„Unter Gesunden ist der Arzt überflüssig.“ (Tacitus)
Aber wer gesund ist und wer nicht, das definiert eben dieser Arzt.
Auch aus diesem Grunde hat der sog. „Gesundheitssektor“ im Laufe der letzten 150 Jahre in den kapitalistischen Industriegesellschaften ein immer größeres ökonomisches Gewicht bekommen. Im ausgehenden 20. Jh. erreichten die Ausgaben für „Gesundheit“ in diesen Ländern einen Anteil von 10-15 % des Bruttosozialproduktes – ein gesundes Geschäft für die einschlägige Industrie. Kein Wunder, dass die „Gesundheits“industrie auf die endgültige Zurichtung des Medizinsektors im Sinne der „freien Marktwirtschaft“ drängt.
Die Anzeichen dafür sind nicht zu übersehen:
Leistungseinschränkungen im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung, Zuzahlungen und die Propagierung von privater Zusatzversicherung. In den unterentwickelt gehaltenen Ländern der Peripherie findet sich demgegenüber eine absolute Unterversorgung selbst bei den banalsten Gesundheitsproblemen mit der Folge des Massensterbens an verhinder- und behandelbaren Krankheiten wie z.B. Tuberkulose, Magen-Darm-Infektionen und Aids.
Dass es den Akteuren auf dem „Gesundheitsmarkt“ nicht um Gesundheit, sondern um Profit geht, ist offensichtlich.
Was ist Gesundheit?
Die WHO definiert sie als den „Zustand körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“. Nimmt man diese Begriffsbestimmung als Ausgangspunkt, so muss man feststellen, dass es sich bei den derzeit existierenden sog. Gesundheitssystemen und der hinzu gehörigen Gesundheitspolitik um etwas ganz Anderes handelt. Sogar bürgerliche Wissenschaftler sprechen deshalb auch nicht von Gesundheits- sondern von Krankenbehandlungssystem.
Dies spiegelt sich in der Ausgabenverteilung der gesetzlichen Krankenversicherung wider:
Über 90 % der Ausgaben werden für die Erkennung und Behandlung bestehender Krankheitszustände verwendet, der Anteil, der für Prävention und Gesundheitsförderung aufgewendet wird, ist verschwindend gering, d.h. geringer als die Verwaltungskosten.
In unseren Gesellschaften werden Gesundheit und Krankheit als individuelles Problem begriffen und die sozialen Ursachen von Gesundheit und Krankheit weitgehend ausgeblendet.
Paradox ist dabei, dass alle zur Verfügung stehenden Daten zeigen, dass die entscheidenden Durchbrüche im Bereich der Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustandes der Bevölkerung in den letzten 150 Jahren nicht in erster Linie auf den Fortschritten der individuellen Krankenbehandlung, sondern auf der Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände (Wohn- und Ernährungssituation) beruhen.
Diese Feststellungen sind übrigens auch unter bürgerlichen Gesundheitswissenschaftlern unbestritten.
Eine Gesundheitspolitik, die diesen Namen verdient, muss deshalb folgerichtig in erster Linie auf die sozialen Ursachen von Gesundheit und Krankheit im weitersten Sinne abstellen und darf sich nicht darauf beschränken, z.B. ausschließlich den freien und gleichen Zugang zu dem bestehenden Versorgungssystem zu fordern. Was wir brauchen, ist nicht eine „Demokratisierung“ des bestehenden Medizinsystems, sondern eine Gesundheitspolitik, die sich als Gesellschaftspolitik begreift.
Die Profitmaschine
Mit über 10 % des Bruttosozialproduktes, also ca. 250 Mrd. Euro Umsatz, ist in der BRD der medizinisch-industrielle Komplex ein gewichtiger ökonomischer Faktor. Mehr als 4 Mio. Beschäftigte arbeiten in diesem Bereich, davon über l,1 Mio. in den Krankenhäusern. Es geht also um einen riesigen Markt, auf dem Ärzte, Apotheker, Pharma- und Geräteindustrie, gesetzliche und private Krankenversicherungen und Privatinvestoren um ihren Anteil an dem großen Kuchen konkurrieren. Dabei haben es die Leistungsanbieter, allen voran die Ärzte, bisher geschafft, den Eindruck zu erwecken, dass ihre „segensreiche“ Tätigkeit zu einer ständigen Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung geführt habe. Dass z.B. eine amerikanische Studie des Institute of Medicine der National Academy of Science in Washington zu dem Ergebnis kommt, dass nur etwa 4 % der medizinischen Dienstleistungen dem Anspruch an Wissenschaftlichkeit genügen, während es für 51 %überhaupt keinen wissenschaftlichen Nachweis gibt, wird verschwiegen.
