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Bericht von einer Veranstaltung der ISO Köln

Was ist los in Katalonien?

28. Januar 2018

Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Kölner ISO-Veranstaltung am 11. Dez. die dazu beitragen sollte, das hierzulande vorherrschende völlig falsche Bild von der katalanischen Bewegung zu korrigieren. Die eingeladene Referentin hatte als deutsche Bürgerin ihre Kindheit und Jugend in Katalonien verbracht und ist aktiv in die Vorgänge involviert. Sie war also ein Glücksfall und breitete vor den Zuhörern der Veranstaltung ein wahres Informationsfeuerwerk aus Bildern und kleinen Videos aus, das die erstaunliche Bandbreite und die Tiefe dieser dynamischen Bewegung zeigte. Die 30 Anwesenden erfuhren so zu ihrem Erstaunen viele unbekannte Details einer breiten Volksbewegung gegen die spanische Monarchie.

Wer weiss denn schon, dass diese Bewegung schon seit jahrzehnten für die Anerkennung kämpft und sich die Bürger*innen vieler Teile Spaniens durch die Übergangsphase des nachfaschistischen Spaniens (Transition- 1978-1982 ) übelst getäuscht sehen? Wer weiss denn, dass in Katalonien der demokratische Pakt mit der zentralen Monarchie in Katalonien einst eine überwältigende Zustimmung erfuhr und danach durch die reaktionäre Kräfte der Regierung mittels des Verfassungsgerichts gekippt wurde.

Wer hat je davon gehört, dass Gruppen dieser “Nationalisten-Bewegung” Plakate mit der Forderung nach Aufnahme weiterer Flüchtlinge verbreiten und damit an ihr eigenes Schicksal nach der Niederlage von 1939 anknüpfen. ( Katalonien hat bereits mehr Flüchtlinge aufgenommen, als ganz Spanien zusammen ) . Wo werden in bundesdeutschen Medien die Hauptparolen der Katalanen erwähnt, die von den wichtigsten politischen Kräften, der CUP und Anarchisten auf tausenden Plakaten prangen: ” Revolution – nationale Freiheit – soziale Befreiung”.

Wer hat hierzulande je davon gehört, dass die spanische Nationalregierung die Pflege von Ehrungstafeln und Mahnmalen der faschistischen Verbrecher mit üppigen Finanzmitteln ausstattet? Andere Vereinigungen dagegen, die nach den unbekannten Massengräbern der Diktaturopfer forschen, bekamen alle Mittel gestrichen und werden von der Regierungspropaganda beschimpft. Die uns gezeigte Karte mit den vermuteten Massengräbern zeigt hunderte Orte, wo noch bis 1954 Erschiessungen stattfanden. Die Aufarbeitung der traumatisierenden faschistischen Verbrechen in und nach dem Bürgerkrieg 1936/39 wird erst heute zu einem breiten Thema in Spanien.

Im Unterschied zum Untergang des deutschen Faschismus im rauchenden Trümmerhaufen konnte der Übergang in Spanien mittels Monarchie und Kirche “friedlich” organisiert werden. Das bedeutet jedoch, dass bis heute kein einziger Verbrecher vor Gericht stand, weil die Amnestie solche Leute schützt. Es bedeutet auch, dass der gesamte Staatsapparat mit seinem faschistischen Beamtenheer in die Demokratie “hinübergerettet” werden konnte.

Im Unterschied zum Untergang des deutschen Faschismus im rauchenden Trümmerhaufen konnte der Übergang in Spanien mittels Monarchie und Kirche “friedlich” organisiert werden.

Katalonien war damals und ist heute wieder gemeinsam mit dem Baskenland das Zentrum des Antifaschismus und werden auch so vom Staat begriffen. Die Referentin berichtet: Eine über 80jährige Frau, die in der Straßenbahn mit ihrer Verwandschaft katalanisch spricht, wird von der Polizei angeschnauzt: “sprich christlich!”

Bis heute ist die spanische Gesellschaft mit der traumatisierenden Angst vor dem Faschismus durchzogen. Das machte die Referentin an der Erklärung von Pablo Iglesias, einer Führungsfigur von Podemos deutlich. Er warnte die Katalanen davor, den “schlafenden Faschismus” zu wecken und inspirierte damit nicht nur viele Karikaturisten, sondern trägt damit auch zum völligen Zerfall von Podemos bei, wo sich viele (auch die Bürgermeisterin von Barcelona) von dieser Aussage distanzierten.

