Generalstreik in Französisch-Guyana

Schafft zwei, drei, viele Guyana!

Von Vincent Touchaleaume | 11. April 2017

Seit Mitte März befindet sich ganz Französisch-Guyana in Aufruhr. Überall werden Straßenblockaden errichtet und seit dem 27. März erfasst der vom größten Gewerkschaftsverband UTG ausgerufene Generalstreik das Land. Anlass für Marine Le Pen, den angeblich durch die Proteste sichtbar werdenden Autoritätsverlust der Regierung in den Überseegebieten zu beklagen.

Am 28. März gingen 30 000 Menschen in der Hauptstadt Cayenne (60 000 Einwohner) und in Saint-Laurent (35 000 Einwohner) auf die Straße. Aktuell versammeln sich Tausende in Kourou, um den Zugang zum Weltraumbahnhof zu blockieren. Selbst die in den Uferwäldern des Maroni lebenden Nachfahren einstiger entflohener Sklaven haben Banderolen auf ihren Einbaumbooten gehisst, um flussabwärts an den Demonstrationen in Maripasoula teilzunehmen. Welche Gründe stecken hinter dieser einmaligen, friedlichen Mobilisierung?

Frankreichs Armenhaus in Übersee

Aus französischer Sicht gilt Guyana als Wilder Westen im Regenwald, wo Gewalt und Unordnung herrschen. Ebenso werden die gegenwärtigen Aufstände gern als Laune verwöhnter Kinder präsentiert, die schon viel zu sehr von der Großzügigkeit des „Mutterlandes“ profitieren und Sozialhilfe und Zuschläge für die Beamten kassieren. Diese Sichtweise geht an den Realitäten des französischen Übersee-Departements komplett vorbei.

Als zweitstärkste Seemacht der Welt und einziger Staat, dessen Hoheitsgebiet sich auf alle Kontinente und Ozeane erstreckt, verdankt Frankreich den versprengten Überbleibseln seines einstigen Kolonialreiches, dass es weiter im Club der Großmächte mitspielen darf. Diese Überseegebiete sind für Frankreich sowohl geostrategisch, wissenschaftlich und militärisch bedeutsam als auch als hinsichtlich der Tiefseerohstoffe, die in Zukunft immer wichtiger werden.

Guyana ist die flächenmäßig größte (so groß wie Portugal) und potentiell reichste unter den verbliebenen Kolonien Frankreichs und beherbergt das Weltraumstartzentrum der Europäischen Weltraumstation  (ESA) in Kourou. Dabei werden die Ressourcen, die das Nachbarland der Regionalmacht Brasilien bietet, bisher nur wenig ausgeschöpft. Die biologische Vielfalt der Wälder, die 90 % der Fläche bedecken, lockt multinationale Konzerne und Pharmaforschung an und mit den Öl-, Gold- und sonstigen Mineralvorkommen könnte eine eigenständige Entwicklung finanziert werden, die das Land aus der Abhängigkeit vom „Mutterland“ befreien würde.

Diese Perspektive kommt in zugespitzter Form bei den gegenwärtigen Mobilisierungen zum Tragen. Darin sind alle sozialen Schichten und Altersgruppen der rasch wachsenden Bevölkerung vertreten. Die Mehrheit der Bevölkerung ist unter 30 Jahre alt, aber jeder zweite junge Mensch ist arbeitslost. Statt ihnen die notwendigen Mittel für Bildung und Ausbildung an die Hand zu geben, zieht der Staat es vor, die junge Generation mittels Sozialhilfe und Schwarzarbeit am Existenzminimum vegetieren zu lassen. Durch solche „karitativen“ Maßnahmen erkauft man sich den sozialen Frieden. Ostentativer Reichtum paart sich mit massiver Armut in einer Gesellschaft, die man als „Transfergesellschaft“ bezeichnen könnte, wo öffentliche Gelder aus Frankreich in Form von Sozialhilfe auf unterstem Niveau und Gehaltszuschlägen für die Beamten fließen und durch den Konsum wieder zurückfließen.

