Gnadenloser Feind
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Die Alten und die Armen sollen büßen

Gnadenloser Feind

Von Manuel Kellner | 24.08.2025

Er nennt sich „Ökonom“ und hört auf den Namen Marcel Fratzscher. Seine Fratze zeigt er publikumswirksam im letzten „Spiegel“. Da fordert er ein soziales Dienstjahr für Senioren. Die Babyboomer nämlich beuten die nachwachsenden Generationen aus, indem sie viel zu lange leben und endlos Rente kassieren. Darum sollen sie „soziale Dienste“ ableisten oder sich der Bundeswehr zur Verfügung stellen. Das hat dann auch irgendwie seine Logik. Wo anders als im Militärdienst könnten wir Alten unsere verbliebene Lebenserwartung mindern? Zumindest, wenn wir unzureichend bewaffnet der russischen Armee entgegentreten müssen.

Volkssturm 2.0 – jetzt mit Senioren – Babyboomer an den Pranger

Irgendwie hört sich das auch an wie ein „Volkssturm“ 2.0. Hitler ließ 1945 neben Kindern und Heranwachsenden auch Alte und Greise mobilisieren, um im aussichtslosen Kampf gegen die siegreichen Alliierten ihr Leben zu lassen. Er hasste nämlich die Deutschen und wollte ihren endgültigen Untergang, weil sie sich gegenüber dem „Bolschewismus“ und dem „Weltjudentum“ als unterlegen erwiesen hatten

Ich persönlich habe kein allzu schlechtes Gewissen. Sicher, ich bin „Babyboomer“ (das Feindbild des Herrn Fratzscher), 70 Jahre alt und seit ein paar Jahren in Rente. Aber ich rauche seit dem Alter von zwölf Jahren und nehme noch länger alkoholische Getränke zu mir. Damals wurde man halt dazu erzogen. Was sollte ich mehr tun, um meine Verewigung zu vermeiden? Ha! Die Barrikaden meiner Zeit hatte ich vermieden – aus Feigheit. Gegen alle medizinische Wahrscheinlichkeit schleppe ich meinen alternden Kadaver noch immer durch die schwindenden Lebensgrundlagen dieser Erde.

Bloß: Wieso spreche ich von dem grenzdebilen Marcel Fratzscher? Alles, was Rang und Namen hat in der veröffentlichten Meinung Deutschlands, hat ihm stante pede widersprochen. Der Sozialverband VdK sprach von einer „Schnapsidee“. Sprecher der meisten im Bundestag vertretenen Parteien äußerten sich ablehnend. Also warum trete ich einen toten Hund?

Wenn Verrückte Grenzen austesten – Merz erklärt den Sozialstaat für unbezahlbar

Weil seine Wortmeldung für mich Symbolcharakter hat. Solche Verrückten testen Grenzen aus, geben Anregungen, noch weiterzugehen als bisher. Die hochoffizielle etablierte Politik ist nicht weit entfernt von seinem Wahnsinn. Kanzler Merz sagt heute, der „Sozialstaat“ sei nicht mehr „finanzierbar“. Könnt ihr ermessen, was das bedeutet? Renten, Sozialversicherung, Krankenversicherung, sozialer Schutz der Ärmsten der Armen – all das steht zur Disposition.

Dazu passt die Idee, dass in Deutschland zu wenig und zu wenig hart gearbeitet wird. So schwätzte der abgehalfterte FDP-Lindner, so schwätzt Merz mit scheelem Blick aus dem Seitenfenster seines Privatjets. Die AfD echot: Die Empfängerinnen von Bürgergeld seien alle nach irgendeiner Definition Ausländer – also weg damit! Ja! Einschneidende Reformen der Sozialsysteme seien nötig, so hallt es von allen Wänden und Grüften.

Die alltägliche Großzügigkeit der Vielen

Ein Nachbar und Altersgenosse von mir ist unlängst ausgezeichnet worden für sein ehrenamtliches Engagement in der Pflege. Ohne Bezahlung und ohne Gegenleistungen hat er viele Jahre lang Alten und Hilfsbedürftigen das Leben schöner gemacht. Er hat nie nach Gegenleistungen oder Anerkennung gefragt. Wie ihn gibt es viele. Aber die etablierte Politik hat nur Verachtung für die Massen und ihre täglich geübte Großzügigkeit.

Die Politik im Interesse des Kapitals ist ein gnadenloser Feind. Wie Lenin einmal sagte, wäre nur ein Zehntel dieser Gnadenlosigkeit der Ausgebeuteten, Erniedrigten, Unterdrückten und Entrechteten gegen diesen Klassenfeind wünschenswert. Diese brauchen eine politische Partei, die ohne Wenn und Aber für ihre Interessen einsteht. Eine solche Partei könnte Die Linke sein. Machen wir sie dazu!

Wenn wir aber erlöschen, dann nicht mit dem Gefühl, damit den nachfolgenden Generationen einen Dienst zu erweisen. Sicher, wir machen dann Platz für andere. Wir haben aber auch nichts zu befürchten. Denn wir haben keine schlechten Erinnerungen an die Äonen vor unserer Geburt. Doch bevor wir den Löffel abgeben, wollen wir noch einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Entrechteten dieser Erde endlich aufstehen, um eine lebenswerte Zukunft zu erkämpfen.

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