Bildung, Jugend

Das Bildungssystem als Herrschaftsinstrument

Von Korrespondent Jena | 1. Juni 2010

„Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.” Angeblich soll Winston Churchill einmal diese deutlichen Worte gesprochen haben. Heute kann man davon ausgehen, dass nicht der britische Premierminister, sondern eher das deutsche Propagandaministerium hinter dem oft zitierten Totschlag-Argument steckt. Nicht nur aus diesem Grund und, weil Churchill ein ausgemachter Reaktionär war, sollte diese Haltung in einigen Fällen noch einmal überdacht werden. Ein solcher Fall wäre beispielsweise die 19. Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks:

„Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.” Angeblich soll Winston Churchill einmal diese deutlichen Worte gesprochen haben. Heute kann man davon ausgehen, dass nicht der britische Premierminister, sondern eher das deutsche Propagandaministerium hinter dem oft zitierten Totschlag-Argument steckt. Nicht nur aus diesem Grund und, weil Churchill ein ausgemachter Reaktionär war, sollte diese Haltung in einigen Fällen noch einmal überdacht werden. Ein solcher Fall wäre beispielsweise die 19. Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks:

Diese zeigt nämlich deutlich, was sowohl Linke als auch kritische Bildungseinrichtungen wie beispielsweise der Bund demokratischer Wissenschaftler schon lange kritisieren: Das deutsche Bildungssystem ist hochgradig selektiv und reproduziert bestehende soziale Schichten.

Die Untersuchung wird seit 1982 durch das Hochschul-Informations-System durchgeführt; die Ergebnisse basieren auf mehr als 16 000 Fragebögen, die Studierende aus 210 Hochschulen im letzten Sommersemester ausgefüllt haben. Die Fragen bezogen sich unter anderem auf den sozialen Hintergrund und die finanzielle Situation der Studierenden.
Nachweis der Selektion
Es sollte kaum verwundern, dass der Anteil der AkademikerInnenkinder in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen hat: von 36 Prozent 1985 auf 51 Prozent im Jahr 2006, dieser Anteil ist konstant geblieben. Bei der Zusammensetzung der Studierenden nach ihrem sozialen Hintergrund spricht die Erhebung ebenfalls eine deutliche Sprache: 59 Prozent kommen aus den Gruppen „hoch“ und „gehoben“, 26 Prozent aus der „mittleren“ Schicht, lediglich 15 Prozent aus der „niedrigen“. Zum Vergleich: 1982 waren noch 23 Prozent der „niedrigen“ Herkunftsgruppe verzeichnet – die grundlegende Selektion des deutschen Bildungssystems ist also erschreckend stabil.
„Arbeitsscheue Studierende“?
Doch auch die Situation während des Studiums sieht alles andere als rosig aus: Um mit rapide gestiegenen Mieten und Studiengebühren in vielen Ländern zurechtzukommen, müssen die Studierenden arbeiten gehen – durchschnittlich 13,5 Stunden pro Woche, ein gutes Viertel bringt es auf mehr als 17 Stunden. Rechnet man die Studienzeit dazu, kommt für viele eine 44-Stunden-Woche zusammen. Der Mythos des „arbeitsscheuen” Studenten sollte damit endgültig begraben sein.
Neues Stipendienprogramm
Die Antworten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung auf die Problematik dürften die wenigsten tatsächlich überraschen: Die BAföG-Novellierung schafft es gerade einmal, die gröbsten Defizite, die seit 2008 bestehen, zu beseitigen und ist von einer wirklichen bedarfsdeckenden eltern- und herkunftsunabhängigen Studienförderung noch meilenweit entfernt. Zeitgleich dazu wird das neue nationale Stipendienprogramm an den Start gebracht. Dieses sieht vor, dass bis zu zehn Prozent der leistungsstärksten Studierenden monatlich bis zu 300 Euro erhalten. Dabei wird jedoch nur die Hälfte des Geldes von Bund und Ländern aufgebracht. Die andere Hälfte sollen die Hochschulen von privaten Unternehmen eintreiben. Dass so vor allem Anreize zur Förderung von im wirtschaftlichen Sinne verwertbaren Studiengängen geschaffen werden und ganz nebenbei die Solidarität der Studierenden durch einen stärkeren „Wettbewerb“ untereinander ausgehöhlt wird, sind angenehme Nebeneffekte. Vor allem aber zeigen die veröffentlichten Zahlen der Sozialerhebung, dass durch das neue Stipendienprogramm gerade die gefördert werden, die ohnehin aus wohlhabenden Familien stammen.
Welche Interessen?
Die vorgestellten „Reformen” des Bundesministeriums machen deutlich, wohin die Reise des deutschen Bildungssystems gehen wird: Stärkere Auslese, stärkere Konkurrenz unter den Studierenden, auch durch die begrenzte Anzahl der Master-Studienplätze, und stärkere Wirtschaftsbeteiligung. Für die anstehenden Proteste im Rahmen des Bildungsstreiks ergibt sich dadurch aber ebenfalls eine deutliche Perspektive: Es reicht nicht aus, sich bei den Forderungen auf „studentische Interessen“ zu beschränken, da die eigentliche Selektion bereits sehr viel früher ansetzt. Das Bildungssystem in seinem gesellschaftlichen Zusammenhang und seine Funktion, nämlich die Klassengesellschaft zu reproduzieren, muss als das erkannt werden, was es ist – ein Herrschaftsinstrument. Oder anders ausgedrückt: Der Kampf um die Hörsäle muss zum Klassenkampf werden – oder er wird scheitern.

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