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Klima außer Kontrolle

Hitzewellen und ökosozialistisches Degrowth

Von Daniel Tanuro | 14.07.2026

Dieser Kommentar wurde aus Anlass der Hitzewelle im Juni geschrieben, die täglich neue Temperaturrekorde setzte und allein in Deutschland nach RKI-Schätzungen 5000 Todesopfer forderte. Gerade während wir der fast 200 Todesopfer der „völlig unerwarteten“ Flutkatstrophe im Ahrtal vor 5 Jahren gedenken, rollte die nächste Hitzewelle über den europäischen Kontinent.

Daniel Tanuro, der belgische Ökosozialist und Autor eines Buchs über die Unmöglichkeit eines grünen Kapitalismus, argumentiert, dass das, was gerade geschieht, kein Zufall, sondern systemisch bedingt ist: Investitionen in fossile Brennstoffe nehmen zu, die Staats- und Regierungschefs der G7 beglückwünschen Klimaleugner, und die Europäische Kommission baut ihre eigenen unzureichenden Umweltmaßnahmen ab. Daniel Tanuro betont, dass die Gestaltbarkeit unserer zukünftigen Erde vollständig von unseren antikapitalistischen Kämpfen heute abhängt. [Red]

  • Europa erlebt seine zweite Frühjahrshitzewelle des Jahres.
  • Die gesundheitlichen, landwirtschaftlichen und ökologischen Folgen werden voraussichtlich schwerwiegend sein.
  • Dieses extreme Wetterereignis ist – wie die Hitzewellen in Indien und in der Antarktis – ein Zeichen dafür, dass die globale Erwärmung, die hauptsächlich durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe angetrieben wird, die Erde in eine unumkehrbare Katastrophe stürzt.
  • Nötig wäre – wie bei COVID, aber tiefgreifender –, ein öffentlicher Notfallplan, um erstens die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen zu schützen und für Lebewesen zu sorgen; und zweitens die Emissionen von CO₂, CH₄ usw. drastisch und unverzüglich zu reduzieren, und zwar unter größtmöglicher sozialer Gerechtigkeit, beginnend mit dem Verbot von Abholzung sowie unnötiger Produktion, unnötigem Transport und unnötigen Diensten (Privatjets, Yachten usw.).
  • Die anhaltende Verschlimmerung der Lage macht überdeutlich, dass Finanzwesen, Energie und landwirtschaftliche Produktion aus dem Griff des Großkapitals befreit werden müssen, um eine umfassende Politik zu entwickeln, die auf eine andere Gesellschaft ausgerichtet ist – eine gute, wahrhaft menschliche, ökosozialistische Gesellschaft.

Während all dies ins Auge springt, geschieht in Wirklichkeit Folgendes:

  • Die Finanzinvestitionen in fossile Brennstoffe sind 2025 erneut sprunghaft angestiegen – und zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa und China – und natürlich in Russland.
  • Die G7-Mitglieder versammelten sich unterwürfig (in klimatisierten Räumen) um den kriminellsten, fanatischsten und törichtesten aller fossilen Klimaleugner, ohne ein Wort über das Klima zu verlieren. Die Krönung der Absurdität: Sie gingen sogar so weit, ihm dazu zu gratulieren, dass er den Frieden (!) im Iran wiederhergestellt habe, und freuten sich gemeinsam mit ihm darüber, dass wieder kostbares Öl durch die Straße von Hormus fließen würde. Was für Widerlinge![i]
  • Alle wetteifern um die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, deren Rechenzentren auf dem besten Weg sind, sich ebenso stark auf das Klima auszuwirken der gesamte Verkehrssektor – und diesen bald zu übertreffen.
  • Die Europäische Kommission fährt im Einvernehmen mit den Regierungen und unter dem Druck der Industrie fort, als wäre nichts geschehen, die im Rahmen ihres eigenen „Green Deal“ ergriffenen, völlig unzureichenden Maßnahmen zur Emissionsregulierung zu verwässern (Verbrennermotoren, Methanleckagen, Emissionshandel – alles durchläuft das Mahlwerk der „Vereinfachung“).[ii]
  • Eine beträchtliche Anzahl von Medien redet den Menschen weiterhin ein, es gebe „schönes Wetter“ – diese Absurdität wird sogar von Linken wiederholt, die sich über den Sonnenschein für ihr Grillfest zum Jahresende freuen.

