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Revolution, Konterrevolution und Lehren für heute

90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg

Von Philipp Schmid (BFS Zürich) | 29.07.2026

Am 17./18. Juli 1936 begannen die reaktionären Militärs im Spanischen Staat ihren Aufstand gegen die Zweite Republik und die demokratisch gewählte Volksfrontregierung. Der Militärputsch markierte nicht nur den Beginn des fast dreijährigen Bürgerkriegs, sondern löste auch eine soziale Revolution aus. Unter Anleitung der Stalinist:innen wurde die Revolution allerdings schrittweise zerschlagen. Die interne Konterrevolution war Vorbote der militärischen Niederlage der Republik. Der Spanische Bürgerkrieg ist ein ausserordentliches Kapitel der globalen Arbeiter:innenbewegung und ein Lehrstück für Revolutionär:innen von heute.

Klassenkämpfe in der Zweiten Republik

Hintergrund des Bürgerkriegs im Spanischen Staat waren die seit der Ausrufung der Zweiten Republik 1931 schwelenden Klassenkonflikte auf dem Land und in den industriellen Zentren – allen voran in Barcelona. Diese intensivierten sich im Laufe der 1930er Jahre, da das konservativ-monarchistische Lager seine angestammten Privilegien mit allen Mitteln verteidigte. Zur alten Elite gehörten Grossgrundbesitzer, die Offizierskaste und die Kirche. Ein politisch eigenständig handelndes Bürgertum existierte nicht. Es war vielmehr durch familiäre und geschäftliche Beziehungen mit der alten Elite verbunden.

Der spanische Faschismus hatte wie auch der italienische und deutsche seine Eigenheiten. Im Gegensatz zu Deutschland war das Kleinbürgertum im Spanischen Staat zahlenmässig klein. Deshalb stützte er sich auf die alten Eliten und nahm eine starke klerikale Ausprägung an. Neben dem Militär und der Kirche war die faschistische Partei Falange Española seine Speerspitze. Sie wurde 1933 vom ehemaligen Militärdiktator Primo de Rivera gegründet. Während dem Bürgerkrieg 1937 vereinigte sich die Falange Española auf Erlass des späteren Diktators Francisco Franco mit anderen monarchistisch-reaktionären Bewegungen zur faschistischen Einheitspartei, mit Franco als deren Führer.

Die Arbeiter:innenbewegung bestand aus zwei grossen Lagern: Die sozialdemokratische Partido Socialista Obrero Español (PSOE) und der ihr angegliederte Gewerkschaftsbund Unión General de Trabajadores (UGT) hatten ihre Hochburgen in Madrid und im Baskenland. Ab Mitte der 1930er Jahre entwickelte sich ein Teil des sozialistischen Lagers deutlich nach links. Katalonien und sein Zentrum Barcelona waren eine Bastion der anarchosyndikalistischen Confederación Nacional del Trabajo (CNT) und ihres parteiähnlichen Kontrollorgans der Federación Anarquista Ibérica (FAI). In Katalonien existierte zudem die linke kommunistische, antistalinistische Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM). Sie wuchs im Laufe des Jahres 1936 zu einem bedeutenden politischen Akteur mit mehreren Zehntausend Mitgliedern heran. In der Bergbauregion Asturien, wo die Arbeiter:innen bereits 1934 einen revolutionären, jedoch isolierten Aufstand gegen die rechte Regierung organisiert hatten, waren sowohl die UGT als auch die CNT stark vertreten und arbeiteten besser zusammen als anderswo. Mitte der 1930er Jahre hatten sowohl die UGT als auch die CNT zwischen 1,5 bis 2 Millionen Mitglieder bei einer Gesamtbevölkerung von 24 Millionen Menschen. Die stalinistische Partido Comunista de España (PCE) und ihr katalanischer Ableger Partit Socialista Unificat de Catalunya (PSUC) waren bis 1936 klein und politisch unbedeutend.

Die (links-)republikanischen Regierungen zwischen 1931 und 1933 sowie ab 1936 waren ebenso wie das schwache Bürgertum nicht in der Lage, die drängenden Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Entwicklung eines modernen Staates zu lösen.

