“Der autoritären Leitung von Podemos fällt es schwer, mit der Vielfalt umzugehen.”

Auf dem Transparent von Izquierda Anticapitalista steht auf spanisch "Gegen die Krise, lasst uns die Kämpfe vereinen!". 2009 auf einer Demonstration gegen die Austerität. Foto: Antonio Casas, Mítin Izquierda Anticapitalista en Plaza de las Pasiegas, CC-BY-NC-ND 2.0

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Interview mit Brais Fernández von Anticapitalistas

“Der autoritären Leitung von Podemos fällt es schwer, mit der Vielfalt umzugehen.”

Von Juan Tortosa | 21. Januar 2018

Anticapitalistas, die Sektion der Vierten Internationale im Spanischen Staat, hat vom 7. bis 9. Dezember 2017 in Madrid ihren zweiten konföderalen Kongress durchgeführt. Izquierda Anticapitalista hatte im Januar 2015 eine Namensänderung in „Anticapitalistas“ beschlossen und in diesem Zuge auch eine juristische Umwandlung von einer Partei hin zu einer „asociación“ in die Wege geleitet.

Juan Tortosa aus Genf, Aktivist von solidaritéS (Schweiz), hat mit Brais Fernández von der Leitung von Anticapitalistas über den Kongress, den politischen Kontext und die Herausforderungen der nächsten Zeit gesprochen.

Juan: Was ist und woher kommt Anticapitalistas?
Brais: Anticapitalistas ist die Fortsetzung von Izquierda Anticapitalista [der 2008 aus der Umwandlung von Espacio Alternativo entstandenen Organisation Antikapitalistische Linke, Sektion der Vierten Internationale im Spanischen Staat]. Wir haben den Namen geändert, um uns an die Regeln anzupassen, die von der Leitung von Podemos durchgesetzt worden sind und die vorsehen, dass keine Mitglieder einer Organisation mit Parteistatus in den Leitungsorganen sein dürfen. Auch weil der Ausdruck „Linke“ in Spanien seit dem 15M [der Bewegung für „Democracia Real Ya!“ oder der indignad@s (Empörten), die am 15. Mai 2011 landesweit begann] stark abgewertet worden ist.

Aber darüber hinaus hat es eine Änderung in der politischen Konzeption gegeben: Izquierda Anticapitalista hat sich selbst als breite antikapitalistische Gruppierung links von der reformistischen Linken verstanden, wenngleich es nie gelungen ist, das zu materialisieren. Anticapitalistas stellt sich eine neue Aufgabe: breite antineoliberale Fronten auf Wahlebene aufzubauen, während wir eine unabhängige revolutionäre Organisation und starke autonome außerparlamentarische Bewegungen aufbauen. Eine neue Hypothese für eine neue Etappe, nach der Erfahrung des 15M.

Juan: Ihr habt vom 7. bis 9. Dezember 2017 den zweiten Kongress von Anticapitalistas abgehalten, der unter dem Motto stand „Construir movimiento construir anticapitalismo“ (Bewegung aufbauen, Antikapitalismus aufbauen). In welchem politischen Kontext hat dieser Kongress stattgefunden und was waren die wichtigsten Herausforderungen?
Brais: Es hat zwei große Debatten gegeben. Zum einen eine intensive und sehr interessante Debatte über die nationale Frage nach dem, was in Katalonien gelaufen ist, und nach der Zuspitzung der territorialen Krise in Spanien. Das ist eine noch nicht gelöste und offene Debatte; ausgehend von unserem Eintreten für das Recht auf Selbstbestimmung stellen wir weitere Fragen: Was bedeuten verfassunggebende Prozesse und wie konkretisiert sich das? Treten wir ein bestimmtes Modell von Staat ein oder nicht? Wenn ja, welches? Wie gehen wir an die nationale Frage heran und vermeiden dabei das, was Gramsci „kosmopolitische Wurzellosigkeit“ genannt hat, und wie behalten wir dabei eine internationalistische Perspektive bei?

Zum anderen ist es darum gegangen, wie wir uns in Zeiten der Ebbe in der Klasse verankern. Wir müssen mehr unter Jugendlichen, in den Gewerkschaften, in der feministischen und in der Ökologiebewegung verankert sein. Wir wollen nicht eine Organisation mit viel institutioneller Repräsentation [in Gemeinderäten, Regionalparlamenten etc.] und wenig Aktivismus von unten sein.