Die brennende Aktualität des Themas zeigte sich auch schlaglichtartig an einer Fotoufnahme: Als die 5000 Militärangehörigen der spanischen Zentralregierung zur Verhinderung der Abstimmung am 1. Oktober in Marsch gesetzt wurden, gab es ein Abschiedsessen an einer dekorierten langen Tischtafel. Neben Tellern, Gläsern und Besteck war auf der bedruckten Papierunterlage die Fahne der faschistischen Falange deutlich erkennbar.

Bis heute ist die spanische Gesellschaft mit der traumatisierenden Angst vor dem Faschismus durchzogen.

Kurz nachdem dieses Bild durch die Medien ging, legten die katalanischen und in Solidarität auch baskische Hafenarbeiter sofort ihre Arbeit nieder und die Schiffe wurden weder vertaut und auch mit keiner Gangway ausgerüstet. Zwei Tage blieben Schlägergarden des Zentralstaates so auf den Schiffen gefangen, während die Hafenarbeiter an den Kais von der Polizei verprügelt wurden. Verprügelt wurden aber nicht nur die Hafenarbeiter: Wir bekamen Bilder zu sehen von Menschen, deren Gesichter völlig verquollen waren von Polizeischlägen. Alte, Junge, Behinderte erfuhren diese “Polizeibehandlung”. Sie hatten das “Verbrechen” begangen, in einem Staat der EU wählen zu gehen. Obwohl der monarchistische Staatschef Rajoy erklärt hatte, es “wird keine Wahl geben”, stimmten über 4 Millionen “illegal” ab.

Auf einem Handy Film konnten wir verfolgen, wie erfindungsreich Bürger*innen sein können:

Morgens pünktlich zur Wahleröffnung marschieren bewaffnete Polizeiformationen in Zweierreihe in einem Dorf zum Wahllokal, umstellen es und fordern die Herausgabe der Wahlurne. Wenige Meter weiter sitzen die Dorfbewohner um üppig bedeckte Tische und Essen. Polizisten schauen kurz über die Tische und können nichts finden, was auf “Wahl” hindeutet. Mit am Tisch sitzt ein Rollstuhlfahrer. Im Sitzfutter des Rollstuhls die Stimmzettel, die von den Bewohnern morgens bereits zwischen 7 und 8 Uhr abgegeben wurden, da das Dorffrühstück pünktlich zur “Wahleröffnung” um 9 Uhr begann. Ergebnislos zog der Polizeitrupp ab.

Viele Wahlunterlagen waren über die französische Grenze in den dortigen Teil Kataloniens in Rathäuser gebracht worden, da dort die CUP in einigen Gemeinden Frankreichs die Mehrheit in den Rathäusern stellt. Diese spannende Veranstaltung zeigte, dass diese vielfältige tief verankerte Massenbewegung auf ihre schwankende Führung einen gewaltigen Druck ausübt, endlich mit der spanischen Monarchie radikal zu brechen.

Diese spannende Veranstaltung zeigte, dass die Massenbewegung auf ihre schwankende Führung einen gewaltigen Druck ausübt, endlich mit der spanischen Monarchie zu brechen.

Die hierzulande in großen Medien angestellten AfD-Vergleiche sind übelste Verleumdung einer republikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Diese Bewegung steht einem Zentralstaat gegenüber, der trotz demokratischer Parolen immer noch die Anhänger der bis 1978 herrschenden Francistendiktatur mitschleppt. Die völlig korrupte Regierungspartei PP kam in Katalonien nie über 8% der Stimmen. Die PP verkörpert heute die jahrhunderte alte Tradition des spanischen monarchischen Zentralstaats, der seine Macht immer mittels “Feuer und Schwert” zelebrierte.

Unabhängig vom Ausgang des Referendums am 21. Dez. dürfte dieser Konflikt ein weiterer Sprengsatz für die EU werden, die mit der Abweisung von Puigemont in Brüssel ihre eigene Charta der Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts ad absurdum führt. Auch dieser Bruchstein wird ihnen also auf die Füsse fallen und ihren Untergang beschleunigen. Die 50 000 Katalanen, die vor vier Tagen in die über 1000 Kilometer entfernte belgische Hauptstadt aufbrachen, lassen keine Zweifel offen. Sie werden weiter für ihren republikanischen Staat kämpfen…

Mehr Infos unetr http://cup.cat

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