  • Agrarfrage: Der Spanische Staat war wirtschaftlich rückständig. Weit über die Hälfte der Bevölkerung lebte auf dem Land in würdelos ärmlichen Verhältnissen. Die Bäuer:innen besassen kein oder zu wenig Land und mussten sich als Landarbeiter:innen bei Grossgrundbesitzer:innen verdingen. Der halb-feudale Grossgrundbesitz hemmte die Entwicklung einer modernen Landwirtschaft. Der Boden musste an die Bäuer:innen verteilt werden.
  • Entwicklung der Industrie: Die Industrie konzentrierte sich auf wenige Regionen. Knapp die Hälfte der industriellen Tätigkeiten fanden in Katalonien statt. Das Baskenland und Asturien im Norden hatten Kohle- und Erzvorräte und verfügten deshalb über Bergbau- und Metallindustrien. Der Rest der Industrie verteilte sich auf die Hauptstadt Madrid und weitere grössere Städte. Die rückständige spanische Industrie war auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig. Die imperialistischen Staaten reagierten auf protektionistische Massnahmen mit Einfuhrzöllen auf spanische Agrarprodukte, die den Grossteil der spanischen Exporte und eine zentrale Einnahmequelle des Staates ausmachten. Ohne Aussenhandelsmonopol, Importbeschränkungen und eine zentralisierte Industriepolitik war der Ausbau des zweiten Sektors während der Grossen Depression der 1930er Jahre nicht möglich. Dies wurde jedoch von den mächtigen Agrarexporteuren verhindert, da sie Vergeltungsmassnahmen befürchteten. Die Verflechtungen zwischen Banken, Industrie, Grossgrundbesitz und der konservativ-monarchistischen Reaktion behinderten die Entwicklung eines politisch eigenständigen Bürgertums – und damit die industrielle Entwicklung.
  • Trennung von Kirche und Staat: Die katholische Kirche nahm durch die Kontrolle des Bildungswesens eine überragende Stellung in der Gesellschaft ein. Zudem war sie als Grossgrundbesitzerin auch ein zentraler wirtschaftlicher Akteur. Die Säkularisierung war eine Voraussetzung für die Modernisierung des Landes.
  • Demokratisierung der Armee: Neben der Kirche und dem Grossgrundbesitz war die Armee mit ihrer grossen Offiziersschicht die dritte Stütze des konservativ-monarchistischen Lagers. Die Streitkräfte verteidigten eine autoritäre Gesellschaftsordnung und mussten demokratisiert werden, um die Gefahr von Militärputschen zu minimieren.
  • Koloniale und nationale Frage: Die ehemalige Kolonialmacht Spanien eroberte bzw. verteidigte im imperialen Wettlauf gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein kleines Kolonialreich in Westafrika (vor allem Marokko), in dem es aber ständig zu Unabhängigkeitskämpfen kam. Zudem verlangten auch Katalonien und das Baskenland die Unabhängigkeit vom Spanischen Staat. Diese Fragen mussten gelöst werden, um eine stabilere Entwicklung zu garantieren.

Die Blockade dieser Entwicklungsaufgaben verschärfte die gesellschaftlichen Widersprüche und führte zu einer Zuspitzung der politischen und sozialen Konflikte, in deren Verlauf sich eine Polarisierung zwischen faschistischer Reaktion und sozialer Revolution entwickelte.

Bürgerkrieg und soziale Revolution

Die gesellschaftliche Instabilität verstärkte sich ab Februar 1936 unter der (links-)republikanischen Volksfrontregierung. Diese stand unter der politischen Führung des Liberalen Manuel Azaña und basierte auf einer Koalition zwischen liberalen Republikaner:innen, Sozialist:innen und Kommunist:innen und verteidigte die bürgerlich-parlamentarische Ordnung der Zweiten Republik. Nach dem Wahlsieg im Februar 1936, der durch die passive Unterstützung der einflussreichen Anarchosyndikalist:innen ermöglicht wurde, die von einem Wahlboykott absahen, forderte die revolutionäre Linke umso vehementer soziale Veränderungen. Ländereien wurden besetzt, gefangene Aktivist:innen aus den Gefängnissen befreit und entlassene Arbeiter:innen selbstständig wieder eingestellt. Die faschisierten alten Eliten fühlten sich an den Rand gedrängt und holten zum Gegenschlag aus. Am 17./18. Juli 1936 organisierten die Generäle Emilio Mola und Francisco Franco – mit dem Segen der Kirche und der Grossgrundbesitzer:innen – einen Staatsstreich, der den Bürgerkrieg auslöste.