Im Prinzip fließen die verfügbaren Mittel deshalb auch nicht in die Bereiche, in denen sie gesundheitspolitisch am sinnvollsten verwendet würden, sondern dahin, wo die höchsten Profite zu erwarten sind. Heute konsumieren 15 % der Weltbevölkerung (Nordamerika, EU und Japan) 81 %der verkauften Medikamente. Osteuropa, Asien und Afrika konsumieren einen Anteil von 11 %. 97 % der insgesamt 17 Mio. Menschen, die an Infektionskrankheiten jährlich versterben, leben in sogenannten Entwicklungsländern. Die Pharmaindustrie hat konsequenterweise die Produktion vieler Medikamente eingestellt, z.B. gegen Tropenkrankheiten, weil mit ihnen aufgrund der Armut der Betroffenen kein Geschäft zu machen ist. Entsprechend wurde auch die Forschung auf diesem Gebiet zurückgefahren oder eingestellt. Dafür darf die Bevölkerung dieser Länder als Testobjekt für neuentwickelte Präparate für die Industrieländer herhalten – Indien ist z.B. der größte Testmarkt für Medikamente.
Die explosionsartige Entwicklung des medizinisch-industriellen Komplexes ist nur zu verstehen, wenn man sich ein wenig mit der Geschichte und den ökonomischen Grundlagen unseres Medizinsystems befasst.
Rückblick
Die rasante Entwicklung der Industriegesellschaft im 19. Jh. führte zur zunehmenden Verstädterung mit der Folge der Entwurzelung großer Massen der Bevölkerung und des Zusammenbruches gewachsener sozialer und familiärer Netzwerke. Die zunehmend komplizierter und störungsanfälliger werdende Binnenorganisation der aufstrebenden kapitalistischen Gesellschaft erforderte Mechanismen zur Kontrolle der drohenden Gefahren durch die gesundheitlichen Folgen der Vermassung (wie Seuchen und Mangelerkrankungen) sowie durch die politischen Gefahren (zyklische Krisenerscheinungen wie Arbeitslosigkeit und Verelendung). Gleichzeitig brachte die rasante Entwicklung der Naturwissenschaften die Grundlage für ein rationales Verständnis körperlicher Krankheitszustände und damit auch für entsprechende Behandlungsmaßnahmen.
Durch staatliche Eingriffe (Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung), die die vorher bereits existierenden Selbsthilfevereinigungen (Hilfs- und Sterbekassen, Gesellenvereine) gesetzlich reglementierten, wurde versucht, der gesundheitlichen Folgen der industriellen Entwicklung Herr zu werden. In den unterschiedlichen Industriestaaten nahmen diese staatlichen Eingriffe unterschiedliche Formen an. In Deutschland bildet die Reichsversicherungsordnung (RVO) von 1884 bis heute die Grundlage für die Risikoabsicherung im Krankheitsfall. Nachdem die RVO in ihren Grundzügen (Versicherungspflicht, Solidarprinzip, Sachleistungsprinzip) über fast hundert Jahre unangetastet geblieben war, wurde sie in den letzten 20 Jahren zunehmend ausgehöhlt.
Die Gründe dafür, dass das bisherige kollektive System der Risikoabsicherung im Krankheitsfall zunehmend zerstört wird, liegen nicht, wie unsere Politiker und Ökonomen glauben machen wollen, in der sogenannten Kostenexplosion. So ist bekannt, dass das am wenigsten solidarisch verfasste Medizinsystem, nämlich das der USA, gleichzeitig das teuerste ist.
