Bekanntlich schrieb Karl Marx seine Dissertation über den Unterschied der demokritischen und der epikuräischen Naturphilosophie. Bloß, von beiden vorsokratischen Philosophen sind nur Fragmente überliefert. Was Epikur betrifft, stützte sich Marx vor allem auf den Römer Titus Lucretius Carus, konventionell bei uns genannt Lukrez. Der schrieb ein umfangreiches Poem „Über die Natur der Dinge“, in Hexametern. In diesem Versmaß wurde es auch schon öfter ins Deutsche übertragen. Doch wenig war damit gewonnen. Die arg gekünstelte Form verbrämte den Inhalt.
Die Wende kam im Jahr 2014. Ich schäme mich fast, in unserer kurzatmigen Zeit, in der irgendwelche elektronisch vermittelten Schnipsel von bestenfalls gestern für wahr gelten, von einer Buchveröffentlichung von vor elf Jahren zu sprechen. In diesem Jahr erschien eine ausgiebig und klug kommentierte neue Übertragung des Textes ins Deutsche von Klaus Binder, die in poetischer Prosa genug vom künstlerischen Elan des Lukrez übermittelt. Meine geliebte Stiefmutter fand das Buch im Nachlass meines mit 93 Jahren verstorbenen Vaters und schickte es mir.
Ein wunderbares Weihnachtsgeschenk, denn das konnte ich lesen. Großes Latinum hin oder her, auch mit dem Kleinen Stohwasser und einer lateinischen Grammatik zur Hand (wegen der Endungen) hätte ich kaum die Hälfte des Textes verstehen können. Von Lukrez selbst gibt es kaum verlässliche Informationen. Anscheinend lebte er so von 97 bis 55 vor unserer Zeitrechnung. Sicherlich war er einer, der gegen den Stachel löckte. Er opponierte gegen alle Vorstellungen von Jenseitigkeit und ließ den Göttern nur einen Raum, von dem aus sie keine Bedeutung für uns Menschen haben.
Vielleicht aber mit einer Ausnahme: Sein Poem beginnt mit einer Anrufung der Venus als einer Allegorie der universalen Liebe. Seine Kosmogonie besteht aus kleinsten atomaren Einheiten und Leere. Diese kleinsten Teilchen sind unzerstörbar, und sie fallen. Dazu kennen sie auch Seitwärtsbewegungen. Ihre Zusammenstöße schaffen größere und komplexere Entitäten, die ihrerseits aber vergänglich sind. Die intime Verbindung der kleinsten „Minima“ erscheint bei ihm als Auswirkung einer Art von universaler Liebe.
Philosophische Spekulation jenseits moderner naturwissenschaftlicher Vorstellungen und Experimente lässt so eine Welt entstehen, die unvergänglich ist, in der aber alles, was über die Urelemente hinausgeht, vergehen muss. So auch wir. Lukrez unterscheidet Leib, Seele und Geist. Alle drei sind miteinander untrennbar verbunden. Daher sterben Seele und Geist mit dem Leib. Bloß störte das Lukrez nicht. Seine Argumente für diese Sichtweise kannte ich von Aufklärern des 18. und 19. Jahrhunderts, und vor allem von Feuerbach. Auch von Nietzsche: zu Anfang seines großen Gedichts lässt er seinen Zarathustra dem mit zerschmetterten Knochen darniederliegenden Seiltänzer sagen, er habe nun nichts mehr zu befürchten.
Dieser Trost wie auch Feuerbachs Verspottung des Wunschs nach Unsterblichkeit (die nur endlose abgeschmackte Öde sein könne, denn das Salz der Existenz sei eben die Endlichkeit) findet sich schon bei Lukrez. So fragt er, was denn die Äonen vor unserer Geburt von denen nach unserem Tod unterscheidet und findet die Antwort: nichts. Die Verzweiflung daran, nicht mehr zu sein, erfordert ein leidensfähiges Gemüt, doch eben das vergeht mit uns. Nur selten oder eher nie haben sich Gestorbene darüber beklagt nicht mehr zu sein.
Putin und Xi Jinping unterhielten sich dem Vernehmen nach auf einem roten Teppich darüber, wie dem Tod ein Schnippchen geschlagen werden könne. Immerhin gebe es doch Organe, die man sich immer wieder einsetzen lassen könnte, um so den Verfall unabsehbare Zeit hinauszuzögern. Außerdem gebe es ja auch Verjüngungstherapien. Das sind Zeichen des kulturellen Verfalls. Schon Tolkien schrieb über Könige von Verfallszeiten, die alle ihre Ressourcen und Kräfte in die Gestaltung ihrer Grabstätten investierten. Bloß verkürzte sich dabei ihre Lebenszeit immer mehr.
Im Sinne des Epikur und des Lukrez kommt alles darauf an, was wir aus unserem Leben machen, solange es uns noch gibt. Das ist das berühmte Streben nach Lust. Mehr ist für uns nicht zu haben. Ein Streben, wegen dem schon Epikur als „Schwein“ verschrien worden war. Natürlich zu Unrecht, alleine schon, weil Schweine uns sehr nahestehende Tiere sind: Leidensfähig und klug. Aber auch, weil Epikur und Lukrez darum wussten, wie sehr die Lust verbunden ist mit der Vermeidung von Leiden – mit einer besonnenen und mäßigen Lebensweise.
Der Clou dieser materialistischen Auffassungen liegt aber meiner Meinung nach in der Revolte gegen das Leiden, vor allem, wenn es menschengemacht und darum vermeidbar wäre. Das ist das letztendlich entscheidende Motiv für revolutionäre Praxis: Alle Verhältnisse umzustürzen, die Menschen drangsalieren, schon als Neugeborene verhungern lassen, zur Hoffnungslosigkeit verdammen, knechten, quälen und ihrer Würde berauben. Kein Jenseits entschädigt für die Entmenschlichung im Diesseits.