Mit Ausnahme der Flotte war der Grossteil der Armee unter Kontrolle der Putschisten. Trotz vieler Warnsignale war die republikanische Regierung auf den Militärputsch unvorbereitet. Die Organisationen der Arbeiter:innenbewegung hingegen reagierten umso schneller. Angesichts der faschistischen Gefahr wurden innerhalb weniger Tage enthusiastisch Milizverbände zusammengestellt und an die Frontlinien geschickt. Die Regierung weigerte sich allerdings, die Arbeiter:innen und die Milizen zu bewaffnen, da sie befürchtete, die Waffen könnten sich auch gegen sie richten.

Anarchistische Milizionäre der CNT/FAI vor der Abfahrt an die Aragonfront 1936

Diese Angst war nicht unbegründet. Denn als Antwort auf den Putsch weiteten sich die zuvor isolierten Klassenkämpfe auf das ganze Land aus und signalisierten den Beginn einer umfassenden sozialen Revolution. Trotz spärlicher Bewaffnung füllten die revolutionären Kräfte der CNT/FAI und der POUM das durch den Putsch entstandene Machtvakuum und machten sich daran, ihre Vision einer klassenlosen Gesellschaft zu verwirklichen. Ab Juli 1936 entstand deshalb eine Situation der Doppelherrschaft innerhalb des republikanischen Lagers, ähnlich wie in Russland im Jahr 1917: Die Revolutionär:innen begannen, die bürgerlich-parlamentarischen Strukturen der Zweiten Republik durch räteähnliche zu ersetzen, das Land zu kollektivieren und an die Bäuer:innen zu verteilen sowie Fabriken zu besetzen und unter Arbeiter:innenkontrolle weiterzuführen.

Katalonien war das Herzstück der Revolution. In Barcelona ersetzte das Comitè Central de Milícies Antifeixistes de Catalunya (Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen Kataloniens), das von der CNT/FAI geleitet wurde, die bürgerliche Ordnung. Es wurden bewaffnete Milizen zur Abwehr der putschenden Militärs gebildet, die Polizei wurde abgeschafft und durch Arbeiterpatrouillen abgelöst und die Nahrungsmittelversorgung wurde zentral organisiert. In Katalonien wurden bis zu 75% des Industriesektors enteignet und unter Führung von Arbeiter:innenkomitees weitergeführt. Ein beträchtlicher Teil des Landes wurden den Grossgrundbesitzer:innen entrissen. In Barcelona wurden sogar kleine Betriebe wie Restaurants oder Coiffuresalons kollektiviert. An einigen Orten wurde Geld als Tauschmittel abgeschafft und durch Gutschein-Systeme ersetzt.

Die bürgerlichen Kräfte und die alten konservativ-monarchistischen Eliten wurden ab Juli 1936 in Teilen des Landes für mehrere Monate von der Macht verdrängt. Der katalanische «Sommer der Anarchie» war der bislang umfassendste revolutionäre Versuch zur Errichtung einer (anarcho-)kommunistischen Gesellschaft und strahlte schon damals weit über die Grenzen des Spanischen Staates hinaus.

(Nicht-)Intervention der Grossmächte

Die imperialistischen Grossmächte wurden von den revolutionären Entwicklungen überrascht und fürchteten eine Ausbreitung der Bewegung. Vor allem die seit Juni 1936 in Frankreich regierende Volksfrontregierung unter dem Sozialisten Léon Blum, die gerade erst die revolutionäre Streikwelle der französischen Arbeiter:innen vom Mai/Juni 1936 in Absprache mit den Unternehmen in geregelte Bahnen lenken konnte, wollte ein Überschwappen der Revolution verhindern. Auch die konservative britische Regierung unter Stanley Baldwin verfolgte die Entwicklungen im Spanischen Staat mit Sorge, da diese das europäische Kräfteverhältnis zu verändern drohten.