Wa(h)re Medizin
Lange Zeit war der Bereich der Medizin noch stark von Gebrauchswertproduktion bestimmt. Aber mit der Ausdehnung der kapitalistischen Warengesellschaft kam es im 20. Jahrhundert auch zur zunehmenden Ausprägung von Warenproduktion und Warenbeziehungen im Medizinsektor. Dieser Sektor ist zwar dem Reproduktionsbereich zuzuordnen und zunächst unproduktiv: „Wenn durch die Teilung der Arbeit eine Funktion, die an und für sich unproduktiv, aber ein notwendiges Moment der Reproduktion ist, aus der Nebenverrichtung vieler in die ausschließliche Verrichtung weniger verwandelt wird, in ihr besonderes Geschäft, so verwandelt sich nicht der Charakter der Funktion selbst“ (Karl Marx); jedoch versteht die bewusstlose Logik des Kapitals es durchaus, sich den Reproduktionssektor, der primär nicht Mehrwert produzierend ist, nutzbar zu machen. „Die Logik des Kapitals geht also darauf aus, brachliegendes Kapital in Dienstleistungskapital umzusetzen und gleichzeitig Dienstleistungskapital durch produktives Kapital, d.h., Dienstleistungen durch Waren zu ersetzen.“ (Ernest Mandel)
In diesen beiden Sätzen liegt der ökonomietheoretische Schlüssel für die derzeitige rasante Entwicklung des Medizinsystems. Das Eindringen der Warenproduktion in diesen Bereich (Großtechnik, Einmalmaterial, EDV, „Cybermedizin“, Gentechnik) setzte allerdings eine gewisse Größe des entsprechenden „Marktes“ voraus. Erst dies machte die industrielle Massenproduktion von medizinischen Verbrauchsgütern lukrativ. Insofern war die Entwicklung der geschilderten sozialen Sicherungssysteme mit dem Aufbau eines umfassenden Medizinwesens die Voraussetzung für das ungehemmte Eindringen der Warenproduktion in diesen Sektor. Die inzwischen eingetretene teilweise Verselbständigung des „medizinisch-industriellen Komplexes“ resultiert zum einen aus dem Umfang, den dieser Komplex seitdem angenommen hat und zum anderen aus der Tendenz des Kapitals, nach Investitionsbereichen mit hohen Profitmargen zu suchen.
Und Umfang und Profitraten in diesem Komplex sind tatsächlich enorm. In den entwickelten Industriestaaten beträgt der Anteil der gesamten „Gesundheits“ausgaben am Bruttosozialprodukt wie gesagt inzwischen zwischen 10 und 15 %. Im Pharma-/Gentechnik-/Gerätebereich wird mit Profitraten zwischen 10 und 30 % gerechnet.
Der Ökonom Ernest Mandel hat die inzwischen eingetretene Entwicklung bereits 1972 treffend charakterisiert: „Als nächsten Alptraum empfehlen wir die Vorstellung des massenhaften Eindringens von Warenverhältnissen in die Medizin- und Chirurgiesphäre … mit Kauf und Verkauf von Körperteilen und Organen, komplett mit Konkurrenz, Profitmaximierung, Vermittlungs-, Versand-, Aufbewahrungs-, Kredit- und Reparaturdiensten“.
So ist die in den letzten Jahren zu beobachtende Tendenz, medizinische Versorgung als Dienstleistung zunehmend durch den Einsatz technischer Konstrukte (computerassistierte Operationen, automatisierte Diagnostik- und Behandlungsabläufe, Ersatzteilchirurgie etc.) zu ersetzen, nicht, wie uns die Protagonisten dieser Entwicklung weismachen wollen, durch die dadurch zu erreichende höhere medizinische Qualität bedingt. In Teilbereichen kann dies bereits jetzt als widerlegt gelten. Der Hauptgrund ist tatsächlich das Eindringen des Warenprinzips in den Dienstleistungsbereich „medizinische Versorgung“.
Dem Staat als ideellem Gesamtkapitalisten fällt dabei die Rolle zu, zwischen den widerstreitenden Interessen zu vermitteln – so erklärt sich der Spagat, den die staatlichen „Gesundheitspolitiker“ sowohl in der BRD wie auch in anderen westlichen Industriestaaten präsentieren, wenn sie einerseits eine allgemeine Grundabsicherung zur Abfederung der Folgen ihrer gesundheitsfeindlichen Gesellschaftspolitik beibehalten, andererseits über die Propagierung „privater“ Absicherung der Industrie neue und lukrative Felder für Profite in diesem Bereich eröffnen wollen.
