Der Verlauf war für jeden und jede klar, der oder die aufmerksam war und aus Donald Trumps leeren Drohungen von wegen „harte Sanktionen zur Zerstörung der russischen Wirtschaft“, ganz zu schweigen von 500 Prozent Zöllen auf russisches Öl, wenn es nicht zu einem „sofortigen Waffenstillstand“ im Ukraine-Krieg käme, den Lärm herauszufiltern verstand.
Als Trump bei dem Gipfeltreffen in München-in-Anchorage Wladimir Putin traf, stand Verrat der Ukraine auf der Tagesordnung. Dies war seit dem Moment des Trump-Vance-Überfalls auf Präsident Selenskyj bei ihrem berüchtigten Treffen im Weißen Haus im Februar beschlossene Sache, wenn nicht sogar schon früher.
Trump war zusammen mit dem christlich-nationalistischen rechtsextremen Flügels des MAGA-Kults immer der Ansicht, dass der Krieg von Anfang an die Schuld der Ukraine war und dass ihre einzige Option darin besteht, sich zu den Bedingungen zu ergeben, die Russlands überlegene Macht ihr abverlangt.
Also flog Trump nach Alaska und schwafelte von einem Waffenstillstand, während Putin mit dem Vorschlag ankam, eine „dauerhafte Lösung, die die Ursachen des Konflikts angeht,“ auszuarbeiten. Das klingt staatsmännisch, bis auf die Kleinigkeit, dass für Putins Russland die grundlegende „Ursache“ die Existenz der Ukraine als ein unabhängiges Land ist, das in der Lage ist, seinen eigenen Kurs zu bestimmen und sich zu verteidigen.
Diese unabhängige Ukraine muss beseitigt werden, angefangen mit der Amputation eines Fünftels ihres Territoriums bis hin zur Errichtung eines Vasallenregimes. Das ist Moskaus „umfassender Frieden“ – und Trump hat natürlich wie der Mann mit einer großen Klappe und nichts dahinter, was er ja ist, gekniffen, als er mit einer Situation konfrontiert wurde, die er nicht dominieren kann.
Als Bonus Putin riet ihm, so Trump, dass die Abschaffung von der Briefwahl notwendig ist, um „freie Wahlen“ zu garantieren – ein Bereich, in dem der russische Präsident auf Lebenszeit ein führender Experte ist.
Unterdessen sterben in Gaza jeden Tag Dutzende Menschen an Hunger – bald werden es mindestens Hunderte sein –, während für Israels Völkermord uneingeschränkt US-Waffen, die der Ukraine nicht zur Verfügung stehen, geliefert werden.
Rettung durch Europa?
Nach dem Debakel in Alaska sind europäische Staats- und Regierungschefs nach Washington geeilt, um den ukrainischen Präsidenten vor einer Wiederholung der Katastrophe vom Februar zu schützen. Sie kamen mit einer Mischung aus Schmeichelei, wie Trump sie braucht, Solidaritätsbekundungen mit Präsident Selenskyj und Phrasen von wegen „Sicherheitsgarantien“ für die Ukraine.
Was diese hypothetischen Zusagen bedeuten könnten, ist völlig unklar. Putin reagierte sofort mit 270 Drohnen und Raketen, die ukrainische Zivilist:innen und Energieinfrastruktur trafen. Wie The Economist online (18. August) erklärt:
„Was Russland nicht durch Kämpfe erreichen kann, verlangt es nun auf dem Silbertablett serviert zu bekommen, mit Hilfe des Drucks, den Donald Trump auf die Ukraine und die europäischen Verbündeten der USA ausüben kann. Ganz oben auf Wladimir Putins Wunschliste steht der westliche Teil der Provinz Donezk, der noch fest in ukrainischer Hand ist. Aber nicht nur die Symbolik ist für ihn wichtig. Der eigentliche Gewinn bestünde darin, die Ukraine zu zwingen, ihren strategisch wichtigen ,Festungsgürtelʻ aufzugeben, eine 50 km lange Linie, die vier Städte und mehrere Ortschaften umfasst und nicht nur Russlands Ziel, den gesamten Donbass zu erobern, sondern auch seiner Fähigkeit, andere Regionen zu bedrohen, im Weg steht.“
Für Trump offenkundig kein Problem. Aber wie kann er dann mit diesem Verrat davonkommen?
In Wahrheit ist das Schicksal der Ukraine – wie das von Palästina – für die strategischen Interessen des US-Imperialismus letztlich nicht von vorrangiger Bedeutung. Trumps Clownerie gegenüber einem gewieften Politiker wie Putin ist eine Blamage für die USA, aber nichts Fatales.
Was ist mit der russischen Bedrohung? Drei Jahre Krieg haben ihre relative Schwäche deutlich gezeigt. Wenn sie die Ukraine nicht überrennen konnte, kann sie erst recht keinen mittelgroßen Militärstaat wie Polen herausfordern. Was mit Donezk, Luhansk und dem Rest der Ostukraine geschieht, ist für dieses Land und die Region von enormer Bedeutung, aber nicht für Washington, solange keine Gefahr eines europaweiten Krieges besteht.
Seit der Vollinvasion Russlands im Jahr 2022 haben die Vereinigten Staaten, zunächst unter Biden und nun unter Trump, dem heroischen Widerstand der Ukraine Waffen und wichtige Geheimdienstinformationen zur Verfügung gestellt, um eine Niederlage der Ukraine zu verhindern, aber nicht, um den Krieg zu gewinnen (was auch eine endgültige Krise für das Putin-Regime bedeutet hätte).
Die größten Gefahren für die Ukraine und ihre Bevölkerung scheinen nun in der Erschöpfung und der demografischen Krise zu liegen, da die Bevölkerung von 52 Millionen zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1991 auf heute 39 Millionen stark zurückgegangen ist.
Für Trumps Familie und seine Kumpane scheint Putins Russland nun Möglichkeiten für Geschäfte und Bereicherung zu bieten – in weitaus größerem Umfang als seine vorausgegangene absurde Mar-a-Gaza-Resort-Fantasie.
Unterdessen hat der Völkermörder Netanjahu Trump das Geschenk der Nominierung für den Friedensnobelpreis überreicht. Die Chancen dafür stehen zwar schlecht (es sei denn, das Nobelkomitee lässt sich kaufen), aber vielleicht könnte zu Ehren des Präsidenten eine Sondermedaille „Neville Chamberlain Peace in Our Time“ geprägt werden.
Ein kleiner Trost bei dieser Episode besteht darin, dass Donald Trump mit all seiner Schikane gegenüber Menschen, die sich nicht wehren können, auf der Weltbühne als großspuriger Narr entlarvt wird, sobald er auch nur einen zweitklassigen Gegner hat. In gewissem Maße wird auch die „world leadership“ der USA geschwächt. Gut so; aber das ist nicht wert, dass die Ukraine auf dem Altar des Zynismus und der Opportunität geopfert wird.
19. August 2025
[Das Ukraine Solidarity Network (USA) sammelt Spenden für dringend benötigte medizinische Diagnosegeräte für Krankenschwestern an der Front.]
Der Artikel „Bloody Amputation: Trump’s ,Peaceʻ for Ukraine“ ist in der ZeitschriftAgainst the Current Nr. 238. September/Oktober 2025 abgedruckt worden.
David Finkel ist Gründungsmitglied der US-amerikanischen sozialistischen Organisation Solidarity, Redakteur von Against the Current und unter anderem bei „Jewish Voice for Peace“ aktiv.