Frankreich und Grossbritannien vereinbarten zusammen mit der UdSSR, Nazideutschland und dem faschistischen Italien einen Nichteinmischungspakt und ein Handelsembargo, dem sich auch die USA anschlossen. Die Nichteinmischung erschwerte die Beschaffung von Waffen und den wirtschaftlichen Handel für die Republik massiv. Hitler und Mussolini hielten sich jedoch nicht an das Abkommen. Sie unterstützten das faschistisch-konservative Lager von Beginn an mit Waffen, Flugzeugen, militärischer Expertise und Truppen. Vor allem für Hitler bot der Bürgerkrieg die Gelegenheit, neue Kriegstaktiken für den bevorstehenden Weltkrieg zu testen.

Internationale Solidarität und die freiwilligen Spanienkämpfer:innen

Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 und dem Sieg des Austrofaschismus nach den Februarkämpfen 1934 in Österreich drohte Spanien als nächstes Land in die Hände der Faschist:innen zu fallen. Unter diesem Eindruck entwickelte sich eine enorme Solidaritätswelle in der weltweiten Arbeiter:innenbewegung mit der Spanischen Republik. Dieser Druck von unten veranlasste Stalins Bürokratie, der Republik zu «helfen». Es hätte seinem Ansehen grossen Schaden zugefügt, wenn sich die Sowjetunion nicht auf die Seite der spanischen Arbeiter:innen und Bäuer:innen geschlagen hätte. Im Oktober 1936 begann die UdSSR, der Republik Waffen zu liefern – im Austausch gegen das Gold der spanischen Nationalbank. Zudem wurden die Internationalen Brigaden offiziell gegründet. Dabei handelte es sich um Kampfverbände, die aus Freiwilligen aus der ganzen Welt bestanden und der Republik helfen wollten. In der Folge organisierte die Kommunistische Internationale (Komintern) den Transport von Zehntausenden freiwilligen Kämpfer:innen über Paris in den Spanischen Staat und in das Hauptquartier in Albacete. Der stalinistische Geheimdienst und die politischen Kommissare übten eine strikte politische Kontrolle über die Brigadist:innen aus.

Diese wurden sofort an der Front eingesetzt und leisteten in den ersten Monaten einen entscheidenden Beitrag zur Verteidigung Madrids gegen die heranrückenden, waffentechnisch überlegenen faschistischen Truppen. Auch aus der Schweiz beteiligten sich 800 Freiwillige am Kampf gegen den Faschismus. Da die Schweizer Militärgerichtsbarkeit die Heimkehrer:innen sehr akribisch verfolgte und bestrafte, lässt sich anhand der Schweizer Freiwilligen eine generalisierbare Sozialstruktur der Spanienkämpfer:innen aufstellen. Sie waren überwiegend Arbeiter:innen im Alter von 20 bis 35 Jahren, standen der Kommunistischen Partei nahe, hatten aufgrund der Wirtschaftskrise und Problemen mit dem Staat geringe wirtschaftliche Perspektiven und waren vor allem überzeugte Antifaschist:innen. In Spanien wollten sie einen Beitrag im Kampf gegen den europäischen Faschismus leisten und wurden von der Hoffnung auf ein würdigeres Leben in Südeuropa nach dem Sieg getragen.

Internationalist:innen in den Reihen der POUM 1936

Von den insgesamt 40’000 Freiwilligen kamen die grössten Kontingente aus Frankreich, Deutschland, Italien, Polen und den USA. Es beteiligten sich aber auch Antifaschist:innen aus Kuba, Mexiko, Argentinien sowie vereinzelt aus Nordafrika und dem Nahen Osten. 20% bis 25% aller Kämpfer:innen waren jüdisch. Neben den Mitgliedern der kommunistischen Parteien beteiligten sich auch viele Sozialdemokrat:innen, dissidente Kommunist:innen und Trotzkist:innen, sowie Anarchist:innen am Kampf gegen Franco, viele davon in anarchistischen und sozialistischen Milizen ausserhalb der von der Komintern kontrollierten Internationalen Brigaden. Ein Viertel der Kämpfenden bezahlte ihr heroisches Engagement mit dem Leben.