„Nachhaltige“ Bewegung – keine Eintagsfliege

„Bloublou fini“ („Wir haben die Lügen satt“) und „Nou gon ké sa“ („Wir können nicht mehr“) – so lauten die Parolen der Bevölkerung auf Kreolisch. Ziel ihrer Bewegung ist es, die strukturelle und künstliche Unterentwicklung zu beenden. Die Kriminalität ist allgegenwärtig und geistert ständig durch die Medien. Viele Jugendliche leben auf der Straße und versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen, wobei auch Selbstzerstörung zum Alltag gehört. Die Kriminalität ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Arbeitslosigkeit lähmt die Gesellschaft und die Schulen sind machtlos, weil sie den Jugendlichen keine ordentlichen Lernbedingungen in ausreichendem Umfang bieten können und so dem Schulabbruch Vorschub leisten. Von der Grundschule, aus der nur jeder vierte Schüler mit Grundkenntnissen in Französisch und Mathematik hervorgeht, über das Gymnasium, wo nur jeder vierte das Abitur erreicht, bis hin zur Universität, wo es haufenweise Studienabbrecher in allen Fakultäten gibt – überall zeigt sich, wie ungeeignet das französische Bildungssystem für die kulturellen, sprachlichen, klimatischen und wirtschaftlichen Realitäten des Landes ist.

Initiator der Bewegung war eine Bürgerinitiative gegen die Kriminalität, die gemeinsam mit Berufsverbänden – auch unter Mitwirkung des Unternehmerverbandes Medef und der Kleinunternehmer – entstanden ist. Das „Kollektiv der 500 Brüder gegen die Kriminalität“, das ursprünglich von Teilnehmern eines Fitnessstudios in einem Elendsviertel von Cayenne gebildet worden war, beeindruckte die Bevölkerung durch seine Entschlossenheit und Originalität. Insofern waren die Eingangsforderungen auch keinesfalls fortschrittlich: mehr Polizei, schärferes Vorgehen und eine verstärkte Rücknahme illegaler Einwanderer durch die Nachbarländer, Subventionen für die Bauern, Fischer und andere Gewerbe etc. Freilich stößt jede soziale Bewegung in Guyana schnell auf die Grundübel, die das Land plagen: Arbeitslosigkeit, mangelnde Infrastruktur, Staatsmonopol in der Landwirtschaft, mangelnde Eignung der französischen Gesetze für die hiesigen Bedingungen sowie die dringend änderungsbedürftigen Beziehungen zum „Mutterland“.

In der radikal linken Organisation MDES (Bewegung für Entkolonialisierung und soziale Befreiung) sind erfahrene Aktivist*innen organisiert, die die Tradition der militanten Bewegungen der 1990 und 2000er Jahre verkörpern und in die jetzige Bewegung hineinwirken. Mit der Ausrufung des unbefristeten Generalstreiks durch die UTG, deren Elektrikersparte gemeinsam mit Patienten und Beschäftigten des Krankenhauses den Zugang zum Raumfahrtzentrum blockiert, ist der klassenkämpferische Aspekt der Bewegung in den Vordergrund getreten. Inzwischen steht die Forderung nach Selbstverwaltung im Mittelpunkt der Diskussionen auf den Barrikaden, beim unabhängigen Radiosender Péyi und in den enorm aktiven sozialen Medien. „Wenn Frankreich schon nicht die Entwicklung des Landes finanzieren will, dann soll es uns wenigstens und selbst verwalten lassen!“

Noch ist der Ausgang der Bewegung ungewiss, aber alle Welt in Guyana spürt, dass eine neue Zeit anbricht, ein gesellschaftlicher Umbruch, wo Fremdenfeindlichkeit dem Ruf nach Solidarität und Gleichheit weicht. Diese Entschlossenheit und Radikalität wollen wir mit der Kandidatur von Philippe Poutou auch in den Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich einbringen.

Quelle: https://npa2009.org/actualite/international/comme-en-guyane-resister-lutte

Übersetzung und Bearbeitung: MiWe

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