Seit dem Jahr 2000 führt das Forschungsinstitut Innocenti des UN-Kinderhilfswerks Unicef regelmäßig Studien durch, die die Lage der Kinder in den wohlhabenden Ländern miteinander vergleicht. Im laufenden Jahr belegen dabei die ersten drei Plätze die Niederlande, Dänemark und Frankreich. Länder mit deutlich geringerer Wirtschaftskraft wie Rumänien (Platz 9), Ungarn (Platz 10) und die Slowakei (Platz 19) schneiden dabei immer noch deutlich besser ab als Deutschland, das auf Platz 25 der 37 bewerteten Länder landet.
Im Durchschnitt aller untersuchten Länder leben annähernd 20 Prozent der Kinder in Einkommensarmut. In den 37 reichsten Ländern der Welt! In Deutschland bleibt die Armutsquote bei Kindern über viele Jahre hinweg bei in etwa 15 Prozent. Doch die Einkommen sind nur einer der von der Studie untersuchten Bereiche. Ein weiterer Bereich ist die Bildung. Genauer gesagt geht es dabei um die Kernkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen.
Dabei erreichen in Deutschland nur 60 Prozent der 15-Jährigen die erforderliche Mindestkompetenz. Das bedeutet Platz 34, in diesem Fall unter 41 Ländern mit vergleichbaren Bildungsdaten. Irland belegt Platz 1, Slowenien und Südkorea zum Beispiel schneiden hierbei auch deutlich besser ab als Deutschland. Die Folgen dieser Art von Defiziten beschränken sich nicht auf die dramatisch geringeren Chancen der Betroffenen, als Erwachsene einigermaßen auskömmliche Berufe auszuüben. Hinzu kommt das Heranwachsen einer Generation mit verminderter Urteilskraft für gesellschaftspolitisch relevante Problemstellungen.
Die Durchschnittszahlen allein sind aber nicht aussagekräftig genug. Hinzu kommen die Auswirkungen der anwachsenden gesellschaftlichen Ungleichheit gerade in Deutschland. Die Kernkompetenzen von Kindern aus materiell benachteiligten Familien und derjenigen aus wohlhabenden Familien klaffen immer weiter auseinander. Die Momentaufnahme für dieses Jahr zeigt, dass nur 46 Prozent der Kinder aus benachteiligten Familien sich die erforderlichen Kernkompetenzen aneignen können, dafür aber 90 Prozent der Kinder aus materiell privilegierten Familien!
Immerhin – im Bereich der Gesundheit belegt Deutschland unter 41 Ländern Rang 15. Doch auch hier wirkt sich die soziale Ungleichheit drastisch aus. Kinder aus dem oberen Fünftel der am besten situierten Familien sind zu 79 Prozent in sehr guter gesundheitlicher Verfassung. Doch unter den Kindern aus den materiell am schlechtesten gestellten Familien trifft das nur auf 58 Prozent zu. Wann endlich entwickelt sich die Empörung über derart schreiendes Unrecht?
Die Studie untersucht aber auch subjektive Befindlichkeiten. Wie zufrieden oder unzufrieden sind Kinder in Deutschland mit ihrer eigenen Situation? Nur 61 Prozent der 15-Jährigen aus den materiell am schlechtesten gestellten Familien sind mit ihrem Leben wirklich zufrieden, bei den wohlhabendsten Familien sind es hingegen 73 Prozent. Ich halte die Fragestellung allerdings nicht für ausreichend präzise. Viele Kinder sind robust genug, sich auch bei spürbaren materiellen Entbehrungen glücklich fühlen zu können. Würde danach gefragt, was Kinder gerne hätten und nicht bekommen, weil sie bzw. ihre Familien sich das nicht leisten können, dann wäre hierbei die Kluft zwischen arm und wohlhabend sehr viel sichtbarer.
Christian Schneider, der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, fordert: „Die Bekämpfung der Kinderarmut muss politische Top-Priorität werden.“ Sonst vergebe Deutschland Zukunftschancen: „Wer heute nicht in die Teilhabe, die Bildung und die gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiert, schadet nicht nur den Kindern. Sondern zahlt morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis.“
Bleiben wir realistisch: Es gibt keine Anzeichen dafür, dass das Kindeswohl und die Bekämpfung der Kinderarmut zu einer politischen „Top-Priorität“ werden könnten, noch nicht einmal in Wahlkämpfen. Ganz im Gegenteil. Kanzler Merz antwortete vor den Delegierten des DGB auf die Buh-Rufe rotzfrech: nicht er sei schuld, sondern die Demographie und die Mathematik. Was wollte er damit sagen? Es wachsen zu wenige Erwerbstätige nach, die in die Solidarkassen einzahlen.
Daraus zieht er den Schluss, dass die Erwerbstätigen mehr arbeiten, die Erwerbslosen, Rentner*innen und Kranken weniger Leistung erhalten müssen. Und dies alles im Namen der „Generationengerechtigkeit“. Bloß sind die heute Jungen ja später alt und selbst die Geschröpften. Das verschweigt er geflissentlich.
Die notwendige Änderung der politischen „Top-Prioritäten“ muss von unten kommen, mit einer massiven Mobilisierung gegen die soziale Ungleichheit und mit dem Kampf für eine Gesellschaft in der alle, angefangen mit den Kindern und Heranwachsenden, die Chance auf ein erfülltes und lebenswertes Leben haben. Ob das nun Sozialismus, freies Bananien oder Gemeinwohl genannt werden wird, ist dabei einerlei.