Die Diskussion darum, ob der „Gesundheitssektor“ in den entwickelten Industriegesellschaften „zu teuer“ sei, geht deshalb weitgehend am eigentlichen Problem vorbei. In Wahrheit dreht es sich darum, dass mit dem Kostenargument und der gleichzeitig initiierten Debatte um „Eigenverantwortung“ der Weg geebnet werden soll zur Zurichtung dieses höchst profitablen Sektors als „ganz normalen“ Gesundheitsmarkt, auf dem die entsprechenden Leistungen als gewöhnliche Ware vertrieben und der Zugang hierzu einzig und allein durch die finanzielle Potenz der „Kunden“ gesteuert wird.
Dahinter steckt zum einen der Druck der „marktradikalen“ Anbieter, zum anderen der jener Kapitalfraktionen, die durch die Auslagerung ihrer externen Kosten auf die bisher Solidarversicherten die Mitfinanzierung der Profite der ersteren möglichst vermeiden wollen.
Dabei geht es um die sog. „Lohnnebenkosten“. Der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, sagte es am 11.9.2000 in einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung ganz offen: „Für die Krankenversicherung ist, wie bei der Rente, eine Zweiteilung der Versorgung mein Ziel. Gesetzlich abgesichert wird nur noch die Basisversorgung, darüberhinausgehend muss individuell versichert werden, wobei der Versicherungsnehmer die Kosten selbst zu tragen hat.“
Gesellschaftspolitisch ist genau dies der wichtigste Hebel für die weitere marktwirtschaftliche Zurichtung des „Gesundheitssektors“, denn die Ideologie von den Lohnnebenkosten reicht weit bis in die Reihen der Beschäftigten. Für diese Verwirrung sind letztlich auch die Gewerkschaftsvorstände mitverantwortlich, wenn sie der Absenkung der Lohnnebenkosten das Wort reden.
Gesundheitspolitik ist Gesellschaftspolitik
Gesundheit im Sinne der WHO ist ein Gut, das jedem Menschen ungeachtet des Geschlechts, der Hautfarbe, der ökonomischen Lage gleichermaßen zusteht. Gesundheitspolitik ist in erster Linie Gesellschaftspolitik. Gesundheitsförderliche Lebens-, Wohn- und Arbeitsbedingungen sind die Grundvoraussetzung für die Wiedererlangung und die Erhaltung von Gesundheit. Ein Gesundheitsprogramm, das diesen Namen verdienen soll, muss deshalb an erste Stelle gesellschaftspolitische Maßnahmen setzen, die eine gesundheitsförderlich Umwelt im weitesten Sinne zum Ziel haben. Erst an zweiter Stelle steht – wie eingangs begründet – die Schaffung eines für alle zugänglichen, rational geplanten Systems von Krankenbehandlungseinrichtungen, die sich mit den Krankheitsproblemen des Individuums beschäftigen.
Deshalb ist zu fordern, dass grundsätzlich alle Infrastrukturmaßnahmen, seien es beispielsweise die Verkehrsplanung, die Planung von Ansiedlungsprojekten oder von Industrieanlagen, als erstes auf ihre Gesundheitsverträglichkeit überprüft werden müssen. Dabei spielt die Zurückdrängung des Stress-, Lärm- und Umweltbelastung verursachenden – Individualverkehrs eine mindestens ebenso große Rolle wie die gesundheitsverträgliche Gestaltung von Produktionsanlagen und Wohngebieten.
Gleiches gilt für die Lebensbedingungen am Arbeitsplatz. Stress, Überstunden, Schicht- und Nachtarbeit sind mitverantwortlich für den Killer Nr. 1 in den Todesstatistiken, die Herz- und Kreislauferkrankungen. Verbot von Schicht- und Nachtarbeit beispielsweise als Sofortforderung ist eine erheblich wirksamere Gesundheitsmaßnahme als die kostenlose Abgabe von Medikamenten, die die dadurch verursachten Probleme lindem sollen. Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, Verteilung der Arbeit auf alle Hände durch entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit sind keine „Arbeiterschutzforderungen“, sondern in diesem Sinne Forderungen an eine rationale Gesundheitspolitik.
