TEILEN
Ukraine - Der Druck der Strasse:

Chef des Generalstabs der Armee durch Massenmobilisierung rausgeworfen

Von Daniel Tanuro | 29.07.2026

Kennt ihr viele Völker, die dafür auf die Straße gehen, damit der Chef des Generalstabs der Armee abgesetzt wird?

Im vergangenen Jahr hat eine spontane Massenbewegung des ukrainischen Volkes die Regierung Selenskyj gezwungen, ihr Vorhaben aufzugeben, die unabhängigen Organe zur Korruptionsbekämpfung unter ihre Kontrolle zu stellen.

Knapp zwölf Monate später wiederholt sich das Ganze. Eine ebenso spontane und noch massivere Bewegung zwingt Selenskyj, seinen Generalstabschef, General Syrskyj, zu entlassen [was am 21. Juli geschehen ist, Anm. d. Übers.]. Nach neuesten Meldungen gehen die Demonstrationen weiter, um die Wiedereinsetzung von Mychajlo Fedorow als Verteidigungsminister zu fordern … nachdem Selenskyj ihn wenige Tage zuvor [am 16. Juli, A.d.Ü.] entlassen hatte.

Die Informationen darüber, was an der Spitze vor sich geht, sind natürlich mit Vorsicht zu genießen. Aber eines scheint unbestreitbar: Trotz des Krieges und der russischen Bombardements auf zivile Ziele – oder vielleicht gerade deswegen – verstärkt das ukrainische Volk an der Basis ständig seine Forderungen nach Transparenz, Demokratie und Kontrolle über die Führung des Landes. Für welche Ukraine kämpfen wir? Diese Frage ist der rote Faden, der alle Volksbewegungen verbindet.

Von daher ist der Kontrast zwischen der ukrainischen Gesellschaft, die sich immer mehr in diese Richtung entwickelt, auf der einen Seite, und der russischen Gesellschaft, die angesichts des neofaschistischen Despotismus der Putin-Oligarchen zunehmend atomisiert, entpolitisiert und resigniert zu sein scheint, auf der anderen Seite wirklich frappierend.

Diesen Kontrast nimmt der größte Teil der weltweiten Linken, insbesondere der westlichen, gar nicht wahr. Sie versteht nichts von dem, was sich vor ihren Augen abspielt. Anstatt die Situation anhand konkreter Aspekte wie gesellschaftlicher Verhältnisse, kolonialer Herrschaft und des Rechts auf Selbstbestimmung zu beurteilen, bewertet sie diese anhand abstrakter Begriffe wie Krieg und Frieden. Oder schlimmer noch: in Begriffen von Blöcken, als ob das ukrainische Volk („Ukronazis“, wie die Borniertesten sagen) nur das Instrument einer imperialistischen (also westlichen) Aggression wäre und als ob Russland Teil eines „antiimperialistischen Lagers“ wäre, dessen Sieg man sich wünschen müsste!

Die jüngsten Ereignisse zeigen einmal mehr, wenn auch noch deutlicher, dass diese Sichtweise völlig unangemessen ist. In welchem anderen Land der Welt gehen gewöhnliche Bürger und Bürgerinnen frei auf die Straße, ohne dass sie von der Polizei unterdrückt werden, um einen Generalstabschef zu stürzen, der als Schlächter gilt und im Verdacht steht, Korruption bei der Lieferung von Verteidigungswaffen zu vertuschen und Einfluss auf die Ernennung eines Ministers zu nehmen? Man muss sich nur eine ähnliche Bewegung in Russland gegen Gerassimow oder in den USA gegen Hegseth – zwei finstere Kriegsverbrecher – vorstellen, um zu verstehen, dass das, was in der Ukraine geschieht, außergewöhnlich ist.

Was dort tatsächlich geschieht, geht weit über die Konfrontation zwischen dem nach sowjetischem Vorbild ausgebildeten Syrsky, einem Alten, und dem mit Musk befreundeten „Geek“ Fedorow, einem Jungen, hinaus. Was hier geschieht, ist ein Prozess eines zugleich demokratischer und sozialen Kampfs für nationale Selbstbestimmung. Inmitten ungeahnter Schwierigkeiten und Leiden ist dieser Prozess seit der Auflösung der UdSSR stetig umfangreicher geworden.

Für jede und jeden, die bzw. der die Klassiker:innen des Marxismus über die Kämpfe unterdrückter Völker gelesen hat, birgt die Vertiefung dieses Prozesses der Selbstbestimmung die Hoffnung auf eine soziale Revolution in sich. Er ist diese Hoffnung. Eine zerbrechliche Hoffnung zwar, eine noch in den Kinderschuhen steckende Hoffnung, voller Widersprüche, ständig von Vereinnahmung bedroht – wie jede tiefgreifende Volksbewegung. Diese Hoffnung müsste enorme Hindernisse überwinden, damit sie einen Sieg davontragen kann. Aber sie ist unendlich wertvoll, so selten ist sie in der heutigen Welt. Das Martyrium des palästinensischen Volkes, das von dem Völkermörder Netanjahu und seinen Komplizen ungestraft unterdrückt wird, erinnert uns leider Tag für Tag daran.

Solidarität mit dem ukrainischen Volk!

Solidarität mit allen unterdrückten Völkern!

Diesen Kommentar hat Daniel Tanuro am 24. Juli 2026 auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Aus dem Französischen übersetzt von Wilfried; alle Hyperlinks sind von dem Übersetzer hinzugefügt worden. Auf Englisch ist er auf der Webseite von Anti*Capitalist Resistance veröffentlicht worden.

Weitere Artikel zum Thema:
Vitali Dudin: „The dismissal of Fedorov is not the main issue. The future of Ukraine is“ (18. Juli)
Adam Novak: „Ukraine: The Streets Are Asking Questions the Leaders Cannot Answer“ (18. Juli)
Adam Novak: „After the Protests: Power, Capital, and Ukraine’s Defence Economy“ (24. Juli)

Artikel teilen
Kommentare auf Facebook
Zur Startseite