Unterschied von Bedeutung? Bedeutet er, dass einige der Überlegungen, die in den 1940er Jahren diskutiert wurden – dass die Achsenmächte, d. h. nicht nur das durch und durch nazistische Deutschland, sondern auch das faschistische Italien und das faschistische Spanien, eine Bedrohung für die Demokratie darstellten, die sich qualitativ von der Bedrohung durch die britische, französische und amerikanische Bourgeoisie unterschied? Ich denke, das ist von Bedeutung, und ich denke, dass dies wiederum Auswirkungen darauf hat, ob Sozialist:innen in diesem Krieg die ukrainische Seite bevorzugen.

5. Können wir es klarmachen, dass wir den Einsatz von Waffen durch den kapitalistischen Staat in einem Fall befürworten (zur Verteidigung des ukrainischen Volkes), in einem anderen jedoch nicht (allgemeine Aufrüstung)?

In seiner E-Mail schrieb mein Freund, er fände es schwierig, Waffenlieferungen gegenüber britischen Arbeiter:innen zu rechtfertigen, die mit massiven Ausgabenkürzungen konfrontiert sind. Wir müssen das ernsthaft und analytisch diskutieren.

Ich denke, es ist offensichtlich, dass es einige Formen der Gewaltanwendung durch den Staat gibt, die wir befürworten, und andere, die wir nicht befürworten. Wenn wir an einer Gegendemonstration gegen eine Gruppe von Faschisten vor einem Hotel teilnehmen würden, das zur Unterbringung von Migrant:innen genutzt wird, und wir zahlenmäßig deutlich unterlegen wären, und das Hotel nur durch eine Reihe von Polizisten geschützt würde, würden wir die Polizisten doch nicht dazu auffordern wegzugehen, oder? Wir würden ihre Verteidigung des Hotels nicht mit denselben Worten kritisieren, mit denen wir viele andere Dinge kritisieren, die Polizeibeamte tun, oder?

Natürlich würden wir hoffen, nicht in dieser Situation zu sein, und wir würden den Schwerpunkt ganz auf die Mobilisierung legen, um sicherzustellen, dass die Gegendemonstrationen größer sind.

Aber die ukrainische Arbeiterklasse hat nie auch erwartet, sie würde in die Lage kommen, in der sie sich nun befindet.

Dieses Argument lässt sich leicht auf Beispiele von militärischer Gewalt ausweiten. Ich habe einige argentinische Genossen zum Malvinas-Krieg von 1982 befragt. Viele in der weitgehend im Untergrund agierenden Arbeiterbewegung drängten die Militärdiktatur, die viele Tausende ihrer Freund:innen und Genoss:innen getötet, gefoltert und inhaftiert hatte, ihre Ressourcen auf den Kampf gegen die von Margaret Thatcher auf die Inseln entsandten Streitkräfte zu konzentrieren. Ein Genosse schrieb mir: Die argentinischen trotzkistischen Organisationen

hatten eine kritische Haltung und machten einen Unterschied zwischen der Sache der Malvinas (die sie unterstützten) und der militärischen Führung der Militärjunta, die sie als eine genozidale Diktatur betrachteten, die den Krieg ausnutzte, um sich an der Macht zu halten.

Teile der Linken schlugen die Verstaatlichung britischer Besitztümer, die Beschlagnahmung britischer Vermögenswerte und die Nichtzahlung der Auslandsschulden an Großbritannien vor, um den Krieg „popular“ zu gestalten und ihn nicht von der Militärjunta lenken zu lassen.

Die argentinische Linke vertrat eine Position der nationalen Souveränität über die Inseln und prangerte die britische Besetzung seit 1833 an. Sie kritisierte den Umgang der Diktatur mit dem Krieg und betrachtete den Konflikt als Mittel, mit dem die Militärjunta ihre Macht aufrechterhalten wollte. Der allgemeine Ansatz ist souveränistisch und antiimperialistisch, was ihn von den Positionen der Mitte-Rechts- oder liberalen Kreise unterscheidet.

Hatten die argentinischen Sozialist:innen Recht, den Krieg zu unterstützen und zu fordern, ihn „popular zu machen“, selbst angesichts einer brutalen, unmenschlichen Diktatur?

Warum sollten wir jetzt nicht Forderungen an die rassistische, arbeiterfeindliche und den Völkermord unterstützende Regierung Starmer stellen, die britischen Waffenlieferungen an die Ukraine zu verstärken?

Mein Freund schrieb in seiner E-Mail, dass er „es einfach nicht ertragen könnte, [Menschen aus der Arbeiterklasse in verzweifelter Lage] oder den Menschen, mit denen ich im Bereich [Klimafolgen] zusammenarbeite, gegenüberzutreten und gleichzeitig die absurde Menge Geld zu rechtfertigen, die in die Fortsetzung dieses blutigen Patts geflossen ist“.

Ich möchte ihm vorschlagen, dass er seinen Kolleg:innen sagt: Der Staat kann das finanzieren, wenn er den Willen dazu hat. Der Staat kann die Reichen besteuern oder was auch immer. Es ist kein Entweder-oder. Es ist eine Grundsatzfrage.

Fazit

Der Schaden, den die zynischen Versuche von westlichen „Linker“ angerichtet haben, den ukrainischen Widerstand zu delegitimieren, ist bereits passiert. Zumindest seit 2014, und er erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 2022. Immer verpackt in ernsthaft klingenden, leeren Worten von wegen „Antiimperialismus“. Der Schaden trifft nicht das ukrainische Volk – das geschieht durch russische Bomben und durch die Gangster und Folterer, die der Kreml im Donbass eingesetzt hat –, es geht vielmehr um Schaden für den Sozialismus, Schaden für seine Entwicklung als Bewegung.

12. März 2026

Detaillierte Erörterungen der Haltung von „linken“ Gruppierungen im UK gibt es auf dem „Red Mole Substack“ [Untertitel: „A Marxistʼs Critique of the Bureaucratic Left], beispielsweise hier, hier, hier und hier.


Diesen Beitrag hat Simon Pirani auf seinem Blog „People and Nature“ veröffentlicht. Aus dem Englischen übersetzt von Wilfried.

Simon Pirani (geboren 1957) ist ein englischer Publizist, Historiker und Energieforscher. Er ist der Sohn des Physikers Felix Pirani (1928–2015), der sich den „Scientists of the Left“ und der „Campaign for Nuclear Disarmament“. Von 1972 bis Anfang der 1990er Jahre war er Mitglied der „healyistischen“ Socialist Labour League (SLL), die sich 1973 in Workers Revolutionary Party (WRP) umbenannte. Er war von 2007 bis 2021 „senior research fellow“ an dem the Oxford Institute for Energy Studies und ist Honorarprofessor an der „School of Modern Languages and Cultures“ an der Universität Durham. Er schreibt auf dem Blog „People and Nature“, von 2011 bis 2021 unter dem Pseudonym Gabriel Levy.
Er veröffentlichte u. a. die Bücher The Russian Revolution in Retreat, 1920–24: Soviet Workers and the New Communist Elite (Routledge, 2008) und Burning Up: A Global History of Fossil Fuel Consumption (Pluto Press, 2018). Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt hat er die Bücher Communist Dissidents in Early Soviet Russia: Five Documents (Matador, 2023) sowie Voices against Putin’s War: Protesters’ Defiant Speeches in Russian Courts (Resistance Books, 2025).

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