Ein anekdotisches Ergebnis – wenn auch nicht ganz: Unter einer sengenden Sonne, die dem Peloponnes im August würdig wäre, setzen Flugzeuge von Ryanair über meinem Garten ihr höllisches Hin und Her fort, als ob nichts wäre, und die gesamte politische Klasse jubelt, weil „das wirtschaftliche Aktivität schafft“. Ein perfektes Beispiel für den todbringenden Automatismus – den kapitalistischen Profit –, der die Gesellschaft bis in ihre Seele hinein verschlingt und sich an die Stelle der Intelligenz setzt.

Doch irgendwann wird sich der Wind drehen (um eine Klimametapher zu verwenden). Unweigerlich wird die Katastrophe … die Katastrophe wieder auf die soziale und politische Tagesordnung setzen. Die ersten Anzeichen für zunehmende Besorgnis zeigen sich bereits in Umfragen in den Vereinigten Staaten. Selbst auf die Gefahr hin, eine messianische Haltung einzunehmen, müssen wir standhaft bleiben, gestützt auf die Wissenschaft. Lehnen wir den „Realismus“ ab. Reißen wir, wo immer möglich, Breschen in den Produktivismus. Rütteln wir die großen Organisationen – vor allem die Gewerkschaften – auf, um das Soziale, das Ökologische und das Demokratische in unseren Kämpfen zu verbinden.[iii]

Wir werden nicht in die Welt von früher zurückkehren. Nein, das Holozän – das die Blüte der Zivilisation ermöglichte – ist vorbei, was auch immer Geolog:innen offiziell sagen mögen. Der Anstieg des Meeresspiegels (der noch sehr, sehr lange andauern wird, selbst wenn die Emissionen sofort gestoppt würden) ist unumkehrbar. Ebenso wie der Verlust der Artenvielfalt (zum Beispiel der Korallenriffe) und von ökosystemischen Funktionen (zumindest auf der menschlichen Zeitskala). Aber wir haben immer noch die Möglichkeit zu leben und gut zu leben – wir alle – in einem beherrschbaren Anthropozän, in dem die durchschnittliche Oberflächentemperatur „deutlich unter +2 °C“ bleibt (Pariser Abkommen) und sich schließlich – in 2000 Jahren – bei etwa 1 °C über dem Niveau des Holozäns stabilisieren wird.[iv]

Dies ist die einzige Schlussfolgerung, die man aus all dem ziehen kann: Der Grad der „Beherrschbarkeit“ dieses Anthropozäns, der Erde, die wir unseren Kindern und Kindeskindern „in alle Ewigkeit“ hinterlassen werden, hängt von unseren Kämpfen jetzt gegen den kapitalistischen Moloch ab.[v] Lasst uns gemeinsam mutig, entschlossen, einfallsreich und, wo immer möglich, fröhlich sein. „Brüder, ihr Menschen, die ihr nach uns leben werdet, verhärtet eure Herzen nicht gegen uns.“[vi]


21. Juni 2026

Daniel Tanuro ist ein belgischer Agraringenieur, ökosozialistischer Aktivist und Mitglied von Gauche anticapitaliste (GA) – SAP-Antikapitalisten, der belgischen Sektion der Vierten Internationale. Von seinen Büchern liegt auf Deutsch vor: Klimakrise und Kapitalismus (Neuer ISP Verlag, 2015; Originalausgabe: L’impossible capitalisme vert, La Découverte, 2010). Zuletzt hat er veröffentlicht: Écologie, luttes sociales et révolution: Entretiens avec Alexis Cukier et Marina Garrisi (La Dispute, 2024; engl. und dt. Ausgaben sind in Vorbereitung).