Ende der Doppelmacht

Im Herbst 1936 geriert die revolutionäre Welle ins Stocken. Weder die CNT/FAI noch die POUM hatten versucht, die Doppelmachtstrukturen auf dem Land, in den Fabriken und in der Armee weiterzuentwickeln und zu zentralisieren. Dadurch gewann das Volksfrontbündnis der Liberalen, Sozialist:innen und der stalintreuen PCE/PSUC schrittweise wieder die gesellschaftliche Oberhand, was wiederum die CNT/FAI und POUM immer stärker unter Druck setzte. Aus Furcht, von den politischen und militärischen Entscheidungen ausgeschlossen zu werden, entschieden sich die Führungen von CNT/FAI und POUM bereits im September 1936, der bürgerlichen Lokalregierung Kataloniens beizutreten. Aus ideologischer Sicht noch erstaunlicher ist der Beitritt der Anarchist:innen zur nationalen Volksfrontregierung im November 1936. Die Führungen beider Organisationen wagten es nicht, die Doppelmachtsituation weiter zuzuspitzen und einen Bruch mit ihren bürgerlichen «Verbündeten» zu riskieren.

In der Folge nahmen die Auseinandersetzungen innerhalb des republikanischen Lagers zu. Mit neuem Selbstbewusstsein erfüllt, attackierten die ursprünglichen Volksfrontparteien schrittweise alle revolutionären Errungenschaften. Es gelang ihnen, ihre Vorherrschaft in den republikanischen Reihen zurückzugewinnen, die revolutionäre Bewegung zu unterdrücken und die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse wiederherzustellen – ohne nennenswerte Proteste der anarchistischen Regierungsmitglieder.

Hand in Hand mit dem republikanischen Bürgertum machten Stalinist:innen und rechte Sozialist:innen die Kollektivierungen von Land und Fabriken rückgängig und verhinderten die Waffen- und Munitionszufuhr an diejenigen Frontabschnitte, die von den Milizen von CNT/FAI und POUM gehalten wurden. Vordergründig behaupteten sie, die Revolution sei eine Gefahr für die Stabilität der Volksfrontregierung, die Einheit des republikanischen Lagers und die Unterstützung des städtischen Kleinbürgertums und der Angestellten im Kampf gegen Franco. Zudem seien die Milizen unfähig, einen Krieg zu gewinnen. De facto verteidigten sie jedoch die bürgerliche Ordnung und schlugen sich auf die Seite der Konterrevolution.

Von der Konterrevolution …

Die stalinistische PCE/PSUC stand im Zentrum der konterrevolutionären Offensive. Bis 1936 war sie innerhalb der spanischen Arbeiter:innenbewegung unbedeutend. Sie gewann jedoch rasch an Einfluss – vor allem unter kleinbürgerlichen Schichten, aber auch in Teilen des katalanischen Bürgertums –, als die Sowjetunion begann, militärische Unterstützung für die Republik zu liefern. Mit dieser Hilfe kamen jedoch auch der politische Einfluss Stalins und die sowjetischen Geheimdienste nach Spanien. Schon bald standen hinter den zentralen Schaltstellen der Macht in Staat und Armee die Agenten des NKWD. Stalin drängte darauf, die Revolution zurückzudrängen und den Fokus einzig auf den Kampf gegen Franco zu lenken. Dies führte von Beginn an zu Konflikten mit der Basis der CNT/FAI und der POUM, die eine Fortführung der revolutionären Massnahmen forderten. Stalin wollte aus zwei Gründen eine Revolution in Spanien verhindern. Erstens wollte er die Beziehungen zu den europäischen Mächten Frankreich und Grossbritannien nicht gefährden, die er in ein Verteidigungsbündnis gegen Hitler einzubinden versuchte. Zweitens hatte er kein Interesse an einer sozialistischen Revolution, die einen demokratischen Sozialismus (Arbeiter:innenselbstverwaltung, Fabrikräte, Rätedemokratie etc.) hervorbringen und damit eine linke Alternative zu seiner autoritären «sozialistischen» Parteidiktatur aufzeigen würde. «Sozialismus» sollte es laut Stalin nur in einem Land geben, und das war Russland. Die PCE/PSUC drängte immer entschiedener darauf, gegen die revolutionären Parteien vorzugehen, allen voran gegen die POUM, die sie als «trotzkistische Agentin des Faschismus» verleumdete.