Darüber hinaus ist zu fordern, dass sämtliche Industrieprodukte, insbesondere Nahrungsmittel, auf ihren gesundheitlichen Nutzen, respektive ihre Schädlichkeit überprüft werden müssen. Als Sofortforderung wäre das Verbot der Werbung für alle gesundheitlich schädlichen Produkte wie z.B. alkoholische Getränke, Tabakwaren, Süßigkeiten zwingend. Als nächstes wäre zu fordern das Produktionsverbot für gesundheitsschädliche Produkte.
Generell gilt: Krankheitsvermeidung durch entsprechende gesellschaftspolitische Maßnahmen ist erheblich effektiver als sämtliche Maßnahmen der Früherkennung und der Behandlung existierender Krankheiten. Es geht dabei sozusagen darum, die kapitalistische „Gesundheitspolitik“, die darauf gerichtet ist, das Kind erst in den Brunnen fallen zu lassen und es dann mit einem riesigen Kostenaufwand halb ertrunken wieder zu Tage zu fördern, vom Kopf auf die Füße zu stellen.
Alle genannten gesundheitspolitischen Vorhaben können allerdings nur dann erfolgreich sein, wenn sie nicht administrativ „von oben“ verordnet, sondern kollektiv von den Betroffenen in demokratischen Entscheidungsprozessen auf lokaler und regionaler Ebene diskutiert, geplant, beschlossen und durchgeführt werden. Eine der wichtigsten Voraussetzungen hierfür ist eine intensive Bildungsarbeit auf dem Gebiet der Gesundheitserziehung, die sich im Gegensatz zum jetzigen „Mainstream“ nicht auf die Propagierung der individuellen Verantwortung für die eigene Gesundheit wie zum Beispiel in der derzeitigen „Wellness“-Mode beschränken, sondern gleichgewichtig auf die kollektive gesellschaftliche Verantwortung für die eigene und die Gesundheit anderer abheben muss.
Natürlich ist es illusionär zu meinen, dass über eine Umsteuerung der Gesundheitspolitik im obengenannten Sinne der gesamte medizinische Komplex überflüssig zu machen wäre: Eine Treppe hinunterfallen, mit einer Behinderung geboren werden, eine Infektion erleiden, all dies wird auch eine gesundheitsförderlich organisierte, egalitäre Gesellschaft nicht aus der Welt schaffen können.
Aber das heutige System der Krankenversorgung in Deutschland ist ineffektiv, falsch dimensioniert und geprägt von privatem Gewinnstreben der Agierenden. Die Ärzte, die im 19. und 20. Jahrhundert die Deutungsmacht in diesem Sektor fast vollständig okkupiert haben, sind öffentlicher Kontrolle weitgehend entzogen, obwohl es sich um ein öffentlich, d.h. kollektiv finanziertes System handelt. Über den Mechanismus der sogenannten Selbstverwaltung bestimmt die Ärztekaste weitgehend selbst über Aus- und Weiterbildung (Ärztekammern als Institute öffentlichen Rechts) und über Mittelverteilung (Kassenärztliche Vereinigungen, „Sicherstellungsauftrag“). Darüber hinaus bestimmt der Ärztestand auch noch weitestgehend die Ausbildung und das Selbstverständnis der sogenannten „medizinischen Hilfsberufe“. Auf diese Weise ist der gesamte Gesundheitsbereich der demokratischen Kontrolle in großem Maße entzogen und dies wird durch die derzeit stattfindende marktwirtschaftliche Zurichtung des Gesundheitssektors noch verschlimmert. Wie die Beispiele der Entwicklung der Transplantationsmedizin und der Gentechnik zeigen, führt das Prinzip Marktwirtschaft und „Freiheit der (medizinischen) Wissenschaft“ dazu, dass elitäre, für die Masse der Bevölkerung auf Sicht weder nützliche noch erhältliche Gesundheitsleistungen mit öffentlichen Mitteln finanziert und dann für eine kleine vermögende Minderheit nutzbar gemacht werden.
Was wir wollen
Die irrationale, nur historisch zu erklärende Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung führt zu medizinisch kontraproduktiven und für die Patientlnnen gefährlichen Reibungsverlusten wie auch zu ökonomischer Verschwendung.