Sein Text ist am 22. Juni auf der Webseite von Gauche anticapitaliste und am 24. Juni auf Contretemps – revue de critique communiste veröffentlicht und von Friedrich Dorn aus dem Französischen übersetzt worden. Die Anmerkungen hat Adam Novak für die Übersetzung ins Englische verfasst, die auf „Europe Solidaire Sans Frontières“ erschienen ist.


[i]Der hier erwähnte G7-Gipfel hat im Juni 2026 in Kanada stattgefunden. Tanuro bezieht sich auf US-Präsident Donald Trump, dessen Regierung die Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaschutzabkommen zurückgezogen hat. Die Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet, ist eine entscheidende Engstelle für den weltweiten Öltransport.

[ii]Das 2025 vorgeschlagene „Omnibus“-Gesetzespaket der Europäischen Kommission wurde von Umweltorganisationen heftig kritisiert, da es wesentliche Elemente des Europäischen Grünen Deals zurücknahm; darunter sind die Schwächung der Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen, die Lockerung der Vorschriften für Methanemissionen und die Verwässerung der Bestimmungen des CO₂-Grenzausgleichssystems.

[iii]Zum Verhältnis zwischen Arbeiterbewegungen und der ökologischen Krise siehe Daniel Tanuro, „Internationalism or Geostrategy, One Must Choose!“, Europe Solidaire Sans Frontières, 6. Juli 2025.

[iv]Das Pariser Abkommen, das im Dezember 2015 auf der UN-Klimakonferenz COP21 verabschiedet wurde, verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen und Anstrengungen zu unternehmen, den Anstieg auf 1,5 °C zu begrenzen. Zu den wissenschaftlichen Grundlagen für Prognosen zur langfristigen Temperaturstabilisierung siehe den Sechsten Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimawandel (IPCC): Climate Change 2021 — The Physical Science Basis, Cambridge University Press, 2021. Online verfügbar:
Das Holozän ist das gegenwärtige geologische Zeitalter, das vor etwa 11 700 Jahren nach der letzten Eiszeit begann und durch relativ stabile klimatische Bedingungen gekennzeichnet ist, unter denen sich die menschliche Zivilisation entwickelte. Geolog:innen diskutieren, ob ein neues Zeitalter, das Anthropozän, offiziell anerkannt werden sollte, um den Zeitraum zu kennzeichnen, in dem der Mensch einen dominierenden Einfluss auf die Geologie und die Ökosysteme der Erde ausübt.

[v]Siehe Daniel Tanuro, Klimakrise und Kapitalismus (Neuer ISP Verlag, 2015; Originalausgabe: L’impossible capitalisme vert, La Découverte, 2010); englische Ausgabe: Green Capitalism: Why It Can’t Work (Resistance Books/Merlin/IIRE, 2013).
Für seine umfassendere ökosozialistische Analyse siehe auch Daniel Tanuros Beitrag über die Grundlagen einer ökosozialistischen Strategie von April 2011: „Les fondements d’une stratégie écosocialiste“ auf ESSF; dort auch auf Englisch. Hier auf Deutsch.

[vi]Die Schlusszeilen greifen François Villons „Ballade des pendus“ (Ballade der Gehenkten, 1462 oder 1463, auch bekannt als „L’épitaphe Villon“) auf: „Frères humains qui après nous vivez, / N’ayez les cœurs contre nous endurcis“ („Brüder Menschen, die nach uns leben, / Verhärtet eure Herzen nicht gegen uns“). Das aus der Perspektive von Gehenkten, die sich an die Lebenden wenden, geschriebene Gedicht ist einer der berühmtesten Texte der mittelalterlichen französischen Literatur.

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