Der Weltklimagipfel in Belém ist ausgegangen wie das Hornberger Schießen. Freilich, es war schon der dreißigste solche Gipfel, und der Ausstoß von Treibhausgasen, die Erwärmung der Erdatmosphäre und der Weltmeere sowie das Artensterben haben trotzdem immer weiter zugenommen. Es gab immer wieder vollmundige Absichtserklärungen, doch die hatten keine Folgen. Mit dem neuesten Gipfel ist wohl den Letzten endgültig klar geworden, dass von dieser Art von Veranstaltungen keinerlei wirksamer Klimaschutz ausgehen kann.
Die USA als einer der wüstesten Verursacher der Emission von Treibhausgasen und anderer Formen von Naturzerstörung waren nicht einmal anwesend. Trump erklärt ja den menschengemachten Klimawandel zum „größten Betrug der Geschichte“, entgegen aller weithin anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Erde befindet sich wie damals die Titanic auf Kollisionskurs mit einem riesigen Eisberg. Unzurechnungsfähige rechtsextremistische Schwurbler sind in einer wachsenden Zahl von Ländern an der Macht, darunter Trump an der Spitze der mit Abstand stärksten Militärmaschinerie der Welt. Ihnen zufolge sollten wir das alsbald sinkende Schiff auf seinem Kollisionskurs noch beschleunigen.
Doch unter den Anwesenden gab es keine Bereitschaft zur Formulierung verbindlicher Ziele zur Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen. Nicht einmal in der unzureichenden Form, in der das von den EU-Ländern und anderen Staaten vorgeschlagen wurde. Russland, China und erdölexportierende arabische und andere Staaten blockierten sogar dieses Minimum. Vorangegangene Gipfel hatten Maßnahmen zur Begrenzung der Erwärmung der Erdatmosphäre auf zwei oder besser anderthalb Grad für notwendig erklärt. Diese Latte ist schon gerissen. In der abschließenden Erklärung gibt es nichts Verbindliches, es wird auf „Freiwilligkeit“ gesetzt. Eine Lachnummer, wenn es nicht so traurig wäre.
Der Kommentar des Bundesumweltministers Carsten Schneider (SPD), der sich „ein bisschen enttäuscht“ vom Ergebnis des Gipfels sah, wird als Untertreibung des Jahrhunderts in die mutmaßlich nicht mehr allzu lange andauernde Geschichte der Menschheit eingehen. Unter dem Druck großer Protestbewegungen gab es Hoffnungen, dass dieser Gipfel zumindest einen Plan für den Ausstieg aus der klimaschädlichen Verbrennung von Kohle, Öl und Gas angehen könnte. Doch selbst die Einigung, einen solchen Plan in den nächsten Jahren zu erarbeiten – um derartige Trippelschritte redet man sich mittlerweile auf UNO-Konferenzen die Köpfe heiß – kam nicht zustande.
Das alles ist sehr deprimierend. Am Wochenende war ich von einem alten Freund und Genossen zur Feier seines 76. Geburtstags in Hamm in Westfalen eingeladen. Der (auch) nicht mehr junge Kabarettist, Sänger und Keyboardspieler Norbert Aufmhof brachte da ein abwechslungsreiches und unterhaltsames Programm zu Gehör. Darunter waren auch politische und sehr nachdenkliche Beiträge. In einem davon berichtet er in leisen Tönen von seiner Reaktion auf die Frage, ob er denn gerne nochmal zwanzig Jahre alt wäre. Nach einem kurzen Zögern antwortet er ganz klar „nein“! Das erinnerte mich daran, dass ich meinem jüngsten Sohn schon öfter gesagt hatte, ich sei froh, nicht mehr in seinem Alter zu sein. Die kapitalistische Klassengesellschaft ist schon schlimm genug, doch wir treiben auf Schlimmeres zu. Auf eine Erde verschiedener bewaffneter Banden, die sich mordend, vergewaltigend und sengend um die verbliebenen Ressourcen balgen – Trinkwasser, bebaubaren Boden, nicht überflutete Zonen mit erträglichen Temperaturen.
Aber Momentchen mal! Heißt das, wir sollten alle resignieren? Aber keineswegs! In Belém gab es ja nicht nur den offiziellen Gipfel, sondern auch einen von Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und indigenen Gemeinschaften organisierten Gegengipfel. Eine breite weltweite Mobilisierung dieser Art von Kräften kann immer noch eine Wende bringen. Es muss nur immer mehr Menschen immer klarer werden, dass menschliche Lösungen und Verhältnisse nicht von den Herrschenden, nicht von oben kommen werden. Der Kampf für wirksamen Klimaschutz muss als Kampf um Klimagerechtigkeit organisiert werden. So hat Violetta Bock im Bundestag für Die Linke einen Antrag für Schuldenerlass und umfangreiche Klimareparationen für die armen Länder des globalen Südens eingebracht. Sicherlich wird die etablierte bürgerliche Politik derlei zerreden und ablehnen. Doch die Verbindung des Kampfs für Klimaschutz mit dem Kampf gegen groteske Ungleichheit und für soziale Gerechtigkeit ist unsere einzige Chance.
Norbert Aufmhof sang auch in Erinnerung an die Edelweißpiraten in Köln. Welche Chance hatten die denn? Danach fragten sie nicht, und sie wurden letztlich von den Nazi-Schergen ermordet. „Es lebe der Tod“ skandierten die faschistischen Banden Francos, „Freiheit oder Tod“ sangen die Kämpfer*innen der Republik. Wir wissen nicht, ob die nächsten Kippunkte der Naturzerstörung uns hinwegraffen werden. Wir wissen nur eins: Kampflos geben wir nicht auf.