Das berüchtigte Hotel Colón in Barcelona war die Zentrale der Stalinist:innen während dem Bürgerkrieg

Während der sogenannten Mai-Tage 1937 in Barcelona versuchten die revolutionären Flügel der CNT/FAI und der POUM, die Kontrolle über die Stadt zurückzugewinnen. Der Aufstand wurde jedoch von deren Führungen nicht richtig unterstützt und von den besser ausgerüsteten Stalinist:innen und den bürgerlich-republikanischen Polizeikräften niedergeschlagen. Im Anschluss wurde die POUM verboten und ihre Mitglieder verfolgt und ermordet. Die CNT/FAI wurde aus der Regierung geworfen und entwaffnet. Damit endete der Traum einer sozialen Revolution im Spanischen Staat.

… zur militärischen Niederlage

Zentraler Bestandteil der internen Konterrevolution im republikanischen Lager war die Auflösung der demokratisch organisierten Milizen der CNT/FAI und der POUM sowie deren Zwangsintegration in die von den Stalinist:innen kontrollierte Volksarmee. Parallel dazu verschob sich ab Mitte des Jahres 1937 auch das militärische Kräfteverhältnis immer mehr zugunsten Francos. Dazu trugen die waffentechnische Überlegenheit der Faschist:innen und die militärische Unfähigkeit der republikanischen Armeeführung bei. Auch in den Reihen der Interbrigaden machte sich Unmut breit. In den Kämpfen wurden die Freiwilligen vielfach in die erste Reihe gestellt oder in sinnlosen Schlachten als Kanonenfutter verheizt, was zunehmend zu Spannungen führte. Die politischen Kommissare der Brigaden und der stalinistische Geheimdienst reagierten auf jegliche Form der Auflehnung mit massiver Repression, Gefängnisstrafen und Hinrichtungen. Die soziale Konterrevolution im Hinterland und an der Front, das sich verschlechternde militärische Kräfteverhältnis und die stalinistische Repression führten zu einer weit verbreiteten Desillusionierung unter den Internationalist:innen. 1938 wurden die Interbrigaden schliesslich aufgelöst. Die Volksfrontregierung hegte die Hoffnung, dass auch Hitler und Mussolini ihre Verbände zurückziehen würden. Dies erwies sich jedoch als Illusion.

Im Januar 1939 fiel die republikanische (anarchistische) Hochburg Barcelona. Nach dem Einmarsch Francos in Madrid endete der Spanische Bürgerkrieg am 1. April 1939. Hunderttausende Republikaner:innen flohen nach Frankreich, wo sie in Lagern interniert wurden. General Franco installierte eine faschistische Militärdiktatur und liess weitere Zehntausende politische Gegner:innen verfolgen und ermorden. Seine Diktatur überlebte bis 1975 und war nach der portugiesischen Militärdiktatur (1932–1974) unter António de Oliveira Salazar die zweitlängste faschistische Diktatur Europas.

Lehren für heute

Erstens zeigt die Episode von 1936 bis 1939 im Spanischen Staat eindrücklich, dass in einem Bürgerkrieg das Politische an erster Stelle steht und massgeblich das militärische Kräfteverhältnis bestimmt. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass die gesellschaftliche Breite des Lagers immer seine Stärke ausmacht. Im Vorteil ist stattdessen diejenige Seite, die der Bevölkerung, insbesondere den Lohnabhängigen und Bäuer:innen, glaubhafter für eine bessere Zukunft mobilisieren kann. Dies bedingte die Aufhebung des Privateigentums, was in einer Koalition mit dem Bürgertum nicht zu haben ist. Die Bevölkerung braucht einen Grund, warum sie die kriegsbedingten Entbehrungen in Kauf nehmen soll, und für die Kämpfenden muss es sich «lohnen», ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Eine Vertiefung der Revolution hätte es der antifaschistischen Seite ermöglicht, ihre Unterstützung in der Bevölkerung auszubauen, insbesondere auch in Landesteilen, die von Francos Armee kontrolliert wurden. Einerseits hätte die Ankündigung, den ganzen Boden an die Bäuer:innen zu verteilen, mit grosser Wahrscheinlichkeit zu Turbulenzen unter Francos Soldaten und im Hinterland der franquistischen Armee geführt und diese militärisch geschwächt. Ebenso hätte die Erklärung der Unabhängigkeit Marokkos Francos berüchtigte koloniale Söldnerarmee gespalten. Andererseits hätte eine unter Arbeiter:innenkontrolle stehende und in Räten zentralisierte Industrie viel effektiver auf Kriegsproduktion umgestellt werden können als eine, in der die Fabrikeigentümer:innen über die Produktion entscheiden. Die Konterrevolution ist demnach mitverantwortlich für das militärische Scheitern der Republik.

