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Die kapitalistische Krise und was wir ihr entgegensetzen

Abschnitt I: Die große Krise seit 2007 als notwendige Konsequenz des Kapitalismus

Von Jakob Schäfer/Guenther Sandleben | 2. Dezember 2009

Der Umgang mit der Krise von 2007ff ist eigenartig. Obwohl Krisen schon in der Vergangenheit die Wirtschaft regelmäßig, in Zeitabständen von sieben bis elf Jahren mal mehr mal weniger stark durchrüttelten und den Menschen regelmäßig die Botschaft brachten, dass da irgendetwas mit ihrem Wirtschaftssystem nicht stimmen kann, vergaß man sie auch diesmal wieder. Als die Krise 2006 nahte, wurde sie verdrängt. Ihre ersten Erscheinungsformen wurden als äußere, zufällige, rasch vorbeigehende Fehlentwicklungen verharmlost.

Der Umgang mit der Krise von 2007ff ist eigenartig. Obwohl Krisen schon in der Vergangenheit die Wirtschaft regelmäßig, in Zeitabständen von sieben bis elf Jahren mal mehr mal weniger stark durchrüttelten und den Menschen regelmäßig die Botschaft brachten, dass da irgendetwas mit ihrem Wirtschaftssystem nicht stimmen kann, vergaß man sie auch diesmal wieder. Als die Krise 2006 nahte, wurde sie verdrängt. Ihre ersten Erscheinungsformen wurden als äußere, zufällige, rasch vorbeigehende Fehlentwicklungen verharmlost. Als sie schließlich die Ökonomie im Herbst 2008 beben ließ, tat man so, als hätte man alles im Griff, als ließe sich die Krise durch Interventionen von Regierungen und Notenbanken managen. Erste Stabilisierungssignale aus der Wirtschaft vom Frühjahr 2009 wurden als Ende der Krise interpretiert. Als im zweiten und dritten Quartal das saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt in Deutschland gegenüber dem Vorquartal etwas stieg, glaubte man gleich, der vor der Krise noch als ewig gegoltene Wirtschaftsaufschwung würde sich doch noch fortsetzen – ein Ausrutscher sei die Krise gewesen, mehr nicht. Die Finanzmärkte feierten sogleich die Trendwende mit einem Kursfeuerwerk; Risiken, die noch vor wenigen Monaten die bürgerliche Welt schaudern ließen, sind verdrängt. Jetzt meint man, das „Ende der Rezession“ sei erreicht. Welchen Charakter hatte die bisherige Krise gehabt? War sie eine politisch vermeidbare Finanzmarktkrise oder war sie mehr, nämlich eine unvermeidbare Krise des kapitalistischen Systems? Welchen Gesetzen folgte sie? In welchem Verhältnis standen die Finanzmarktkrise und die Krise in Industrie und Handel? Warum fiel die Krise diesmal so heftig aus?

Um solche Fragen zu beantworten, müssen wir uns zunächst die Krise selbst ansehen, sie in ihren Erscheinungsformen und Entwicklungsstadien studieren, um ihren Ursachen, ihrem inneren Zusammenhang und ihrem Charakter auf die Spur zu kommen.
1) Phasen des bisherigen Krisenprozesses
Wenn wir die bisherige Krise in ihrer oberflächlichen Gestalt nehmen, dann zeigte sie sich als Absatzkrise von Waren, zunächst von Immobilien später allgemeiner als Absatzkrise in den wichtigsten Wirtschaftszweigen von Handel und Industrie. Aber diese partielle dann allgemeine Überproduktionskrise von Waren scheint auf dem ersten Blick keineswegs die Hauptsache gewesen zu sein. Es war die Kredit-, Geld-, Börsen- und Bankenkrise, kurz die Krise der Finanzmärkte, die besonders hervorstach, die besonders spektakulär verlief, die derart dramatische Formen annahm, dass man meinte, sie bilde bereits den eigentlichen Krisenvorgang und sei auf die Wirtschaft über gesprungen.

