Weswegen und weswegen nicht uns wegen internationaler Konflikte die Haare zu Berge stehen, hat recht wenig mit dem wirklichen Geschehen zu tun. Dafür spielen einige Faktoren zusammen. Die Medien bombardieren uns mit Nachrichten und Kommentaren zum Krieg in der Ukraine und zur furchtbaren Lage im Gazastreifen. Von der Gewichtung der Themen sind wir gefühlsmäßig stark abhängig. Die Erklärungen der Bundesregierung zu den genannten Konflikten sind Legion. Diejenigen zum Sudan kann man an den Fingern einer Schreinerhand abzählen. Hinzu kommt unsere eigene Disposition. Wir neigen wenig dazu, uns über Katastrophen in Afrika aufzuregen. Sogar eine Million abgeschlachtete Tutsi fanden in Deutschland weniger Aufmerksamkeit als etwa ein spektakuläres Fußballländerspiel.
Die UNO bezeichnet die Lage im Sudan als weltweit schlimmste humanitäre Krise seit Jahrzehnten. Über 30 Millionen Menschen, darunter zehn Millionen aus ihren Heimen Vertriebene und 15 Millionen Kinder, sind akut auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Zivilbevölkerung leidet an vielen Orten unter nackter Gewalt, als Kriegswaffe eingesetzten Vergewaltigungen, Hunger, Krankheiten, Seuchen und zerstörter Infrastruktur. Von einer Bevölkerung von 40 Millionen sind über zehn Millionen auf der Flucht, die meisten davon innerhalb der Landesgrenzen. In der Hauptstadt Khartum und an anderen Orten sind annähernd 2,6 Millionen in ihre zerstörten Häuser zurückgekehrt und haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und Gesundheitsversorgung. Wie viele Todesopfer es bisher gegeben hat, ist schwer einzuschätzen – in der französischen Tageszeitung Le Monde wurde vor Monaten schon die Zahl 150.000 genannt – wohlgemerkt, allein nur im gegenwärtigen Krieg, der im April 2023 ausgebrochen war. Das kann durchaus eine Unterschätzung sein.
Hauptkonfliktparteien sind die von Abdel Fattah al-Burhan als Oberbefehlshaber angeführten Sudanesischen Streitkräfte auf der einen und die von General Mohamed Hamdan Dagalo (alias Hemedti) angeführten Rapid Support Forces (RSF) auf der anderen Seite. Hintergrund des Konflikts ist laut Einschätzung von Analysten ihre Rivalität, wollten doch beide an die Spitze des sudanesischen Sicherheitsapparats. Die RSF wurde, wie eine Reihe anderer ebenfalls bis heute auf eigene Rechnung operierender Milizen, schon zur Zeit des Regimes von Umar Hasan Ahmad al-Baschir (1989–2019) gegründet, um Anlagen zu schützen und ein Gegengewicht gegen die Armeeführung zu schaffen. Sie sind bekannt für ethnische Säuberungen und Gewaltakte gegen die Zivilbevölkerung. Auch ausländische bewaffnete Kräfte operieren im Sudan, darunter russische und ukrainische.
Ein Hintergrund des Konflikts sind die jahrzehntelangen Bestrebungen im überwiegend christlichen Südsudan nach Unabhängigkeit, während die (nördliche) Zentralregierung vom politischen Islam geprägt ist. Die Geschichte dieses Konflikts ist wechselhaft und war auch schon einer Lösung nahe, indem etwa dem Süden eine Autonomie zugestanden wurde und das Christentum neben dem Islam als Staatsreligion zur anerkannten Minderheitsreligion erklärt wurde. Doch schwelt dieser Konflikt weiter. Im Süden sind besonders viele Zivilisten durch Bombardierungen getötet worden, und 2,5 Millionen leiden dort Hunger.
Viel zu wenig ist in der weltweiten veröffentlichten Meinung von einem tieferliegenden Konflikt die Rede: große Teile der Zivilgesellschaft, die demokratische und sozial gerechte Verhältnisse fordern und vor Jahren ein solches Ausmaß an demokratischer Selbstorganisation entwickelten, dass man schon von einer alternativen Gegenmacht von unten sprechen konnte. Diese Bewegung wehrt sich immer noch gegen die totale Militarisierung der Gesellschaft und kämpft bis heute weiter, wenn auch unter extrem erschwerten Bedingungen. Sie leistet zusammen mit ausländischen Helferinnen und Helfern eine heroische humanitäre Arbeit. Sie ist es, die so viel und nachhaltig wie möglich unterstützt werden muss. Diese Art von Bewegungen, genährt von den Bestrebungen des Arabischen Frühlings, ist den autoritären Regionalmächten besonders zuwider, da sie Nachahmung im eigenen Land fürchten.
Sie unterstützen daher die Konfliktparteien mit Waffen- und Geldlieferungen – natürlich nicht uneigennützig, ganz im Gegenteil. Gold ist zum wichtigsten Exportgut des Sudans geworden (wie früher das Erdöl), und da läuft eine regelrechte Drainage von Gold über Schmugglerrouten in Ägypten zu den Empfängern – im Wert von mehreren Milliarden Dollar im Jahr. Am meisten scheinen die Vereinigten Arabischen Emirate davon zu profitieren, die die RSF unterstützen, während Saudi-Arabien die Sudanesischen Streitkräfte unterstützt. Das ist eine regelrechte Fortsetzung der kolonialen Ausplünderung.
In Sachen Sudan, Kriegsverbrechen und deren Finanzierung gibt es keine Drohungen mit Den Haag oder Sanktionen. Trump, zu Besuch, verhandelt über Investitionen der arabischen Golfstaaten in den USA und befördert nebenbei, seinem Niveau entsprechend, seine eigenen Geschäfte und die seiner Familie in der Region.
Natürlich hat sich auch noch keine US-Regierung für die Bombardierung der Asch-Schifa-Arzneimittelfabrik nahe Khartum im Jahr 1998 entschuldigt. Die dortige angebliche Giftgasproduktion ist nie bewiesen worden – so wenig wie seinerzeit die vorgeblichen Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein im Irak.
Zum Schluss noch etwas: Wenig mehr als 13.000 Flüchtlinge aus dem Sudan will die Bundesregierung 2024/25 aufnehmen. Was für ein Zynismus.