Die Deutungs- und Bestimmungsmacht muss deswegen denen übergeben werden, die das System finanzieren. Dazu ist notwendig die Beseitigung der öffentlich-rechtlichen (übrigens in dieser extremen Ausprägung teilweise aus dem Dritten Reich stammenden) Verfasstheit des Ärztestandes, Abschaffung der Kassenärztlichen Vereinigungen und die Aufhebung der Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung.
Der gesamte medizinisch-industrielle Komplex, der sich aus kollektiven Mitteln speist, seine Profite aber privatisiert, muss aus der Profitsphäre herausgenommen und in öffentliches Eigentum überführt werden. Nur damit kann verhindert werden, dass die Investitionsmittel, statt im Sinne einer rational geplanten Gesundheitspolitik verwendet zu werden, in die Bereiche mit den größten Gewinnaussichten fließen – derzeit die Gentechnik und z.B. auch die kosmetische Chirurgie, während z. B. der Bereich der Versorgung von chronisch Kranken zurückbleibt und allenfalls noch als willkommener Pool für Medikamententestungen betrachtet wird – wie in der europäischen Übereinkunft zur Forschung an sogenannten „nichteinwilligungsfähigen Personen“ nachzulesen.
Statt des bisherigen Systems von Einzelpraxen und davon getrennten Krankenhäusern soll ein Netz von Ambulatorien geschaffen werden, in denen Kollektive von gleichberechtigt zusammenarbeitenden Gesundheitsarbeiterlnnen die ambulante Krankenbehandlung ebenso sicherstellen, wie den örtlichen und regionalen Körperschaften als Beraterlnnen in allen gesundheitlichen Fragestellungen im gesellschaftspolitischen Sinne dienen. Ein nach Bedarfsgesichtspunkten geplantes Netz von Einrichtungen zur stationären Versorgung ist davon nicht getrennt, sondern nimmt die gleichen Aufgaben wahr. Es findet eine regelmäßige personelle Rotation zur Erweiterung des Gesichtskreises und zur kontinuierlichen Weiterbildung statt. Die Beschäftigten sind ausschließlich den Bürgern ihres Einzugsbereiches verantwortlich und rechenschaftspflichtig und sind durch die gewählten lokalen und regionalen Körperschaften jederzeit abwählbar.
Dementsprechend wird die Finanzierung eines solchen Systems auch nicht über das bisherige System der Krankenversicherung zu realisieren sein. Als Übergangsforderungen wäre gleichgewichtig die Entprivatisierung der medizinischen Industrie, die Abschaffung der Versicherungshöchstgrenze und die Überführung der zersplitterten Einzelversicherungen in eine allgemeine Krankenversicherung zu fordern, die allerdings nicht als ein bürokratischer Koloss zentralisiert verwaltet, sondern in lokale und regionale Körperschaften aufgegliedert und direkt und zu 100 %von den Mitgliedern verwaltet wird. Diese Versicherung – bezahlt zu 100 %vom „Arbeitgeber“ – steuert dann über Auftragsvergabe die Forschungs- und Produktionsaktivitäten der Medizinindustrie und die Forschungsaktivitäten der entsprechenden, z.B. universitären, Institute.
Ein solches System wäre in jedem Fall effektiver, billiger und sicherer für die Kranken und es würde eine wirklich gleiche, allgemeine und umfassende Absicherung gegen Krankheitsrisiken gewährleisten, auch und insbesondere für die Gruppen, die im heutigen System offensichtlich benachteiligt werden: Alte, chronisch Kranke, ausländische Mitbürgerlnnen.
Gesundheit ohne Grenzen
Angesichts der extremen Ungleichheit zwischen den kapitalistischen Industriestaaten und den Ländern der Peripherie kann Gesundheitspolitik nicht an den nationalen Grenzen halt machen. Als Sofortforderung zur Behebung der dringendsten Gesundheitsprobleme ist der freie Technologietransfer durch Streichung der Patentrechte auf Medikamente und Medizintechnik zu nennen. Bis zum Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur in den unterversorgten Regionen muss die Krankenversorgung durch die entwickelten Länder mit sichergestellt werden.
Entwurf Michael Weis,
als Erklärung des RSB angenommen vom Politischen Komitee des RSB, 23.3.2002