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Kultur

„Les nouveaux Mousquetaires“

Von Fragen von H. N. | 14. Januar 2013

Interview mit der Sangerin und Musikerin Blandine Bonjour

Interview mit der Sangerin und Musikerin Blandine Bonjour

Frage: Am 14. November 2012 habt Ihr – Bernd Köhler und Du – auf der Mannheimer Kundgebung zum Europäischen Aktionstag internationale, zum Teil historische ArbeiterInnenlieder gesungen.

Passt so etwas noch in die heutige Zeit?

B. B.: Internationale ArbeiterInnenlieder passen aufjeden Fall zu einer europäischen Aktion. Es müsste in der heutigen Zeit viel mehr Kontakt und Austausch zwischen den politischen Bewegungen der einzelnen Länder geben, um aufzuzeigen, dass die Krise überall aufKosten der „Kleinen“ (les gens d’en-bas) „gelöst“wird.

Historische Lieder finden wir wichtig, denn sie zeigen uns, dass die Kämpfe und die Hoffnung schon lange präsent sind, und sie können uns ein Beispiel geben und eine Ermutigung sein.

Frage: Eure Wurzeln sind in Lyon beziehungsweise in Ludwigshafen. Wie konnten zwei SängerInnnen mit so unterschiedlicher Herkunft zusammenfinden?

B. B.: Ich bin in Lyon geboren, habe Kindheit und Jugend in Frankreich verbracht, lebe aber seit 30 Jahren in Mannheim und bin seit noch längerer Zeitmir einem Deutschen verheiratet. Die nationalen Unterschiede sind für mich überhaupt nicht ausschlaggebend.

Bernd ist in Ludwigshafen geboren, ist schon in jungen Jahren nach Frankreich getrampt und interessierte sich für die französische ArbeiterInnenbewegung. Unsere Vorliebe für politische Lieder aber auch für die Poesie aufbeiden Seiten der Grenze (die für mich nicht existiert) hat uns zusammengebracht.

Frage: Welche Entwicklung hat Eure Zusammenarbeit seit den Anfängen genommen?

B. B.: Wir haben uns über einen Konversationkurs kennengelernt, den ich für ein paar Freunde angeboten hatte. Bernd hat dabei staunend das französische Chanson in seiner Vielfalt entdeckt. Er war damals mit der Gruppe ewo² unterwegs, hatte gerade zwei CDs herausgebracht und hatmich dann immer wieder bei Konzerten zu Liedern aufdie Bühne geholt.

Das erste gemeinsame Konzert war dann gleich ein Riesenerfolg und unsere Zusammenarbeit hat sich über zahlreiche Auftritte bis zur Produktion von zwei CDs entwickelt. Letztes Jahr kam unser erstes gemeinsames Lied „Les nouveaux Mousquetaires“ heraus, dessen Text ich geschrieben habe. Bernd hat die Musik komponiert. Das gleichnamige Album wurde zur CD des Monats in der deutschsprachigen Liederbestenliste im April 2012 gewählt.

Frage:
Auf Eurer zweiten CD „Les nouveaux mousquetaires“ präsentiert Ihr internationale Chansons. Habt Ihr den Eindruck, dass der Internationalismus in der Musik mehr als eine Randerscheinung ist?

B. B.: Unsere zweite CD zeichnet sich durch einen internationalen Charakter aus, der aber nicht beliebig ist. Durch Konzerte im Ausland oder Auftritte bei Migrantenveranstaltungen haben wir immer mehr Lieder aus Italien, Spanien oder der Türkei kennengelernt und in unser Repertoire aufgenommen.

Bernd meint, die Bedeutung der internationalen politischen Musik zeichne sich durch Wellenbewegungen aus. Nach dem Putsch in Chile gab es ein großes Interesse für lateinamerikanische Musik, die spanischen MigrantInnen in der Zeit der Franco-Diktatur brachten die Lieder des Widerstandes und der spanischen Republik nach Deutschland.

Wir sehen es als eine Aufgabe an, dieses Erbe wachzuhalten, Interesse immer wieder neu zu wecken. Ein Schwerpunkt wird aber das französische Chanson bleiben, diese Lieder hier mehrMenschen zugänglich zu machen und umgekehrt deutsche Lieder in Frankreich überhaupt erstmal bekannt zu machen. Obwohl ich letztens von einem französischen Chor „Das Einheitsfrontlied“ und „Die Moorsoldaten“ gehört habe.

Frage: Erreicht Ihr mit Eurer Musik nicht eher die älteren Generationen?

B. B.:
Klar! Wir gehören auch zu dieser älteren Generation, die die fulminanten 70er und 80er Jahre erlebt habt.
Aber auch jungen Leute können von unseren Liedern begeistert sein. Ich erinnere mich an ein Konzert in Südfrankreich, wo ein 30jähriger am Ende uns sagte: „J’ai la nostalgie de ce que je n’ai pas vécu!“ („Ich habe Sehnsucht nach dem, was ich nicht erlebt habe.“)

Eine 20jährige Französin will „Wir sind viele“, das Lied von Joanna, das wir oft singen, lernen, weil sie die ursprüngliche Version „L’estaca“ von Luis Llach singt und mag. Brassens, Moustaki, Ferrat und Barbara sind bei der jungen Generation – auf jeden Fall in Frankreich – immer noch sehr beliebt.

Frage:
Ihr tretet immer häufiger – auch überregional – aufKonzerten auf und singt bei politischen Aktionen. Welche Erfahrungen ermutigen Euch zu diesem großen Engagement?

B. B.: Bei jedem Konzert und jeder politischer Akti
on gibt es viele positive Rückmeldungen. Oft erzählen Leute von ihrer eigenen Erfahrung über ein bestimmtes Lied, über ihren Ursprung.

Wir lernen immer wieder etwas Neues dazu. Letztens im Odenwald kaufte eine Frau unsere CD, um sie mit nach Mali mitzunehmen, wo sie ein Projekt unterstützt. Sie war gerührt worden von dem Lied „Louise Michel“, eine Adresse an die Heldin der Pariser Kommune, wo es in der vorletzten Strophe heißt:

„Tu cries gare pour le vieux monde /Quand les femmes diront ça suffit!“ („Du rufst, pass auf, alteWelt, wenn die Frauen sagen werden, es reicht!“). Es erinnerte sie an den Kampfder Frauen in Mali, die mit dem Motto „ça suffit!“ („es reicht!“) aufdie Straße gegangen sind. Für uns ist es ermutigend zu sehen, dass Frauenkämpfe Zeit und Raum übergreifen.

Frage: Was sind Eure Pläne?

B. B.: Ich plane im Frühjahr, ein Konzertmit einem revolutionären Chor aus Nancy (Frankreich) in Mannheim zu organisieren, und im Laufe des Jahres wollen wir auch ein neues gemeinsames Programm erarbeiten, eventuell auch eine neue CD aufnehmen.

Bernd wird Anfang 2013 eine neue eigene CD mit Liedern herausbringen, die er in den vergangenen Jahrzehnten zu Arbeitskämpfen oder zum Thema Arbeitswelt geschrieben hat. Parallel zur CD wird es auch ein Liederbuch mit Texten, Noten und Hintergrundberichten geben.

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