Zweitens muss der Bruch mit der bürgerlich-kapitalistischen Herrschaft integraler und permanenter Bestandteil der revolutionären Strategie sein. Eine Doppelherrschaft von bürgerlichen und proletarischen Herrschaftsformen ist per Definition ein nicht auf Dauer bestehender gesellschaftlicher Zustand. Die Führungen der CNT/FAI und der POUM haben es versäumt, den revolutionären Prozess voranzutreiben. Die Anarchist:innen scheuten sich, ihre de facto bestehende proletarische Herrschaft zu zentralisieren und die Vormachtstellung des republikanischen Bürgertums und seiner Unterstützer:innen in der staatlichen Verwaltung, Armee und Industrie nachhaltig zu zerstören. Stattdessen traten sie in die Volksfrontregierung ein und trugen zur Regeneration des bürgerlichen Staates bei. Revolutionäre Parteien, deren strategischer Kompass auf den Bruch mit der bürgerlich-kapitalistischen Herrschaft ausgerichtet ist, können in solchen Situationen den entscheidenden Unterschied machen.

Drittes war und ist der Stalinismus der Totengräber aller revolutionären Bestrebungen. Stalins Intervention war nicht «gut gemeint, aber teils fehlerhaft ausgeführt». Die Unterdrückung revolutionärer Entwicklungen im Spanischen Staat und anderswo war eine Voraussetzung für den Erhalt seiner bürokratischen Herrschaft und seiner Machtposition. Das Wesen des Stalinismus ist konterrevolutionär, obwohl sich Stalin auf die Oktoberrevolution 1917 stützte. Stalin kam im Zuge der Ereignisse 1917 zu seiner Machtposition. Er hatte allen Grund, sich positiv darauf zu beziehen. Die Bedingung für seine Herrschaft war jedoch, dass die Errungenschaften des Oktobers 1917 – Rätedemokratie und Arbeiter:innen-Selbstverwaltung – dauerhaft abgeschafft wurden. Auf dieser Konterrevolution konnte er seine Diktatur aufbauen. Stalin war also in erster Linie darauf bedacht, seine Macht und Privilegien zu schützen, und dafür war er auf die Aneignung und Verfälschung des Kommunismus angewiesen. Heute erleben stalinistische Kleingruppen und Konzeptionen eine Art Revival. Die Entwicklungen im Spanischen Bürgerkrieg zeigen beispielhaft, dass diesen eine revolutionäre Alternative entgegengehalten werden muss.

Viertens kann aus der Geschichte antifaschistischer Kämpfe aber auch Hoffnung geschöpft werden. Die Hunderttausenden Arbeiter:innen und Bäuer:innen, die sich dem Faschismus entgegenstellten, sowie die Zehntausenden Freiwilligen, die der Republik zu Hilfe kamen, waren nicht einfach Marionetten Moskaus. Ihr Antifaschismus war aufrichtig und ihre Opferbereitschaft bewundernswert. Viele kommunistische Spanienkämpfer:innen kehrten jedoch völlig desillusioniert aus dem Bürgerkrieg zurück, nachdem sie mit den stalinistischen Geheimdiensten, den inoffiziellen Gefängnissen und Folterkellern oder den diktatorischen Politkommissaren zu tun bekommen hatten. Aber trotz allen Niederlagen, Enttäuschungen und verräterischen Handlungen bleibt die Revolution im Spanischen Staat bis heute eine der inspirierendsten Episoden der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung. Die Berichte vom revolutionären Aufbruch in Barcelona, dem heldenhaften antifaschistischen Widerstand und den berührenden Beispielen internationaler Solidarität stellen insbesondere in düsteren Zeiten einen Hoffnungsschimmer dar.

Filmtipp
Ken Loachs Film «Land and Freedom» (1995) basiert auf den autobiografischen Erzählungen von George Orwell in «Mein Katalonien». Darin berichtet Orwell von seinen Erlebnissen in der POUM-Miliz an der Aragonfront sowie von seinen Erfahrungen mit der stalinistischen Konterrevolution.

Artikel mit freundlicher Genehmigung übernommen von sozialismus.ch.

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