Jedenfalls traten all die Erscheinungsformen der Krise mit einer solchen Intensität hervor, dass man die Krise wegen ihrer besonderen Heftigkeit als „große Krise“ bezeichnete und rasch Parallelen zur großen Weltwirtschaftskrise von 1929/1932 zog.
Je nachdem, welche Krisenart in den Vordergrund trat und welche Kombinationen sie einging, teilt sich die allgemeine Wirtschaftskrise in ihrem bisherigen Verlauf in fünf Phasen, die wir nachfolgend analysieren wollen.

a) Erste Phase von Ende 2005 bis Mitte 2007: Partielle Krise (Immobilienkrise)
Der Beginn der ersten Phase der Krise kann auf Ende 2005 datiert werden, als die Abwärtsentwicklung des US-Immobiliensektors mehr und mehr einsetzte. Bereits im Juli 2005 erreichten die Hausverkäufe ihren Höchststand. Nach anfänglichen Schwankungen auf hohem Niveau setzte Anfang 2006 eine Abwärtsbewegung ein, die sich im Jahresverlauf beschleunigte. Im August 2008, dem ersten Höhepunkt der Finanzkrise, hatten sich die Hausverkäufe halbiert. Es waren zu viele Häuser gebaut worden im Vergleich zur zahlungsfähigen Nachfrage. Die Absatzstockungen führten zu einem Rückgang der Bauproduktion. Relativ rasch reagierten die US-Hausbaubeginne, die nach dem Höchststand im Januar 2006 noch stärker einbrachen (fast minus 60 % bis August 2008). Der Rückgang der Neubautätigkeit führte in der Baubranche und der Zulieferindustrie zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Es entstand die für den Kapitalismus ganz normale, aus Sicht einer güterwirtschaftlichen Ökonomie völlig paradoxe Situation, dass arbeitslos gewordene Lohnabhängige, die jede Menge Häuser gebaut hatten, nun die für ihr eigenes Haus aufgenommenen Kredite nicht mehr bedienen konnten. Sie wurden zwangsgeräumt, wurden wohnungslos, während die geräumten Häuser die Zufuhr auf dem Häusermarkt vergrößerten und auf diese Weise zu einem Preisdruck und zu weiteren Produktionseinschränkungen beitrugen. Entsprechend flachten sich die Preissteigerungen bei US-Immobilien ab. Der Case-Shiller Home-Price-Index erreichte im Juni 2006 seinen Höchststand, um dann beschleunigt zu sinken.

Für die vergebenen Immobilienkredite war dies ein kritischer Punkt. Denn die steigenden Immobilienpreise waren gerade der Katalysator gewesen, wodurch Immobilienkäufe und Kreditvergabe angetrieben worden waren. Zudem führten teurere Immobilien im Rahmen von Umschuldungen zu Geldeinnahmen bei den Schuldnern, wodurch eine zusätzliche Konsumgüternachfrage möglich wurde. Als aber dann die Preise sanken, statt weiter zu steigen, ließ sich ein Teil der Kredite nicht mehr bedienen. Zugleich verringerte sich der Finanzierungsspielraum für den Kauf von Konsumgütern. Die Konsumnachfrage erhielt einen Dämpfer.
Die USA gerieten in den Strudel einer hausgemachten Immobilienkrise. Später folgten die Immobilienmärkte in weiten Teilen Europas (vor allem GB, Irland, Spanien, Frankreich, Niederlande) und Asiens.

Wichtig ist, dass es sich hierbei um eine partielle Krise handelte, nicht um eine allgemeine Krise, die dadurch gekennzeichnet gewesen wäre, dass sie alle großen Wirtschaftszweige erfasst hätte. Das kam erst später. Die Weltkonjunktur entwickelte sich bis Ende 2007 sehr dynamisch. In Europa, vor allem in Deutschland, prosperierte die Wirtschaft noch bis ins erste Quartal 2008. Länder wie Russland, Brasilien, China, Indien und etliche Golfstaaten verzeichneten während der partiellen Krise anhaltend hohe Wachstumsraten. Die US-Wirtschaft wuchs moderat bis zum vierten Quartal 2007. Nach einem leichten Rückgang im ersten Quartal 2008 (-0,7 %) und einem sich daran anschließenden erneuten Zuwachs (+1,5 %) geriet die Wirtschaft erst im zweiten Halbjahr (III.Q: -2,5, IV.Q: -5,4) in einen Abwärtsstrudel.

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