Juan: Es hat mich angenehm überrascht, dass nahezu Zweidrittel der Delegierten junge Leute gewesen sind und viele Frauen. Wie habt ihr die Ablösung von der alten Garde hin zu den Jüngeren hinbekommen? Und welche Schulung gebt ihr den Jungen?
Brais: Die Ablösung ist als etwas ziemlich Selbstverständliches vonstattengegangen, nicht zuletzt deswegen, weil die alte Garde, die von der LCR [Liga Comunista Revolucionaria, 1971 bis 1991] herkommt, immer sehr großzügig gewesen ist und sich nicht intern an die Macht geklammert hat, wie das in den kommunistischen Parteien der Fall gewesen ist. Es hat immer eine fortlaufende Offenheit gegeben und wir greifen ihr Erbe auf und bilden zugleich gemeinsam neue Bezugspunkte heraus. Beispielsweise lesen wir, die neue Generation, mehr von Gramsci als von Trotzki und das wird als etwas völlig Natürliches betrachtet. Wir haben viel Glück mit den Menschen gehabt, die von der LCR kommen, außerdem haben sie eine unglaubliche Fähigkeit, die neuen Erfahrungen zu assimilieren, das ist in der europäischen Linken etwas Einzigartiges.

Juan: Wie erlebst Du die Spannung zwischen der institutionellen Arbeit und den Aktivitäten auf der Straße, an den Tausenden von sozialen Fronten, bei denen ihr dabei seid? Wie schafft es eine Organisation von bescheidener Größe, dass sie es miteinander zu vereinbart und sowohl die Organisation aufbaut als auch die Bewegung aufbaut?
Brais: Das ist schwierig. Die repräsentativen Institutionen des kapitalistischen Staats absorbieren viel. Sie stellen einen liberalen Mechanismus dar: Sie dienen dazu, die politischen Widersprüche zu konzentrieren, und zwar in einem Raum, der mit der gesellschaftlichen Materialität wenig zu tun hat. Sie beanspruchen viel Zeit und drücken einem eine künstliche Zeitlichkeit auf. Daher kommt es darauf, politische Aktivitäten beizubehalten, die mit den Bewegungen verknüpft sind, die andere Problemstellungen in die Organisation hereintragen und die Schwerpunkte mit sich bringen, die eher unten angesiedelt sind.

Juan: Ihr habt in mancher Hinsicht eine gespannte Beziehung zu der Mehrheit der Leitung von Podemos, was sind die hauptsächlichen Herausforderungen, mit denen Podemos und mit denen eure Strömung innerhalb von Podemos es zu tun haben?
Brais: Anticapitalistas ist nicht eine Strömung von Podemos. Wir sind eine organisierte Bewegung, die den Impuls für breite radikale Strömungen in Podemos gibt. Nicht alle unsere Mitglieder sind in Podemos, und das ist auch nicht nötig, obwohl wir als der führende Teil des kritischen Sektors betrachtet werden (was sicher auch so ist). Es ist wichtig, das zu verstehen, denn anderenfalls versteht man Anticapitalistas nicht.

Die Spannung im Verhältnis zur Leitung von Podemos gibt es andauernd. Das ist eine sehr autoritäre Leitung, der es schwerfällt, mit der Vielfalt von Podemos umzugehen. Uns würde eine von mehr Zusammenarbeit bestimmt Politik besser gefallen, aber in Anbetracht der politischen Kultur, die es in Podemos gibt, ist das schwierig.

Juan: Kannst Du uns etwas zu ein paar Achsen eurer Arbeit in den kommenden Jahren sagen?
Brais: Wir müssen uns auf örtlicher Ebene und in den strategischen Sektoren der sozialen Kämpfe besser verankern: in den Gewerkschaften, der feministischen Bewegung und den ökologischen Bewegungen. Auf der anderen Seite kommen Momente der Ebbe und der Reaktion der herrschenden Klasse, um eine Restauration ihrer Ordnung zu erreichen. Da gilt es, Kader auszubilden, die politische Ausarbeitung und die Erneuerung der aktionsorientierten marxistischen Theorie fortzusetzen, dabei zugleich an der Wahlfront nach vorne zu gehen und eine Positionierung aufzubauen, die über die Parlamente hinausweist und die als genügend starke Gegenmächte dienen können, um das Zusammenprallen mit dem Kapital zu bestehen. Was die Bourgeoisie mit den arbeitenden Klassen in Südeuropa vorhat, das sind nur mehr Verarmung und mehr staatlicher Autoritarismus. Daher kommt es für uns darauf an, dass wir an einem von den Massen ausgehenden und radikalen Projekt arbeiten und das vorantreiben ‒ einem Projekt, das mit Härte auf den Klassenkrieg antwortet, das aber zugleich imstande ist, Menschen einzubeziehen, die nicht notwendigerweise revolutionär sind.

Aus dem Kastilischen übersetzt von Wilfried

Auf Englisch: „Anticapitalistas hold second congress“, http://internationalviewpoint.org/spip.php?article5321 (7.1.2018)

Bericht auf einer der Webseiten von Anticapitalistas: https://poderpopular.info/2017/12/15/celebrado-el-ii-congreso-confederal-de-anticapitalistas-construir-movimiento-construir-anticapitalismo/ (15.12.2018)

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